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Stein auf Stein

© Nicolás Esteban Campodonico
Die San Bernardo Chapel in Argentinien (Architekt Nicolás Campodonico) zeigt die Flexibilität des Ziegels trotz starrer Quaderform.
© Nicolás Esteban Campodonico

Es ist die Geschichte von einem kleinen Ding, gerade mal 25 Zentimeter lang, 12 Zentimeter hoch und 6,5 Zentimeter tief, das zu Großem fähig ist: der Ziegel, der quer durch die Jahrtausende durch alle Hände gegangen ist und auch in Zukunft jene Handvoll Material sein wird, auf die man bauen kann.

von: Barbara Jahn

Nur mal so gefragt: Warum heißen Ziegel eigentlich „Klinker“? Nun, in der Über­lieferung rankt sich um diesen Namen jene Geschichte, dass dafür der hohe Klang, der beim Zusammenschlagen zweier Ziegel­steine entsteht, dafür verantwortlich sein soll. Und zwar bewertete man die Qualität der Ziegel danach, wie hoch und wie klar dieser war, denn umso hochwertiger war der quaderförmige Baustein, der als eines der ältesten Bauelemente Architektur­geschichte schrieb.

Alt, aber gut
Erfunden wurde der Ziegel als verlässliches Baumaterial schon vor 12.000 Jahren, als in Jericho die Urform des Ziegels aus luftgetrocknetem, ungebranntem Lehm, der annähernd rechteckig war, hergestellt wurde. Schon die frühen Hochkulturen erkannten, dass das Material langlebig ist und machten den Ziegel zu einem der wichtigsten Baustoffe der Menschheit, der stets weiterentwickelt wurde. Die Sumerer reicherten etwa 6300 vor Christus das Gemisch mit Sand, Stroh und Tierkot an, um ihm mehr Festigkeit zu verleihen und strichen den Ziegel bereits glatt. Das Rezept war derart ausgereift, dass die ersten Monumentalbauten in Babylon entstanden. 3.000 Jahre später wurde die Brenntechnik entwickelt, ein mühevolles Unterfangen, weil es ziemlich lange dauerte, um dafür die richtige Mischung zu finden. Immer wieder zerfielen die Lehmziegel bei der Prozedur, auch die Brenn­dauer und -temperatur musste erst heraus­gefunden werden. Die schließlich zuverlässigen „Backsteine“ – deren Name bis heute erhalten ist – wurden wie eine Luxusware gehandelt: 2000 vor Christus war ein gebrannter Ziegel etwa 30 Mal so viel wert wie ein luftgetrockneter Lehmziegel. Für das damals gängige Format in den Verhältnissen 1 zu 2 zu 4 kam weiters die Glasur groß in Mode, ein Brei, der auf den Tonziegel aufgebracht und mitgebrannt wurde.

© Dennis De Smet
Das Auditorium AZ Groeningen von Dehullu Architecten verschmilzt mit seiner rauen, grauen Ziegelfassade mit der Landschaft ringsum.
© Dennis De Smet

Beginn einer Weltreise
Die Erfolgsgeschichte des Ziegels nahm ihren Lauf: Ab zirka 1000 vor Christus begannen die Chinesen mit dem Bau der Chinesischen Mauer, ein mit Schutt aufgefülltes Hohlraumbauwerk, das wie ein Bollwerk gegen den Feind standhielt. Doch nicht nur die Verteidigung setzte den Ziegel ein, auch die Zivilgesellschaft profitierte von der soliden Bauweise. Auf der anderen Seite der Weltkugel legten sich die Römer ins Zeug, um die Ziegeltechnik weiter zu verbessern und zu verfeinern. Sie kam bei berühmten Bauten wie dem Pantheon und den großen Thermenbauten zum Einsatz, ebenso bei Privathäusern wohlhabender Bürger oder des Senats. Mit der Tradition der Feldziegelei – die Herstellung der Ziegel oblag dem Militär – und mit der Ausdehnung des Römischen Reiches verbreitete sich die Ziegelbaupraxis sehr schnell in ganz Europa, Nordafrika und Teilen von Asien. Die Brenntechnik der Römer war ausgereift und die Ziegel waren sehr schlank. Davon zeugen heute Ausgrabungen und Relikte von Brennöfen. Sämtliche Religionen ließen bedeutende Bauwerke aus Ziegeln errichten: Die Konstantin­basilika in Trier, die Sidi-Oqba-Moschee in Tunesien, die Hagia Sophia in Istanbul. Auf einfaches Verputzen der Fassaden folgte des Ornament aus Marmor, Tuffstein oder umgekehrt, wie es die Römer machten: Sie verkleideten Betonmauern mit Ziegelsteinen. Langsam begann sich auch das Format der Ziegelsteine zu verändern.

Gut gehütetes Geheimnis
Es folgten wechselvolle Zeiten für den Ziegelstein, der einmal total en vogue war und einmal nicht. Im Mittelalter erlebte der Ziegel eine seiner Hochblüten, denkt man nur an die Hochgotik, in der sich die römisch-­katholische Kirche mit den unglaublichsten Sakralbauwerken förmlich austoben konnte. An Bedeutung verlor der Ziegel jedoch in Gegenden, wo die Römer zurückgedrängt wurden – hier ging auch das Know-how verloren, das aber von ein paar Klöstern in Frankreich und in Deutschland gehütet wurde. In Italien bediente man sich herzhaft der Ziegeltechnik – kaum ein Bauwerk, das nicht aus den kleinen roten Quadern errichtet wurde. Im Rest Europas entsann man sich aber wieder der beliebten Technik, als andere Baustoffe rar wurden – der Ziegel erfuhr wieder einen Aufschwung. In Frankreich wurden die stillgelegten Ziegeleien wiederbelebt, zahlreiche im 11. Jahrhundert neu gegründete Abteien in Frankreich und Deutschland trugen zur Verbreitung und Neubelebung bei, insbesondere im Norden, auch in Skandinavien, wo man in Ermangelung von Bauholz und Gestein auf künstlich erzeugtes Baumaterial angewiesen war. Noch heute zeugen Bauwerke im Hanse-Raum von der unglaublichen Präsenz des Klinkers. Dieser war wie gemacht für die kühlen und feuchten Gefilde: perfekter Wärmeschutz und angenehmes Raumklima.

© Brigida Gonzalez, Mark Wohlrab, Volker Wiciok
Das Anneliese Brost Musikforum ergänzt mit einer Fassade aus Terrakottaziegeln die neogotische St.-Marienkirche in Ruhr (Bez + Kock Architekten).
© Brigida Gonzalez, Mark Wohlrab, Volker Wiciok

Immer top, niemals Flop
Es folgten die Renaissance und der Barock, wo man sich immer noch auf den Ziegel als Baumaterial verließ, jedoch versteckte man ihn mehr und mehr hinter prunkvollen Prachtfassaden. Doch der Erfolg des Ziegels war gesichert, denn Ereignisse wie der große Brand von London 1666 hatten tiefgreifende Veränderungen im Bauwesen zur Folge. Der Massivbau war nun das Maß aller Dinge und brachte auch einen leistbareren Preis mit sich. Doch auch in der Architektursprache wendete sich das Blatt wieder für den Ziegel: Die beginnende Industrialisierung ab 1800 ging mit einem neuen ästhetischen Empfinden einher. Ziegelfassaden in Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich und Deutschland prägten verstärkt das Stadtbild, jeweils mit ihren eigenen Stilrichtungen und Eigenheiten. Um den Ziegel noch leistungsfähiger zu machen, wurden überlieferte Techniken weiter verbessert, der gebrannte Ton wurde schließlich zur erschwinglichen Massenware und beschwor die Neogotik herauf. Viele Kirchenbauten zeigen ihr schlichtes, aber unvergleichliches Ziegelkleid, Karl Friedrich Schinkel adelte den Ziegel als ästhetisches Material, dessen Format endlich auch aus einer Vielzahl von Varianten immer mehr vereinheitlicht wurde.

Von Schalen und Kuben
Im 20. Jahrhundert, jenes der eklektischen Vielfalt und Strömungen, bedienten sich die Architekten gerne des berechenbaren Baumaterials. Unbedingt zu nennen sind hier Frank Lloyd Wright, der die Fuge zum gestalterischen Element machte. Neue Maßstäbe setzte gleich zu Beginn die AEG-Turbinenhalle in Berlin, geplant und 1909 fertiggestellt von Architekt Peter Behrens. Dieser schuf eine neue Industriearchitektur, die sich nicht mehr hinter historisierenden Fassaden versteckte. Zwischen 1927 und 1930 schuf Mies van der Rohe für zwei kunstsinnige Seidenfabrikanten in Krefeld zwei benachbarte Villen – Haus Lange und Haus Esters. Sie stehen signifikant für die klassische Moderne, geprägt durch das Ineinanderschieben von Quadern und Flachdach, vor allem aber auch durch die dunkelroten Ziegel. Sicherlich eines der spannendsten Projekte sind die Escuelas Nacionales de Arte in Havanna. Mit dem Bau wurde der junge Ricardo Porro be­auftragt – Fidel Castro wollte just auf dem Territorium der aristokratischen Golfspieler die beste Kunstschule der Welt errichten lassen. Porro holte sich Unterstützung von seinen italienischen Freunden Roberto Gottar­di, ein Schüler von Carlo Scarpa, und Vittorio Garatti, um das Projekt, das eine Bildhauer-, eine Musik-, eine Ballett- und eine Theaterschule sowie eine Schule für modernen Tanz umfassen sollte, zu planen. Es waren einzelne Baukörper auf einem weitläufigen Gelände geplant, die alle die gleiche Formensprache verwendeten: organisch. Denn alle drei Architekten waren sich einig, dass eine Stringenz à la Mies van der Rohe nicht der „cubanidad“ ent­sprechen würde – so entstanden die berühmten Schalen aus Ziegeln.

Quer über den Globus
Ein anderes Beispiel verbindet die Ver­gangenheit mit der Zukunft: Hamburg leistete sich die Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron, die ihr gläsernes Gebäude auf einem Backsteinspeicher mitten im Hamburger Hafen aufsetzten – ein klares Bekenntnis zur lokalen Bautradition. Auch junge Bauwerke wie die San Bernardo Chapel in Argentinien von Nicolás Campodonico zeigen die Flexibilität trotz starrer Quaderform, die Erfahrung der Geschichte und die Inspiration des Neuen in sich vereinend. Was mit Ziegel in der Architektur alles möglich ist, zeigt nicht zuletzt auch der Wienerberger Brick Award. Zum Beispiel das Termitary House von Tropical Space in Vietnam, das die Eigenschaften des Ziegels für die klimatischen Verhältnisse nützt. Auch das Office Building in Lustenau von Baumschlager Eberle oder das Auditorium AZ in Kortrijk von Dehullu Architecten zeigen, wie fit der antike Ziegel auch heute fit für jede Aufgabe ist.

© Hakan Svensson
Das Brick House, ein Wohnhaus in der Madrider Calle de Albacete, reizt den ornamentalen Charakter, der mit Ziegelsteinen möglich ist, stark aus.
© Hakan Svensson
© Oliver Heissner
Alt und Neu treffen bei der Elbphilharmonie aufeinander – den altehrwürdigen Speichern aus Backstein wurde von Herzog & de Meuron eine gläserne Krone aufgesetzt.
© Oliver Heissner

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