359 Interior Design

Zwischen laut und leise

© Tante Lotte
Filtert Schall und Giftstoffe: Akustikpaneel Whisperwool Honey von Tante Lotte
© Tante Lotte

Still oder nicht still? Das ist hier die Frage. Entscheidend dabei ist, was man wirklich braucht: einfach ein bisschen mehr Ruhe, die absolute Stille oder vielleicht einfach nur etwas mehr Ungestörtheit?

von: Barbara Jahn

Eigentlich ist es ja in den Büros viel ruhiger geworden, seit viele – wenn auch nur zeitweise – immer wieder im Homeoffice arbeiten. Wir alle wissen natürlich, warum das so ist. An den Gedanken des hybriden Arbeitens haben sich jedoch alle schon gewöhnt. Doch wie alles im Leben, bringen Veränderungen wieder neue Herausforderungen mit sich, die uns an alte erinnern, die wir schon längst als bewältigt geglaubt haben. Dazu gehört auch die akustische Wahrnehmung, die uns in der Arbeitswelt erneut intensiv beschäftigen wird.
Der Geräuschpegel zu Hause im Home­office ist klarerweise ein ganz anderer. Vielleicht summen Waschmaschine und Geschirrspüler – wie schön, dass man das gleich in den Arbeitstag integriert erledigen kann –, vielleicht sind Kinder anwesend, der Hund schnarcht oder das Radio ist eingeschaltet, damit man das Gefühl hat, doch nicht ganz allein zu sein, wenn man Kollegen um sich gewohnt ist. Unter dem Strich unterscheidet sich diese Geräuschkulisse ganz wesentlich von jener, die im Büro vorherrscht. Und wieder ist eine enorme physische und emotionale Flexi­bilität gefragt, will man in dieser neuen Situati­on bestehen.
Ruhe, aber dosiert Doch wenden wir uns dem Arbeitsgeschehen im sozialen Gefüge zu. Zahlreiche Eper­ten beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Verbesserung der Akustik in Büroszenarien, insbesondere seit es die Open-Space-Offices gibt. Im Prinzip ist dies ein Projekt, das fast nicht abgeschlossen werden kann, denn die Tätigkeiten der und Anforderungen an die Mitarbeiter sind einem permanent wechselnden Prozess unterworfen. Es gibt mittlerweile bereits so viele verschiedene Variablen – nämlich wer was wo zu wievielt und in welcher Form macht –, dass es fast ein Ding der Unmöglichkeit ist, auf alle Situationen perfekt reagie­ren zu können.
Gleichzeitig muss man darauf achten, dass es in einem Büro auch nicht zu ruhig wird. Ein zu geringer Geräuschpegel wirkt genauso irritierend wie ein zu hoher, das ist erwiesen. Im Prinzip müssen deshalb die Voraussetzungen für eine diffuse Klang­kulisse geschaffen werden, die vom menschlichen Gehör als angenehm und nicht störend empfunden wird, sprich ohne große Ausreißer und Lärmamplituden, womit natürlich eine gewisse Disziplin und ein angemessenes Verhalten der Kollegen einhergehen. Wohl der größte Knackpunkt in diesem ambitionierten Unterfangen.

 

Den Raum nützen
Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, möglichst viele Optionen bereitzu­stellen, um das richtige Ambiente für die jeweilige Arbeitsaufgabe zu finden. Vom personalisierten Schreibtisch hat man sich ja ohnehin schon längst verabschiedet. Gelingen kann das mit einer ausgewogenen Mischung von fixen und mobilen Akustik­elementen, die die Raumakustik von der Decke, von der Wand, aber auch vom Boden aus deutlich verbessern. Die intelligente Integration sämtlicher Raumflächen ist von fundamentaler Bedeutung, wenn man sein Ziel erreichen will. Man sollte keine Gelegenheit auslassen und die Chancen nützen, die sich ohnehin anbieten würden. Und oft sind es schon Kleinigkeiten, die Teil der Lösung sind, beispielsweise Filzgleiter für die Stuhlbeine.
Dem Dauerbrenner-Thema Akustik widmen sich nicht nur die Bauphysiker und Architekten, sondern auch die Interiordesigner, die hier einen riesigen Spagat schaffen müssen. Wie viel Offenheit ist vertretbar, um eine angenehme Büroatmosphäre zu schaffen? Wo überschreitet man mit neuen Abtrennungen Raumgrenzen, die man eigentlich nicht mehr haben möchte? Gleichzeitig sitzen einem die Bauordnung und der Arbeitnehmerschutz im Nacken, die unter allen Umständen in die Überlegungen miteinbezogen werden müssen. Ein gordischer Knoten, wie es scheint. Und doch gibt es Auswege und Lösungen.

Von Wolle bis Moos
Am einfachsten gelingt das wohl, wenn man es schafft, akustisch wirksame Bausteine als dekorative Elemente in den Raum einzuschleusen. Zahlreiche Hersteller bieten Schall absorbierende Paneele an, die meist – modular konzipiert – von Wand und Decke aus den Lärmpegel effizient drosseln. Und das auf sehr ästhetische Art und Weise, betrachtet man etwa die elegante, großflächige Dreidimensionalisierung der Decke, die dem Raum eine dezente Dynamik und etwas Spielerisches verleiht, während sie hocheffizient akustisch alles filtert, was den Blick auf das Wesentliche beeinträchtigen könnte. Dabei entsteht oft eine zweite Ebene, die Räume in Inseln zonie­ren kann und oft auch in Verbindung mit einem passenden Lichtkonzept weitere Feinheiten in eine Innenarchitektur einbringt, die sich durch Charakter und gestalterischen Anspruch bei gleichzeitigem Komfort für konzentrierte Arbeitsprozesse auszeichnet.
Aber auch an der Wand gibt es eine ganze Reihe von Spielarten. Besonders ins Auge sticht eine gewisse Affinität zur Natur, die versucht, viele natürliche Materialien wie Schafwolle, Holz oder sogar gleich ein Stück Waldboden in Form von Moos ins Büro zu bringen. Sie alle schaffen wohl einen gewissen seelischen Ausgleich, der sich positiv auf die Stimmung und auf die Motivation der Mitarbeiter auswirkt, und haben den Vorteil, auch andere Elemente außer Lärm für ein ausgeglichenes Raumklima herauszufiltern. So oder auch mit dekorativen floralen Schallschluckern gelingt – mehr oder weniger – ein harmonisches Arbeitsumfeld.

Der Natur folgen
Die völlige Stille ist ohnehin nicht der Weisheit letzter Schluss. Für Hannes Bäuerle von der Stuttgarter Raumprobe ist die große Ungestörtheit das Ziel: „Zu viel Ruhe ist nicht förderlich. Das merkt der ein oder andere, wenn er allein zu Hause im Home­office sitzt. Der Mensch ist eine Geräuschkulisse gewohnt, denn sein Gehör hat sich seit Jahrtausenden nicht weiterentwickelt. Die Natur ist immer mit Geräuschen verbunden. Es ist nie ganz leise.“ So gesehen sind wir also auf einem guten Weg.

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