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© Kempinski Portoroz
In seiner Bauart einzigartig, zählte das Grand Hotel in Portoroz bereits damals neben dem berühmten Excelsior in Venedig zu den größten Hotels an der Adria.
© Kempinski Portoroz

Wach geküsst

Über hundert Jahre und immer noch nicht müde – die ehemaligen Grand Hotels der Jahrhundertwende haben ihre beste Zeit noch vor sich.

von: Barbara Jahn

Man kennt sie alle, die schönen großen Hotels in Wien, das Sacher, das Imperial, das Palais Hansen, das Sanssouci und noch einige andere, die das Flair des bourgeoisen Fin de Siècle aufflammen lassen. Aber auch in mediterranen Gefilden – wo denn auch sonst – wo die Romantik und das Rendezvous mit der Geschichte einfach dazu gehören, erwachen einstige Grand Hotels zu neuem Leben. Die alten Prunkbauten, die um die Jahrhundertwende die High Society anlockten, die dort die Sommerfrische verbrachte, werden nach ihrem Dornröschenschlaf kräftig entstaubt und wieder auf Hochglanz gebracht. So bekommen die in die Jahre gekommenen gefeierten Hotel-Diven endlich das ersehnte Facelift, auf das sie doch mehrere Jahrzehnte warten mussten.

Sophia und Marcello
Es ist ein bisschen mehr hundert Jahre her, als das Grand Hotel in Portorož seine Portale für die betuchte Klientel öffnete. In den sogenannten Zehner-Jahren erlebte das Architekturjuwel im austro-ungarischen Stil des österreichischen Architekten Johannes „Giovanni“ Eustacchio seine erste Hochblüte. Zum damaligen Zeitpunkt verfügte das Hotel bereits über eine Art Wellness-Zentrum mit einer außergewöhnlichen Infrastruktur. Dem Glanz des beginnenden Jahrzehnts bereiteten jedoch die Weltkriege ein jähes Ende. Danach zunächst als Casino genutzt, später in den sechziger Jahren auch wieder als noble Herberge für das damalige Jet-Set, stieg nicht nur die europäische Aristokratie hier ab, sondern auch Berühmtheiten wie Marcello Mastroianni oder Sophia Loren. Anfang der achtziger Jahre zum „kulturellen Monument“ erklärt, erlebte es noch einmal einen kurzen Höhenflug. Nach einer weiteren Phase der Ungenutztheit von fast zwanzig Jahren sowie von Verfall und Vergessenheit bedroht, wurde erneut über ein Hotelkonzept nachgedacht. 2008 wurde das denkmalgeschützte Gebäude schließlich als Kempinski Palace Portorož wiedereröffnet. Direkt neben dem ehemaligen Grand Hotel entstand ein moderner, imposanter Zubau, der durch zeitgenössische Architektursprache mit dem dominanten, geschichts­trächtigen Haus perfekt harmoniert.

Einladend

© Anton Prock
Das Berliner Adlon folgte einem europaweiten Trend – wie das Ritz in Paris und London oder das Imperial in Wien.

Einladend
Heute vereint das Fünf-Sterne-Plus Hotel verschiedene architektonische Epochen, beginnend mit dem Stil der Jahrhundertwende über Art Nouveau, Bauhaus, Kubismus und Art Deco bis zur Moderne. Liebevoll ausgewählte Details begleiten das einstige Grand Hotel, in dem Traditionen viel Raum gegeben wird. Nicht nur der ehemalige Ballsaal, der sich mit großen Fenstern zu einer großzügigen Terrasse mit Blick auf die Promenade hin öffnet und in dem heute gefrühstückt wird, sondern auch der separate Herrensalon für Zigarren­genießer und der eigene Damensalon zelebrieren die damals schon sehr beliebten Gesprächs­runden. Dem französischen Innenarchitekten Jean-Claude Laville ist es gelungen, das Vermächtnis des alten Palace Hotels zu bewahren und stilvoll mit den modernen Bauelementen zu verbinden.

Vom Meer zum See
Ähnlich erging es dem am 30. Dezember 1899 zum ersten Mal eröffneten Hotel Lido Palace in Riva del Garda. Auch dorthin zog es alle, die etwas auf sich hielten. Dazu gehörten auch Mitglieder der Habsburger Kaiserfamilie und der europäische Adel, die, wenn sie nicht in Ischl weilten, das milde Klima und die Seeluft am Gardasee für ihre royale Sommerfrische sehr zu schätzen wussten. Das Haus verfügte über 102 Zimmer und bot den höchsten Standard der damaligen Zeit. Berühmtheiten wie Thomas Mann, Franz Kafka oder die amerikanischen Milliardäre Vanderbilt zog es in die noble Herberge am See, um diesen als nie versiegende Inspirationsquelle zu nutzen. Doch auch dieser Erfolgsgeschichte kamen die beiden Weltkriege dazwischen, die Gäste blieben aus, und das Lido Palace musste für viele Jahre schließen. Erst 1995 versuchte ein Investor einen Neustart mit bescheidenem Erfolg. Im dritten Anlauf, 2006 nach einer zweijährigen Renovierungs­phase, schaffte es die Lido Palace Spa Holding das Haus wieder dahin zu bringen, wo es hingehört: auf die illustre Bühne.

Venezianisches Know-how
Der Werdegang des Hotels ist eng mit der Historie von Riva verknüpft. Die Errichtung des eindrucksvollen Jugendstil-Gebäudes gehörte zu einem groß angelegten Projekt, das den gesamten Ort wirtschaftlich entwickeln sollte. Nach der umfassenden Sanierung – das Palasthotel wurde unter Bewahrung der historischen Elemente aufwändig restauriert – sowie der Errichtung eines neuen imposanten Anbaus in Form eines Schiffbugs aus Glas, Kupfer und Stahl hat das einstige berühmte Luxushotel heute nur noch 42 Zimmer. Auf dem Dach thront nun aber auch die neu geschaffene gläserne Etage, in der exklusive Suiten zu finden sind. Für die Neugestaltung unter Einbindung der historischen Bausubstanz wurde Architekt Alberto Cecchetto, Professor an der Universität in Venedig, engagiert. Große bodenbündige Glasflächen sowie die zusätzliche, komplett aus Glas gestaltete Etage auf dem Dach lassen die Grenze zwischen Drinnen und Draußen verschwimmen. Hochwertige Materialien und Stoffe zeugen von edlem Design, während klare Linien und schlichte Eleganz die Inneneinrichtung bestimmen. So knüpft nach mehr als 111 Jahren die Geschichte des Hotels als gelungene Symbiose aus Belle Epoche und moderner Architektur an den Glanz vergangener Zeiten an.

Das Park Hyatt ist eines jener gelungenen Beispiele, aus ehemaligen Bankzentralen in Hotels zu verwandeln.
© Park Hyatt Vienna

Von Süd nach Nord
Doch jenseits der Alpen weiß man die Grand Hotel-­Tradition zu schätzen. Eines der wohl leuchtendsten Beispiele von alten Architektur-Diven, die sich nicht unterkriegen lassen, ist das Berliner Adlon am Pariser Platz, einen Steinwurf entfernt vom Brandenburger Tor. Fast auf den Tag genau 90 Jahre nach seiner ursprünglichen Eröffnung im Oktober 1907 wurde das im Zweiten Weltkrieg niedergebrannte Gebäude im August 1997 wieder als das eröffnet, was es einmal war. Lorenz Adlon, ein vermögender Mann mit Kaffeehausimperium, wusste die Zeichen der Zeit zu erkennen und bot dem aus Amerika kommenden Trend, den Vergnügungen auf öffentlichen Bühnen zu frönen, seine Möglichkeiten: Abseits der reinen Übernachtungsmöglichkeiten wurde das Adlon mit seinen Spielezimmern, Rauchsalons und Ballsaal, Séparées, Bibliotheken und Cafés zum Hot Spot Berlins. Noch weiter in die Vergangenheit dringt die Geschichte des legendären Hotel d´Angleterre in Kopenhagen, die bis ins Jahr 1755 als Ausflugstätte zurückreicht. Unter Gottfried Raue wurde diese ausgebaut und erhielt 1787 ihren heutigen Namen. Auch hier schlug der Feuerteufel 1795 zu, Raue aber entschied sich für einen anderen Standort, um ein neues Hotel zu gründen. Nach 1817 wechselte das Hotel mehrmals seinen Besitzer und wurde schließlich von Det Kjøbenhavnske Bygge-Selskab erworben und in seine heutige Form umgebaut. 1875 wurde es wiedereröffnet, in den 2010er Jahren grundlegend renoviert. Auch das d´Angleterre hat von seiner Strahlkraft nichts verloren.

Und jetzt?
Einige altehrwürdige Immobilien in Wien, etwa das alte Handelsgericht in der Riemergasse, die Postsparkasse von Otto Wagner oder die Alte Post, warten noch auf ihre Gelegenheit, das Märchen „Frosch wird Prinz“ Wirklichkeit werden zu lassen. Andere – vorzugsweise ehemalige Bankgebäude wie das Park Hyatt oder das Sans Souci haben es bereits getan. Ob die Grand Hotels also Auslaufmodelle sind? Diese Zeugen – nur ein paar von vielen – behaupten das Gegenteil. Und sogar in der heutigen hektischen und digitalisierten Zeit erfüllen sie ihre Mission, Menschen in gemütlicher Atmosphäre auf neutralem Boden zusammenzubringen. Die Lobby eines solchen Grand Hotels scheint immer das gern besuchte zweite Wohnzimmer zu sein.


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Termine

Blick über den Stadtrand

Datum: 11. Oktober 2018 bis 30. November 2018
Ort: Schottenring 30, 1010 Wien

Bearbeitung eines bisher ausgeklammerten Kapitels

Datum: 22. Oktober 2018 bis 10. Dezember 2018
Ort: Architekturzentrum Wien, Museumsquartiert, 1070 Wien

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