339 Interior Design
Die Ströer Content Group legte das Design der neuen Wirkungsstätte in Berlin in die Hände von ­Interior-Profi designfunktion.© designfunktion

Schöne neue Arbeitswelt

Vergessen Sie alles, was Sie jemals über Büros gewusst haben. Diese hier sind anders. Ganz anders. So sehr, dass man sofort tauschen möchte.

von: Barbara Jahn

Die Zelle war vorgestern. Der Großraum war gestern. Heute ist es der Open Space, aber morgen schon wird das Büro zur Erlebniswelt. Und das in vielerlei Hinsicht. Nicht nur die Technik wird weiterhin rasante Fortschritte machen, auch das ganze Drumherum muss damit Schritt halten, um auf das Verhalten der Menschen als Reaktion auf den neuen technischen Way of Work reagie­ren zu können.

Multispace – ein neuer Weg
Im April 2018 erschien eine neue Studie des Fraun­hofer Institutes IAO mit dem Titel „Wirksame Büro- und Arbeitswelten“, in Auftrag gegeben von design­funktion.de. Dazu wurden 1.000 Personen befragt, die sich innerhalb ihrer jeweiligen Organisation intensiv mit dem Thema „Neue Arbeitswelten“ auseinandersetzen. Das Ergebnis spricht für sich: Mehr als die Hälfte der Befragten ist davon überzeugt, dass der „Multispace“ die dominante Büroform der Zukunft sein wird. Aber was ist das eigentlich? Dazu gibt es folgende Definition: „Ist eine Bandbreite an Raumoptionen in der Arbeitsumgebung vorhanden und kann diese flexibel von allen Mitarbeitenden genutzt werden, besteht eine signifikant höhere Unterstützungsfunktion der Arbeitsumgebung. Darüber hinaus wird Zusammenarbeit stärker gelebt, es besteht ein höheres Ausmaß an Selbstbestimmung und auch die Arbeitgeberattraktivität wird deutlich positiver bewertet. In der räumlichen Anordnung spiegelt Multispace die Unternehmenshierarchie im Vergleich zu anderen Arbeitsumgebungen am wenigs­ten wider. Hinzu kommt, dass Multispace­-Arbeitsumgebungen deutlich mehr Rückzugsmöglichkeiten für konzentriertes Arbeiten sowie zur kurz­zeitigen Erholung bieten als alle anderen Büroformen – auch mehr als Arbeitsumgebungen mit Einzelbürostrukturen.“

Neue Wiener Planschmiede
Sie kann also kommen, die Zukunft, auch in Österreich wird fleißig an neuen Büroformen getüftelt. Etwa vom jungen Wiener Architekturbüro Franz & Sue unter dem Motto „From Architects with Love“. Hier nimmt eine Vision Gestalt an „als Herzensprojekt, mit dem wir in Österreich etwas Neues wagen wollen“, wie es heißt. Gemeinsam mit den beiden ebenfalls in Wien ansässigen Architekturbüros Solid und Plov wird bis 2019 im Sonnwendviertel ein eigenes Bürohaus und Architekturcluster mit öffentlich zugänglicher Kantine und Veranstaltungsraum entstehen. Die Planung dabei stammt von Franz & Sue unter intensiver Einbindung aller künftigen Nutzer. Neu bei dieser Aufgabe ist für die jungen Architekten freilich, das Projekt gleichzeitig durch die Augen des Bauherrn zu betrachten: „Wir Architekten wollen selbst Auftraggeber sein und gemeinsam ein Bürohaus bauen, das wir auch selbst nutzen. Ein Haus zum Arbeiten, in dem wir diskutieren und Wissen teilen können, mit einer öffentlichen Kantine für gemeinsame Mittagessen und einen Raum für Veranstaltungen.“ Mit diesem herausragenden Zugang soll es in Zukunft gelingen, branchennahe Synergien zu nutzen. Es wird ein buntes und lebendiges Haus, übrigens mit seinen nicht gerade für einen Bürobau typischen 3,20 Metern Raumhöhe, inspiriert vom klassischen Wiener Gründerzeithaus. „Wir werden dort leben und arbeiten, Kaffee trinken, gute Mittagessen zu uns nehmen, Feste feiern und noch viele, viele Pläne schmieden.“

Share and Care – das New Work Ideal
Das Projekt schlägt in die richtige Kerbe: Die Verflechtung, die Flexibilität, die Multifunktion vom Einzelbüro bis zum Teammeeting ist eine Vision des letzten Jahrzehnts, die jetzt erst so richtig ihre Chance bekommt. Coworking heißt die Philosophie, die dahinter steckt. An diesen Orten der Begegnung, wo Branchen einander begegnen, wo jeder sein eigener Chef und sein einziger Mitarbeiter zugleich ist, gibt es inspirierenden, fruchtbaren Boden für Netzwerker. Realisiert wird das beispielsweise von der Ströer Content Group in Berlin, umgesetzt von Designfunktion. Die knifflige Aufgabe war es, eine Standardbürofläche in etwas Besonderes zu verwandeln. Aufregend sollte es sein, viel Bewegungsfreiheit für die Mitarbeiter sollte es haben – ganz nach dem New Work Ideal. So gibt es nun eine reichhaltige Auswahl mit unterschiedlichen Aufenthaltsqualitäten für verschiedene Funktionen, allesamt hipp und außergewöhnlich. So gibt es etwa neben „klassischen“ Funktionen auch ein Baumhaus und ein Sportstudio.

Global, kreativ, effektiv
Wichtig ist selbstverständlich, dass derartige Büros eine internationale Sprache sprechen. Global agierende Konzerne, deren Mitarbeiter schnell mal nicht nur den Schreibtisch, sondern gleich den Standort wechseln, müssen sich schnell zurecht finden – sozu­sagen andocken und losarbeiten. Die Global Digital Factory in München, die der Allianz SE gehört, ist ein solches Beispiel, das in Zusammenarbeit von UNStudio und conceptsued° entwickelt wurde. Hier im Münchner Werksviertel am Ostbahnhof geben sich die Versicherungs- und Digitalisierungsexperten des Konzerns die Klinke in die Hand. Es muss kreativ, aber auch äußerst effektiv gearbeitet werden. Die Entwerfer schufen eine Landschaft aus Begegnungszonen und Rückzugsorten, in der jeder genau das findet, was er gerade braucht: Konzentration, Auszeit, Teamwork oder Anregung. Nahtlose Übergänge in unterschiedliche Bereiche, jeder für sich mit beschreibbaren Wänden und neuester Medientechnik ausgestattet, aber auch alle mög­liche Konstellationen von mobilem, vielseitigem Mobiliar lassen den Nutzer durch verschiedene Welten reisen – so das Ansinnen der kreativen Entwerfer dieses Interiorprojektes.

Picknick und Tischfußball
Der Firmenhauptsitz der renommierten Designagentur Yabu Pushelberg in Toronto hat nach 23 Jahren ein Face­lift bekommen. Man hat sich radikal von den Einzelbüros getrennt und einen durchgestalteten Großraum kreiert, der auch die flache Hierarchie des Unternehmens widerspiegeln soll: Alle Tools für alle an Bord. Damit wurde auch ein neuer Arbeitsansatz initiiert. Luftig und leicht wirkt die Arbeitsstätte, jeder Raum und besonders die Meetingbereiche sind originell eingerichtet und gestaltet. So gibt es zum Beispiel Picknicktische für den angeregten Austausch in lockerer Atmo­sphäre oder den Salon für Gäste mit einem Sammelsurium unterschiedlichster Fundstücke oder Tischfußball für die Mitarbeiter für zwischendurch. Der Zugang ist höchst unkonventionell, aber lässt die „Mannschaft“ näher beieinander sein. Körperliche Ertüchtigung, gemeinsames Kochen und Essen, Arbeiten im Team mit viel Kommunikation – der Erfolg gibt diesem Konzept Recht.

Im Büro daheim
Das viel zitierte Büro zum Wohnen – in den letzten Jahren von vielen Möbelproduzenten auch schon etwas überstrapaziert – ließ die finnische Innenarchitektin Joanna Laajisto Realität werden. Sie stellte die Atmo­sphäre in den Vordergrund und zunächst gar nicht so sehr das Aussehen. Das Ergebnis ist eine 1.000 Quadratmeter große Bürofläche mitten in Helsinki, die mit sorgfältig ausgewählten Materialien zu einer riesigen Wohngemeinschaft wurde. Hier arbeitet die finnische Designagentur Fjord zwischen Eichenparkettböden und Sisal-Teppichen, Leinenvorhängen und Holz­stühlen. Ein besonderes Plus sind auch die groß­zügigen Küchen, die frei zur Verfügung stehen – auch an einem Samstagabend, wenn das Office eigentlich geschlossen hat und trotzdem alle gerne hierher kommen, um sich mit den Kollegen zu Pizza, Bier und Kinoabend zu treffen. Da hat wohl jemand etwas ganz richtig gemacht.

© UNstudio
© AKIM-Photography
© Studio Joanna Laajisto

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Der größte Ideenwettbewerb für innovativen Urbanismus und Architektur in Europa geht in die Jubiläumsrunde.

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Ausloberin: Gemeinde Finkenberg, Dorf 140, 6292 Finkenberg, vertreten durch Bürgermeister Andreas Kröll

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Auftraggeberin: Alpenländische Heimstätte Vorarlberg, Vorstadt 15, 6800 Feldkirch

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Ausloberin: Gemeinnützige Salzburger Wohnbaugesellschaft m.b.H., Ignaz-Harrer-Straße 84, 5020 Salzburg

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Auslober: Wien 3420 Aspern Develoment AG, Seestadtstraße 27/13, 1220 Wien

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Datum: 24. April 2019 bis 09. September 2019
Ort: Architekturzentrum Wien Museumsplatz 1 , Museumsquartier Wien

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