338 Architektur

„Architektur ist die zweite Natur des Menschen“

© Blaha
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Jan Teunen (*1950) unterstützt Kunden dabei, kulturelles Kapital und Wirtschaftskraft zu mehren. Auf der Kunsthochschule Halle hat er eine Professur für Designmarketing. Ende April sprach er auf Einladung des niederösterreichischen Büromöbelherstellers Blaha über das Büro als Lebensraum und gab uns ein Interview.

Sie setzen sich für nachhaltige Unternehmenskultur ein. Was verstehen Sie darunter?
Ich unterstütze Unternehmen dabei, zum Wesen einer Sache vorzudringen. Zum Wesen unternehmerischen Handelns gehört die Gestaltung der Gesellschaft. Das geschieht noch nicht oft. Ich versuche, gemeinsam mit meinen Kunden ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher und ethischer Verantwortung herzustellen. Das ist die Voraussetzung für eine konstruktive Unternehmenskultur.

Welche Kriterien bei der Planung einer Arbeitsumgebung sind aus Ihrer Sicht wesentlich?
Architektur und Einrichtung sind die zweite Natur des Menschen. Es gab Zeiten, da haben wir in der Natur gelebt. Sie ermöglicht sowohl emotionale wie politische Beziehungen. So sollte auch die zweite Natur sein. Sie ist für die Menschen gemacht, und sie sollte den Menschen Geborgenheit schenken, individuelle Wünsche und Bedürfnisse berücksichtigen und ihnen das Gefühl geben, mit etwas verbunden zu sein, das größer ist als sie selbst. Und sie sollte dazu beitragen, dass Menschen dort ihre Potenziale entfalten können. Wirtschaftlichkeit, Schutz, Zusammengehörigkeit, Kulturpflege und Identitätsstiftung sind die notwendigen fünf Elemente.

Was können Architektur und Design dazu beitragen?
Die meisten Unternehmen sind von der wirtschaftlichen Rationalität dominiert. Diese Dominanz macht Menschen, die dort arbeiten müssen, neurotisch, weil die kulturelle Umgebung nicht antwortet. Das Ganze muss so transformiert werden, dass die vorhin beschriebenen Qualitäten erreicht werden. Der Körper verlangt Ergonomie, der Geist verlangt Schönheit, die Seele braucht Spirit. All das muss eine Umgebung bieten, damit der Mensch sich wohlfühlt und seine Lebensqualität gesteigert wird.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Fehler in den heutigen Arbeitsumgebungen?

Die Schönheit fehlt. Schönheit ist natürlich ein ganz schwieriger Begriff. Sie hat mit Emotionen zu tun. Die meisten Arbeits­umgebungen sind seelenlos, sehr oft nicht identitätsstiftend und daher gegen den Menschen gerichtet. Der Feind ist hier das Mittelmaß. Das müssen wir bekämpfen und Qualität herbeiführen. Qualität wirkt über die Sinne auf unser Gemüt, und das ist für das anspornende Prinzip verantwortlich. Laut einer Umfrage sind in den Unternehmen nur 15 Prozent der Mitarbeiter mit Herz und Seele bei der Arbeit. Der Rest macht Dienst nach Vorschrift und hat innerlich gekündigt. Das hat natürlich mit dem Mangel an Quali­tät als Hauptmotivationstreiber zu tun.

Kann man Mitarbeiter motivieren?
Das kann man eigentlich nicht. Das müssen die Menschen selbst tun. Der Arbeitgeber hat aber die Pflicht, Umstände zu schaffen, damit sich die Menschen motivieren können. Hirnforscher sagen, Dopamin sprudelt am heftigsten, wenn die Qualität im Umfeld stimmt. Zweiter Motivationstreiber ist die Qualität im Umgang, und der ist wiederum sehr beeinflusst vom Umfeld. Deshalb sagt Buckminster Fuller auch „Don‘t try to reshape men, reshape environments.“ Die Qualität in unserem Arbeits- und Wohnumfeld bestimmt maßgeblich, ob wir unsere Potenziale und unsere Kreativität entfalten können. Daher müssen wir unsere zweite Natur in Ordnung bringen.

Jedes Unternehmen muss wirtschaftlich arbeiten und daher auch bei der Gestaltung und Architektur kostengünstig sein. Wie kann Qualität gewährleistet werden?
Indem man Verständnis dafür schafft, dass Sparen an dieser Stelle falsch verstandene Ökonomie ist. Das mag effizient sein, effektiv ist es nicht. Durch solche Reibungsverluste gehen 50 Prozent der Mittel, die für die Menschen ausgegeben werden, verloren. Die fortschreitende Digitalisierung führt dazu, dass Routinearbeit von intelligenten Maschinen erledigt wird. Wir sind nicht dazu gemacht, wir sollten schöpferisch tätig sein. Büro müssen Gewächshäuser für Kreativität werden. Man muss sie mit Schönheit fluten. Sie ist der Dünger für Kreativität. Wenn wir das nicht verstehen, werden wir Hunger und Armut nicht aus der Welt schaffen.

Was ist Schönheit?
Schönheit hat viele Facetten. Wenn Sie gut auf einem Stuhl sitzen, ist das noch lange kein schöner Stuhl. Man hat nicht nur Sitzfleisch, sondern auch einen Sitzgeist. Und der verlangt Harmonie, Stimmigkeit, Ausgewogenheit. Das bedeutet: die richtigen Materialien und Farben, Texturen und so weiter. All diese Dinge verdichten sich letztendlich zu einem Produkt, das Qualität hat. Diese Qualität wirkt über die Sinnesorgane auf Ihr Gemüt und die Motivation. Das ist Schönheit.

Wie ist Ihre Vorgehensweise, wenn ein Unternehmen zu Ihnen kommt und sagt: Optimieren Sie uns?
Das ist wie in der Medizin. Zuerst kommt die Anamnese. Welche Philosophie, welche Werte hat das Unternehmen, was ist seine Mission? In der Diagnose schauen wir uns das Umfeld und den Umgang an. Man muss wissen, was man betrachtet, um es zu erkennen. Da sieht man schnell, ob ein Unternehmen einen Beitrag zur Potenzialentfaltung leistet. Die Medikation legt fest, wie man etwas ändern kann. Dann kommt die Therapie mit den Check-ups. In einem Unternehmen, das keine Selbstheilungskräfte hat wie die Natur, verwahrlosen die Dinge sonst schnell.

Konnte ein Unternehmen durch Ihre Intervention seinen wirtschaftlichen Erfolg konkret steigern?
Bei einem Unternehmen haben wir ein Werkzeug für die Gestaltung der Beziehung zu seinen Kunden entwickelt. Die hatten in dem Jahr 20 Prozent mehr Besucher und sieben Prozent mehr Umsatz. Oft kann man das, was ich mache, nicht messen. Wenn aber ein Unternehmen Unternehmenskultur hat und den Menschen Respekt entgegenbringt, wenn man es vernünftig einrichtet, kann man es an den Krankenständen ablesen, ob sich das rechnet. Wirtschaftskraft entsteht aus kultureller, moralischer und ästhetischer Kraft. Josef Brodsky hat gesagt: Ästhetik ist die Mutter der Ethik. Sie wird immer wichtiger für ein Unternehmen.

Wie kann man Ihre Konzepte in der Ausbildung von Architekten und Designern implementieren?
Man sollte sich radikal am Menschen orientieren und an der Idee. Aufgabe der Architekten ist, Gesellschaft zu gestalten – nicht zu verunstalten, die Welt reicher zu machen – nicht ärmer.


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Datum: 11. Oktober 2018 bis 30. November 2018
Ort: Schottenring 30, 1010 Wien

Bearbeitung eines bisher ausgeklammerten Kapitels

Datum: 22. Oktober 2018 bis 10. Dezember 2018
Ort: Architekturzentrum Wien, Museumsquartiert, 1070 Wien

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