337 Naturstein

Interview. „Architekten ein Gefühl für ­Naturstein vermitteln“

© Foto Kress
„Werden Steinmetze schon in der Planungsphase hinzugezogen, können sie ihr Wissen über den Stein an die Architekten weitergeben.“
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Norbert Kienesberger, Innungsmeister der Steinmetze in Oberösterreich und Geschäftsführer der ­Kienesberger Steinmetzmeister GmbH & Co KG, im Gespräch.

Im Mittelalter und während der ­Renaissance hatte Naturstein einen hohen Stellenwert in der Baukunst und der Bildhauerei. Steinmetze genossen hohes Ansehen. Haben diese Werte an Bedeutung verloren?
Die Weitergabe von Wissen hat im Steinmetzhandwerk eine lange Tradition. Denkmäler dieser Epochen zeugen von der hervorragenden Ausbildung in den jeweiligen Werkstätten und Bauhütten. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts beginnt, in einer Zeit des steigenden Wohlstandes, das zuvor hohe Ansehen der Steinmetze und des Handwerks insgesamt zu sinken. Das Erlernen von Handwerken scheint altmodisch, staubig und weniger erstrebenswert.

Ist eine Trendwende erkennbar?
Zur Mitte des letzten Jahrhunderts erlebte die Produktion von in Marmor ausgeführten Kunstwerken eine neue Entwicklung. Künstler aus verschiedenen Ländern zog es in die Toskana, um Carrara Marmor zu bearbeiten oder bearbeiten zu lassen. Eine reiche Kunstszene bildete sich. Auch in der Baukunst zeigt sich seit einigen Jahren eine Bewusstseinsänderung und somit eine Trendumkehr. Dieser Prozess ist jedoch wenigen Idealisten zu verdanken, die sich an Bildungsinstituten, Dombauhütten und in Betrieben mit Stolz für das ehrenwerte Handwerk einsetzen. An österreichischen Universitäten werden hingegen für Architekturstudenten keine Vorlesungen über Natursteinkunde angeboten.

Wie lassen sich Erkenntnisse in der Steinbearbeitung an die Architekten vermitteln?
Indem Steinmetze schon in der Planungsphase als Partner der Architekten und Experten hinzugezogen werden, wo sie, so wie Statiker und Bauphysiker, ihr Wissen über das Baumaterial Stein und dessen statische und bauphysikalische Eigenschaften auf Augenhöhe vermitteln können. Darüber hinaus können Steinmetze, die ja in der Vergangenheit selbst Baumeister waren, den Architekten ein Gefühl für Naturstein vermitteln, das sie in ihrer Ausbildung nicht bekommen. Denn eine umfassende Beschäftigung mit Naturstein ist alleine ähnlich aufwändig wie ein Studium.
Ich persönlich habe sehr gute Erfahrungen mit Architekten gemacht, die zu solchen ­Dialogen bereit sind. Von einem Wissens­austausch können beide Seiten und in der Folge auch Bauherrschaft und das Gewerk profitieren.  

Wie reagiert die Steinmetzzunft auf neue Techniken wie computer­gesteuerte Maschinen?
Zu Beginn der technischen Entwicklung und auch durch Billigimporte waren viele Handwerker unglücklich, denn es gingen Arbeitsplätze und Qualifikationen verloren. Doch viele Unternehmen haben die neuen Chancen erkannt, so ist hierzulande die Dichte an technisch gut ausgestatteten Betrieben sehr hoch. Mithilfe computergesteuerter Steinbearbeitung können Formen, die im Mittelalter in Handarbeit ausgeführt wurden, heute wieder zu leistbaren Konditionen hergestellt werden. Parallel dazu ist durch einen hohen maschinellen Vorfertigungsgrad auch die reine Handarbeit wieder gefragt. Erfolge österreichischer Jungsteinmetze bei internationalen Berufswettbewerben zeigen dies eindrucksvoll. Eine noch junge Entwicklung ist die Zusammenarbeit mit Künstlern und Designern bei Workshops. Ziel ist es, Werke zu entwickeln, die erst durch moderne Maschinenunterstützung möglich sind. So entsteht kein Konkurrenzkampf zur traditionellen Bearbeitung, sondern ein neues Betätigungsfeld.

Ist Naturstein für heutige Bauherren nicht zu teuer?
Bezogen auf die vielen Vorteile gegenüber Alternativmaterialien handelt es sich grundsätzlich um einen äußerst preiswerten Baustoff. Selbst die Kosten für hochpreisige Natursteinmaterialien, die aufgrund ihrer besonderen Ästhetik ausgewählt werden, wirken sich durch die Aufwertung des Gesamtprojektes meist nur gering aus. Insbesondere im Fassadenbau ergeben sich für Naturstein konkurrenzlos gute ­Werte, wie geringe Wartungs-, Erhaltungs- und Reinigungskosten.

Wo liegen die Vorteile von Naturstein gegenüber dem Kunststein?
Der ökologische Baustoff Naturstein hat in vielen Bereichen mit Konkurrenz aus industrieller Fertigung zu kämpfen. Trotz vieler ökologisch begründeter Bedenken gegenüber künstlich produzierten Konkurrenzprodukten schaffen es die Produzenten, diese sogar mit vermeintlich besseren Eigenschaften als Naturstein auf dem Markt zu positionieren. Für mich persönlich kommt nur Naturstein in Frage, auch wenn ich mit Kunststeinen gute Geschäfte machen könnte. Ich bin davon überzeugt, dass sich Naturstein langfristig durchsetzen wird. Denn das Design von Kunststein ist immer dem Zeitgeist unterworfen und wird dann auch wieder unmodern.


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