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Eine Architekturikone wird wiederbelebt

© Leo Fellinger / © Josef Weichenberger architects + Partner
71 Meter lange Geschoßträger aus Spannbeton kragen an beiden Seiten des Gebäudes je 16 Meter über die Stützen frei aus.
© Leo Fellinger / © Josef Weichenberger architects + Partner

PhilsPlace – Revitalisierung des Philips-Hauses, Wien / Josef Weichenberger architects + Partner

Sucht man nach einer Gebäudestruktur, die sich besonders gut für flexible Nutzungen eignet, bietet sich diese an: die stützenfreie Spannbeton-Konstruktion. Erfunden hat diese Bauweise, bei der stark gespannter Stahl in Verbindung mit Beton für hohe Zugfestigkeit und damit Steifigkeit der Betonteile sorgt, der französische Ingenieur Eugène Freyssinet in den späten 1920er-Jahren. In den dreißiger Jahren wurden zahlreiche Brücken auf diese Art errichtet, womit auch breite Autobahnen stützenfrei überwunden werden konnten.

In Wien entstand das erste Spannbetonbauwerk im Jahr 1964 am Wienerberg: das „Philipshaus“. Die neun Regel­geschoß-Stockwerke des fünfzig Meter hohen Büro- und Verwaltungsbaus, in dem der holländische Elektronikkonzern bis 2013 residierte, werden von einem außenliegenden Gerüst aus zwei Stahlbeton­stützenpaaren im Abstand von jeweils 39 Metern getragen. 71 Meter lange Geschoß­träger aus Spannbeton, die an beiden Seiten 16 Meter über die Stützen frei auskragen, bilden die zehn Geschoß­decken. Somit wird jedes Geschoß zu einem selbsttragenden Rahmenwerk, mit dem Effekt, dass die Büroflächen, mit Ausnahme der beiden in die Längsfassaden des Gebäudes integrierten Säulenpaare ohne Stützen im Innenraum auskommen. Stiegenhäuser und Aufzüge aus Beton sowie horizontale Windscheiben im obersten und untersten Geschoß steifen das Hochhaus zusätzlich aus. Die vier Stützen münden in zwei Untergeschoßen, die einen auf dem Baugrund schwimmenden Fundamentkörper bilden. Unter die erste auskragende Decke ist ein zweigeschoßiger Flachbau mit 76 Metern Länge zwischen die vier Betonstützen eingeschoben und bildet die Eingangshalle.

Architekt der gewagten Konstruktion war Karl Schwanzer. Als Assistent von Oswald Haerdtl an der Wiener Akademie der Angewandten Künste war Schwanzer ein Vertreter des Funktionalismus. Das Sichtbarmachen von Konstruktion und Statik eines Gebäudes war sein Marken­zeichen, zu sehen beispielsweise beim Welt­aus­stellungspavillon von Brüssel, dem spä­teren Museum des 20. Jahrhunderts, oder auch beim BMW-Verwaltungs­gebäude in München.

Die offenen Grundrisse konnten genutzt werden, um In den Regelgeschoßen Klein­wohnungen unterzubringen.
© moodley brand identity, Tina Herzl & Julian Mullan / © PhilsPlace Management GmbH

Stützenfreie Grundrisse machen Kleinwohnungen möglich
2014 hatten der Projektentwickler 6B47 und die Sans Souci Privatstiftung die Immobilie in der Triester Straße von einem Investor erworben und beschlossen, aus dem Bürogebäude ein Wohnhaus zu
machen. Beauftragt mit der Umgestaltung wurde das Wiener Architekturbüro von Josef Weichenberger und Mark Steinmetz. Weichenberger, ein ehemaliger Partner von Coop Himmelb(l)au, beschäftigte sich intensiv mit dem teilweise unter Denkmalschutz stehenden Schwanzer-Bau. Er erzählt: „Im ersten Schritt galt es, das Bestandsgebäude zu lesen – also zu ver­stehen –, um die sichtbaren und unsichtbaren Qualitäten zu entdecken. Es wurden im Archiv unzählige, sehr gut dokumentierte Unterlagen gesichtet und analysiert. Dann ging es an die konzeptionelle Planung. Wir haben beispielhafte Grundrisse entwickelt, die typologische Vielfalt untersucht und dabei das strenge Rastermaß integriert, da die Fenster ebenfalls dem Denkmalschutz unterliegen.“ Die Fensterbänder bestehen aus Aluminium, die Sichtbetonelemente sind hell beschichtet. Überraschend war, so Weichenberger, neben einigen statischen Herausforderungen, dass das Gebäude mehr oder weniger heutigen Anforderungen entsprochen habe. Die Befassung mit Schwanzers Entwurf hat auch dazu geführt, dass im Flachbau einige spätere Adaptionen rückgebaut wurden. In den Regelgeschoßen konnten die offenen Grundrisse genutzt werden, um Kleinwohnungen unterzubringen. Entlang eines mittigen Erschließungsganges sind pro Geschoß 15 Wohnungen gruppiert, in Summe beherbergt das Hochhaus also 135 sogenannte „Full-Service Vorsorgewohnungen“ in Größen von 30 bis 46 Quadratmeter und lichten Raumhöhen von 3,50 Meter, plus dem „Skyloft“ im Dachgeschoß. Die Käufer der Wohnungen müssen sich weder um die Vermietung noch um die Reinigung oder Instandhaltung ihres Investments kümmern. Handelsflächen, Gastronomie, eine Bank und ein Fitnesszentrum wurden im Flachbau untergebracht.

Projekt
PhilsPlace, Triester Straße 64/Wienerbergstraße 1, 1100 Wien

Bauherr
6B47 Real Estate Investors AG, Wien; Sans Souci Group, Wien

Planung
Josef Weichenberger architects + Partner, Wien
weichenberger.at

Projektleitung
Robert Huebser, Mark Steinmetz

Innenarchitektur
Josef Weichenberger architects, Maison & Objet, Lilo von Pretz, Matteo Thun

Statik
DI Markus Kuhlang ZT GmbH, Wiener Neudorf
kuhlang.at

Projektdaten
Grundstücksfläche 13.760 m2
Bebaute Fläche 3.300 m2
Nutzfläche 15.700 m2
Konstruktion: Stahlbeton
Projektablauf
Ursprüngliche Errichtung: 1962 – 1964
Planungsbeginn Revitalisierung 10/2013
Baubeginn 06/2016
Fertigstellung 08/2018


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Ort: Architekturzentrum Wien, 22.11.2018 – 18.3.2019

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