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© Österreich Pavillon 2018, Foto: Martin Mischkulnig
Layers of Atmosphere / Henke & Schreieck
© Österreich Pavillon 2018, Foto: Martin Mischkulnig

Vorbildliche Koexistenz

Free Space – mit diesem Titel der diesjährigen Architektur-Biennale stellen die Kuratorinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara Zusammenhänge von Architektur und Weltbild her. Es geht um offene, soziale Räume – sowohl im klassisch architektonischen Sinne, als auch um eine Geisteshaltung.

von: Susanne Karr

Architektur ist eine soziale Intervention, ihre Auswirkungen betreffen alle. Sie ist also kein exklusives Prestige-Tool, sondern muss emotionales und intellektuelles Engagement beinhalten. Deswegen sollen die Beispiele auf der diesjährigen Architektur-Biennale in Venedig über das Visuelle hinausgehen und die Rolle der Architektur in der Choreografie des täglichen Lebens betonen.

Das Kuratorinnen-Team der Architekturbiennale ist mit Yvonne Farrell und Shelley McNamara von Grafton Architects Dublin übrigens erst zum zweiten Mal seit Biennale-Gründung mit Frauen besetzt. Grafton verfasste für ihre Arbeit einen Grundlagen-Text, das Freespace Manifesto. Darin formuliert sind Ansprüche an zeitgenössische und zukünftige Architektur und die Intentionen für die diesjährige Biennale. Zentral ist dabei ein Denken, das eine wechselseitige Einflussnahme verschiedener Lebensbereiche und Disziplinen begreift. Architektur soll Verantwortung übernehmen, sowohl gegenüber den Menschen, die von Architektur betroffen sind, als auch der Welt im Ganzen. „We see the earth as client“, heißt es im Manifest. Die Öffnung des architektonischen Raums geht mit der Öffnung des geistigen Raums einher. „Freespace umfasst die Freiheit der Vorstellung, den freien Raum von Zeit und Erinnerung, bindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen, baut auch ererbte kulturelle Schichten und verwebt Archaisches mit dem Zeitgenössischen.“

Architektur als Denken
Architektur als Denken verstanden, das auf den Raum angewendet wird: Dieser Gedanke passt ausgezeichnet zu den Überlegungen der österreichischen Kuratorin Verena Konrad, die dem Österreich-Pavillon den Titel „Thoughts Form Matter“ gegeben hat. Die Architekturtheoretikerin, Leiterin des Vorarlberger Architektur­instituts, hat bei der Konzeptionierung Wert auf einen Ansatz gelegt, der Zusammenhänge und Einflüsse unterschiedlicher Dis­ziplinen verdeutlicht. Sie hat drei Positionen ausgewählt, die im Pavillon miteinander kommunizieren sollen. Sie entschied sich für zwei Architekturbüros, nämlich Henke/Schreieck, die Architektur stark städtebaulich auffassen, und das Büro LAAC mit einem landschaftsbezogenen Fokus. Zu den beiden architektonischen Positionen hat sie die Designer Walsh und Sagmeister als Ergänzung gebeten. Ein Streben nach Ausgewogenheit in der Präsentation zeigt sich auch in Konrads Wahl der Teams. Jedes ist geschlechterparitätisch besetzt. Im folgenden Interview erklärt Konrad Entstehung und Hintergründe der gemeinsamen Arbeit. 

© Darko Todorovic
Verena Konrad, Kommissärin und Kuratorin des Österreich-Beitrags zur Architekturbiennale.
© Darko Todorovic

Interview

Thoughts form matter –  das Thema des Pavillons klingt sehr philosophisch und erinnert an Hermann Czechs Formulierung: „Das Thema der Architektur ist ­immateriell. Das eigentliche künstlerische ­Material ist nicht der Baustoff ...“
Verena Konrad: Das entspricht unserem Ansatz weitgehend, wobei als „Matter“ das Material eine wesentliche Rolle spielt. Als Kuratorin habe ich den Anspruch, dass Architek­tur sich nicht selbst thematisieren, sondern einen Blick auf die Gesamtaufgabe werfen soll. Mir liegt es am Herzen, Menschen zu zeigen, die mit Haltung und Ideen an Projekte herangehen und die Aufgaben zunächst intellektuell für sich aufschlüsseln. Ich habe keine Scheu, eine Lanze für die Theorie zu brechen – Theorie ist ein Analysieren der Gegenwart und dient der Problemlösung. Unser Viererteam hat dies­bezüglich ein starkes Sendungs­bewusstsein. Es geht in der Architektur um einen Beitrag für konkrete Problemstellungen.

Wollen Sie hier einem Mangel an ­Architekturtheorie ­gegensteuern?
Ja. Es gibt in Österreich wunderbare Lehrende und Studierende, die sich mit Theorie befassen. Es müsste aber eine für alle Architektinnen und Architekten geltende Grundlage geschaffen werden, so dass das eigene Handeln kritisch reflektiert und versprachlicht werden kann. Nur so kann man in Austausch mit der Gesellschaft gehen. Ich erwarte mir bei jeder Bauaufgabe ein Hinschauen auf den Kontext und die Produktionsbedingungen. Ich sehe das gar nicht nur als Selbstkritik der Architektur, sondern auch als systemisch. Wir haben ins Team auch eine Graphikerin und einen Graphiker hineingenommen, um Wissen aus benachbarten Disziplinen einzubinden. Das ist ein Sinnbild dafür, dass die gesellschaftliche Komplexität nicht durch einen einzigen Berufsstand interpretiert werden kann.

Wie wurde das Thema entwickelt?
Mir war es seit meiner Bestellung als Kuratorin ein großes Anliegen, zum Thema öffentlicher Raum zu arbeiten. Erst einige Monate später wurde das Generalthema „Free Space“ genannt. Für unsere Teams war es leicht, das Manifest von Grafton mit unseren Ideen zu verbinden.

Wie haben Sie die Ideen in diesen Kontext umgesetzt?
Wichtig war für die Arbeit des Kuratierens zunächst die Lage des österreichischen Pavillons – er ist ganz hinten in den Giardini, das heißt, ein Großteil der Besucher sieht ihn erst nach mehreren Stunden. Außerdem schreien sowohl Thema als auch Ort danach, konkret etwas zu tun, wirklich etwas zu bauen, und nicht mit Modellen und anderen Repräsentationsfiguren zu arbeiten. Wir haben mit drei kuratorischen Grundregeln gearbeitet: Die erste Regel: die eigene Arbeit mit dem Thema „Free Space“ zu kontextualisieren, mit dem österreichischen Pavillon, mit den Giardini in Venedig. Der Pavillon ist ein starkes Bauwerk, das rezipieren die Besuchenden mit, das ist nicht auslöschbar. Und die Giardini sind eine starke Figur, das gilt es mitzudenken. Die zweite Regel: Sich mit dem Manifest von Grafton beschäftigen und selbst befragen, welche Position man im Alltag einnimmt. Die dritte Regel: Innen und außen verbinden, nicht nur im Innenraum bleiben.

Und wie positionieren sich nun ­Schreieck, LAAC und Walsh/­Sagmeister zueinander?
Einer unserer Hauptbegriffe im Pavillon ist „Koexistenz“. Es geht, wie im öffentlichen Raum, nicht um richtig oder falsch, sondern darum, dass verschiedene Dinge nebeneinander gleichzeitig passieren. Die drei Positionen arbeiten unterschiedlich am gleichen Thema. Jeder hat eine eigene Bühne, aber es gibt Überschneidungen und Diskussionen, wie man den Raum nutzt. Das war ein spannender Prozess.

Drei Teams – das bedeutet sicher auch: ­unterschiedliche methodische Ansätze?
Die Biennale bietet für uns eine Gelegenheit, einen Zusammenschluss von denjenigen Menschen zu wagen, die ihre Arbeit aus einer geistigen Haltung heraus betreiben und sich mit dem geistigen Kapital beschäftigen. Gemeinsam kann man das Thema viel stärker sichtbar machen.

Sie sagen, man kann es „wagen“, sich ­zusammenzuschließen, das klingt, als betrachten Sie dies als einen mutigen Akt?
Uns ist es wichtig, Architektur als geistige Leistung sichtbar zu machen, als soziale und politische Figur, die über sich hinausreicht. Man holt sich Experten aus anderen Bereichen dazu. So schafft man ein kulturelles Klima, um sich komplexen Problemen stellen zu können und Dinge außerhalb der kleinen Regelwerke einer einzigen Branche zu sehen. Diesen Anspruch kann mit Interdisziplinarität gut angehen.

Im Pavillon gelingt also eine Integration ­verschiedener verwandter Disziplinen?
Mittlerweile gibt es viele Büros, die sich als kreative Kollektive sehen, wie etwa Snøhetta oder BIG – auch wenn Architektur darin die Hauptrolle spielt. Bezüglich Biennale – man will ja gesehen werden, und das lässt sich durch Differenz gut erreichen. Es geht nicht um Konkurrenz, auch nicht zwischen den Pavillons. Es geht um das Verknüpfen der einzelnen Eindrücke. Man kann also unser Thema „Koexistenz“ eigentlich für die gesamte Biennale übernehmen.

Wie sieht denn die Ausstellung im Pavillon konkret aus?
Es gibt drei Installationen, eine begehbare Holzkonstruktion von Henke/Schreieck, deren Thema „Layers of Atmosphere“ ist, und die über den Pavillon hinausgeht. Die zweite Installation, von LAAC, „Sphäre 1:50.000“, arbeitet sehr stark landschaftsbezogen. Sie orientiert sich sehr an Grafton: „We see the earth as client“. Wir als Menschen müssen uns in einem größerem Kontext sehen lernen. Die dritte Arbeit, von Walsh und Sagmeister, befasst sich besonders mit der Forderung, dem Funktionalismus und der Rationalisierung von Gestaltung nicht zu viel Raum zu geben. Diese Phase muss überwunden werden, ästhetische Bedürfnisse sind kulturelle Bedürfnisse. Die einzelnen Positionen bauen Spannung zueinander auf und verlangen vom Rezipierenden, sich selbst zu verorten.

Entsteht die Spannung durch innere Widersprüche oder durch die Anordnung?
Beides. Jedes der Projekte verlangt auch eine körperliche Positionierung, Die Frage nach dem eigenen Standpunkt ist immer auch einen politische und spielt in die Betrachtung mit hinein. Unser Wunsch, Metaphern dafür zu bauen, geht sehr gut auf.


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