339 Architektur

Reiz der Vergänglichkeit

© Steve Herud
Hotelhappening „The Lovelace“, München: Je nach Tageszeit Coffeeshop, Flying Lobby, Raum für Lesungen oder Partylocation.
© Steve Herud

Zwischennutzung bestehender Immobilien wird immer beliebter. Leerstände sind für Immobilienverwalter und Developer nicht nur finanziell unvorteilhaft. Innovative Nutzungsmöglichkeiten und unkomplizierte temporäre Projekte bieten den Vorteil, Standorte bekannt zu machen und deren Attraktivität zu steigern.

von: Susanne Karr

Überraschend hat eine neue Bar eröffnet, ein Pop-up-Store, ein kleiner Bubble-Tea-Shop, alle mit Ablaufdatum: Die Alternativen für Zwischennutzungen leerstehender Gebäude erweitern sich ständig. Hotels, Cafés, Ateliers, Studios, Co-Working-Spaces – es gibt wenig, was nicht ausprobiert wird. Flexibilität und deutlich niedrigere Investitionen machen zeitlich limitierte Projekte attraktiv. Sie passen auch zum Lifestyle vieler Menschen, die Wert auf Abwechslung und Kooperationsmöglichkeiten legen oder sich gerne von einem kreativen Umfeld inspirieren lassen. Der Gedanke nachhaltiger Nutzung von Kapazitäten spielt dabei eine maßgebliche Rolle. Das Potenzial großer freistehender Räume kann durch gemeinsame Verwertungs­konzepte mitunter erst richtig erschlossen werden. Hat diese Art von Gebäude­nutzung Aspekte von Nachhaltigkeit im Sinn? Geht es um eine Nutzungs-Verdichtung? Es lassen sich zahlreiche positive Aspekte entdecken.

Auch seitens der Developer wird das Thema immer beliebter, vor allem kreative temporäre Nutzungen oder Urban-Gardening-Projekte werten Image und Standort auf. Demgegenüber stehen immer noch zahlreiche ungenutzte Raumpotenziale. Eine verpflichtende Meldung von Leerständen, wie etwa in Amsterdam, gibt es nicht in allen Städten. Es wäre aber begrüßenswert. Geeignet für Zwischennutzung sind weder eine bestimmte Architektur noch spezielle Raumgrößen. Vielerlei lässt sich aufgrund vielfältiger Ansprüche verwenden. Besonders gelungene Projekte stammen, neben den Klassikern aus kulturellen Nutzungskonzepten, aus den Bereichen Hotel, Gastronomie und kollektiver Bespielung von Arbeitsräumen.

Lovelace
In bester Innenstadtlage Münchens bietet das „Lovelace, ein Hotel Happening“ seit 2017 seinen Gästen Palais-Zimmer und Box-Studios, Lesungen, Performances, Rooftop-Bars, Clubnights, Yoga und Co-Working-Spaces. „Das tägliche Programm wird so wichtig wie die Zimmer“, heißt es in der Broschüre. Im 1860 für die Staatsbank errichteten Prunkbau findet eine Vielzahl von Veranstaltungen statt, für alle zugänglich und von Stadtbewohnern ebenso genutzt wie von Hotelgästen. Im Prinzip greift das Lovelace das Prinzip des Grand Hotels von früher auf, das in erster Linie ein urbaner Ort war, offen für alle, eben und gerade auch die ansässigen Städter, mit Gastronomie, Events und Übernachtungsmöglichkeiten. Heute sind viele Hotels hauptsächlich touristische Orte, mit möglichst vielen Betten und wenig kulturellem Input. Dem „Lovelace“ gelingt es indes, eine moderne Version des Gesamtkunstwerks Hotel vorzustellen, an dem Stadtbewohner auf internationales Flair treffen, die Reisenden hingegen etwas vom Spirit der Stadt mitbekommen. Es wird bereits nach neuen geeigneten Immobilien für ein Nachfolgeprojekt gesucht, das sich die Macher auch in Wien gut vorstellen könnten.

Diverse Szenen
Gerade in hochpreisigen Städten wie München oder Wien richten sich Lokale oft an bestimmte soziale „Schichten“. Dieser Tendenz stellen sich Zwischennutzungs-Projekte entgegen, weil durch die abwechslungsreiche Programmgestaltung verschiedenste Leute angezogen werden. Durch das Konzept der temporären Bespielung werden Flächen geschaffen, die in normalen Mietverhältnissen an solchen Orten undenkbar wären – etwa Boxclubs und Yoga-Studios. Die entstehende lebendige Atmosphäre schafft einen einzigartigen Eindruck.

Gerade der temporäre Aspekt trägt mit zum Erfolg bei, als würde eine Art „Traumland“-Gefühl entstehen, als gäbe es den Ort gar nicht in der Realität. Man möchte schnell dabei sein, bevor alles wieder vorbei ist. Die Anlaufphase verkürzt sich, das Publikum lässt sich nicht so lang Zeit, bis es einmal den neuen Ort besucht. Auch Unternehmen erkennen das Potenzial für lebendigere, kreativere, einfach ungewöhnlichere Prozesse solcher Orte und mieten sich mit Veranstaltungen und Co-Working-Spaces ein.

Luftschloss Wien
Die Mischung aus Café, Lokal und Ausflugsziel mit Tanzveranstaltungen und Kunstateliers
im Grünen an der Wiener Höhenstraße kam so gut an, dass der ursprüngliche Pachtvertrag seitens der Stadt verlängert wurde. Das erfolgreiche Zwischennutzungskonzept „Luftschloss“ für den Cobenzl setzt auf thematische Vielfalt. Ganz im Gegensatz zum vormals traditionellen, eher konservativen Flair, gibt sich das Lokal samt Park lässig und spielt mit den Assoziationen von Gebäude und Ambiente. Innovative Spritzwein-Variationen werden auf der Terrasse kredenzt, mit Stadtblick, und umweltbewusst, ohne Plastikstrohhalm. Yogakurse finden auf der Wiese statt, überhaupt vermittelt sich ein angenehm unprätentiöser Eindruck, eine gewisse Souveränität im Umgang mit dem Vorhandenen. Die momentanen Betreiber haben beim Wettbewerb für den bevorstehenden Umbau in Kooperation mit der Architektin Susanne Zottl immerhin den dritten Platz erreicht – wobei ein zweiter Platz nicht vergeben wurde.

Allerdings gibt es auch Wermutstropfen bei allem Lob: natürlich sind Experimentier­flächen, wie temporäre, günstige Ateliers für Künstlerinnen und Künstler ein Pluspunkt, allerdings wird einer generell prekären Situation nicht wirklich gegengesteuert. Der Nutzen scheint mehrheitlich auf Seiten der Pachtgeber und Vermieter. Sie schmücken sich mit der Kunst und verdienen obendrein daran.

Wettbewerbsbeitrag für das Schloss Restaurant Cobenzl: Außen- und Grünraum nutzen, älteste Gebäudeteile neu inter­pretieren und für Events adaptieren (3. Platz Architektin Susanne Zottl)
© Suanne Zottl / Rendering: Isochrom Wien

Urban Gardening
Auch bei Bauträgern ist die Idee der besseren Auslastung von Gebäudekapazitäten längst angekommen. Vom Standpunkt der Entwickler spielen Lage und mögliche Steigerung der Bekanntheit durch temporäre Verwendung eine Rolle. Weitere Pluspunkte sind Gegensteuerung zu Verlusten durch Mieteinnahmen und Verhinderung von Qualitätsverlust durch Leerstand. In Graz etwa betreibt ARE DEVELOPMENT auf dem Areal von Reininghaus ein Urban Gardening Projekt mit Morgentau Gärten: Rund 5.000 Quadratmeter stehen bis Ende 2019 zur Bepflanzung mit Obst und Gemüse zur Verfügung. In Wien-Meidling wird derzeit die Bauphase des neuen Stadtquartiers „Wildgarten“ mit rund 1.100 Wohneinheiten von einer Zwischennutzung durch die gesamte Projektentwicklungsphase begleitet: es gibt Sommer­kino, Koch- und Kräuterworkshops, ein Nachbarschaftszentrum wird etabliert, alles läuft ­parallel zu den Bauarbeiten weiter.

Sharing Economy
Eine andere Art der Zwischennutzung beziehungsweise Entwicklung von vorhandenen Raumpotenzialen zeigt sich bei Initiativen wie dem „Raumteiler“ (imGrätzl.at) in Wien. Menschen, die über untergenutzte Räume verfügen, vernetzen sich mit solchen, die nach temporärer Verfügbarkeit suchen. Hauptsächlich richtet sich die Plattform an Selbstständige. Unendlich viele Möglichkeiten ergeben sich, sogar der zeitweise ungenutzte Friseursessel wird von einem anderen flexiblen, mobilen Friseur gefunden und verwendet. Tanzstudio, Praxis oder Musikatelier finden mehrere Nutzer. Die gesteigerten Potenziale können auf die Idee der Stadtverdichtung einen positiven Einfluss haben, zudem lernt man andere Selbstständige aus dem Viertel kennen, kann sich einen erschwinglichen Arbeitsraum teilen. Vielleicht zeigt sich hier ein Paradigmenwechsel in Richtung Sharing Economy, Minimalismus und Kooperation.Zwischennutzung kann Einstieg für Leerstandsaktivierung sein, weiß die Agentur „Kreative Räume Wien“. Außergewöhnliche architektonische Objekte kommen so mitunter zum ersten Mal ans Licht der Öffentlichkeit. Es gibt einige mögliche Anbieter, denen Konzept und Vorteile nicht allzu geläufig sind, es besteht also noch Raum für die Ent­wicklung temporärer Potenziale.

Die Nordbahnhalle Wien wird für Lehrveranstaltungen der TU Wien, Ausstellungen, Ateliers, Co-Working-Spaces genutzt.
© Markus Fattinger – Architekturfotografie

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