360 Bauwelt

Zirkuläres Planen und Bauen

© 6B47 Real Estate Investors AG
Bei der Quartiersentwicklung auf den Althangründen werden Bestandsgebäude entkernt, neu ausgebaut und aufgestockt.
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Mit geänderten Nutzungsansprüchen kommen Herausforderungen für den Gebäudebestand. Planen und Bauen für neue Nutzer sollen auch das Klima schonen. Die Stadt Wien will mit einem „Do Tank“ das Thema in die Köpfe der am Bau Beteiligten bringen.

von: Peter Matzanetz

Dem Recyclinghaus in Hannover ist anzusehen, dass es außergewöhnlich ist. Auffällig ist die Mischung der Baumaterialien an der Fassade. Zu 50 Prozent besteht es aus wiederverwendetem Material. Die Profilgläser und praktisch alle Fassadenelemente sind woanders abgetragen und hier eingesetzt worden: Fenster, Eternitplatten und Wellblechteile. Die Holzelemente an der Gebäudefront waren „im früheren Leben“ Saunabänke.
Das Bau- und Immobilienunternehmen Gundlach hat mit dem sogenannten Recyclinghaus im Selbstversuch getestet, ob es auch anders geht. „Die Abwicklung des Projekts musste agil ablaufen“, zieht der technische Leiter Franz Josef Gerbens Bilanz. Gelernt habe man vor allem eines: „Der klassische Planungs- und Baugenehmigungsprozess ist für so etwas nicht gedacht.“ Flexibilität hätte bei diesem Projekt nämlich oberste Priorität haben müssen. Sind Angebote zur Demontage von Bauteilen bei „Rückbaustellen“ eingegangen, hatte man schnell reagiert und es wurde umgeplant. Viel war mit dem Materialzufluss zufällig verlaufen, aber unglücklich über das Endergebnis ist man deshalb nicht: „Die Bauteile haben alle dadurch auch eine eigene Geschichte“. Nur weil alle Beteiligten an einem Strang zogen, hätte das Bauen nach dem Cradle-to-Cradle-­Prinzip funktioniert.
Nicht alles an dem Gebäude ist gebraucht. Manches ist ein Recyclingprodukt wie der Beton der Bodenplatte. Die Holzteile im Kern sind überhaupt extra gefertigt. Der Grund, warum das trotzdem seine Ordnung hat, ist die volle „Re-Usability“. Die Holzplatten jenes Recyclinghauses sind nicht verleimt und können daher sortenrein demontiert und irgendwann noch einmal verbaut werden.

Kreislauf in Schwung bringen
Das Thema Kreislaufwirtschaft nimmt jetzt auch in Wien Fahrt auf. Eine eigene Stabsstelle in der Stadtbaudirektion kümmert sich darum, dass daran in Zukunft keine Agenda beim Planen und Bauen mehr vorbeiführt. Anna-Vera Deinhammer leitet diese Stabsstelle und sie sieht sich mit ihrem Team, welches reichlich praktische Erfahrung vorzuweisen hat, zunächst als Ansprechpartnerin: „Wir wollen alle Beteiligten mitziehen und machen lieber kleine Schritte, die dafür auch wirklich umgesetzt werden.“ Dass es für die Branche immer gute Gründe braucht, um bei Veränderungen mitzuziehen, dessen ist sich Deinhammer bewusst: „Zunächst müssen wir feststellen, was einer Zirkularität im Bauwesen entgegensteht.“ Angesprochen sind Zielkonflikte oder verstärkende Wirkungen bei den Rahmenbedingungen. Erst einmal soll evaluiert werden, inwiefern geltende Normen dem Thema entgegenstehen. Manche Dinge würden auch doppelt vorkommen und alles unnötig verkomplizieren.
Eine erste Phase mit einem „Screening“ soll bis 2024 abgeschlossen sein. In einer zweiten Phase bis 2026 soll es Konsequenzen geben. In jener Phase sind vom Förderwesen bis zu den Bauordnungen der Länder die nötigen Umkrempelungen vorgesehen. Als Beispiel nennt Deinhammer auch die nachhaltige Beschaffung: „Das Thema Recycling gehört schon in den Ausschreibungen berücksichtigt.“ Rückbaukonzepte sollten außerdem bei Neuplanungen von Gebäuden Eingang finden. Die sollen in Zukunft grundsätzlich anpassbar gebaut sein. Grundrisse, die flexibel veränderbar sind und Raumhöhen oder Erschließungen, die dem nicht entgegenstehen, darf man darunter verstehen.
Planung würde dadurch zwar komplexer, diese wäre aber auch der Schlüssel zum Kreislaufwirtschaften. „Mit nur 3 Prozent der Projektkosten bei der Planung können wir 80 Prozent Nachhaltigkeitseffekte erzielen“, sagt Deinhammer, die mit ihrem Team auch reichlich Praxiserfahrung vorweisen kann. Derweil versucht der „Do Tank Circular City Wien“ bei allen wesentlichen Gremien den Fuß in der Türe zu haben, zum Beispiel auch im Rahmen der Plattform IG-Lebenszyklus. Bis 2030 sollen für Wien Ergebnisse aus den Veränderungen vorliegen und auch Nachschärfungen passieren. Die Bundesregierung hat im abgelaufenen Jahr einen „Nationalen Aktionsplan“ zur nachhaltigen öffentlichen Verwaltung beschlossen, bei dem erstmals Klimaschutz im Zentrum steht. Eine neue, siebte OIB-Richtlinie mit „Anforderungen der Nachhaltigkeit am Bau“ steht dem Vernehmen nach außerdem als Vorgabe für die Bauordnungen in Ausarbeitung.

EU-Taxonomie als Motivator
Mehr ändern als durch alles andere Normative aus der Planungs- und Bauwelt könnte sich in Bälde durch eine grundlegende Änderung in der Steuer- und Finanzwelt. Die derzeit oft zitierte EU-Taxonomieverordnung bringt mehr oder weniger eine steuerliche Bestrafung von klimaschädigendem Bauen. Kreislaufwirtschaft und Wiederverwerten ist eines von sechs gleichberechtigten Unterzielen der Verordnung, welche Investoren-Immobilien von nun an in einem „klimarelevanten Licht“ erscheinen lassen. Der effektivste Klimaschutz wird durch Gebäude erzielt, die über viele Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte genutzt werden, ohne abgerissen zu werden. So heißt es in einer Publikation der Österreichischen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (ÖGNI).
Beispiele sind Büros, die zu Hotels umfunktioniert werden, Garagen, die als Indoorfarmen umgenutzt werden oder modulare Bauten, die an einem Ort abgebaut und andernorts wieder aufgebaut werden. Auf die Frage, ob das bei Zertifizierungen mitberücksichtigt wird, meint ÖGNI-Geschäftsführer Peter Engerth: „In unsere Bewertungen geht die graue Energie über den Restwert nach dem Lebenszyklus ein.“ Verdichtung nach oben und Quartiersentwicklungen stellen für ihn außerdem praktische Möglichkeiten dar, um den Bestand in diesem Sinne weiterzubauen.

Quartiere mit ESG weiterentwickeln
In jene Kategorie fällt zum Beispiel das neue Althan Quartier in Wien-Alsergrund. Nach Anlaufschwierigkeiten bei der Akzeptanz des Projekts hat der Investor den Environmental Social Governance (ESG)-­Ansatz quasi verinnerlicht. Was Gover­nance bedeutet, das lernte der Immobilien­entwickler 6B47 am Weg. Zwecks besserer Akzeptanz wurde auf Höhenausnutzung des Bauplatzes verzichtet. Ein Ombudsposten wurde eingerichtet, um Aufklärung zu betreiben und den Anklang zu erhöhen. Zwischennutzungen wurden reingeholt. Büroarbeiter, aber auch der Social-Work-Club und Künstler mit ihren Exponaten füllten die Lücke bis zum Baustart. Vom ehemaligen Büro der Bank Austria über dem Franz-Josephs-Bahnhof wurden Einrichtungsgegenstände an gemeinnützige Organisationen verschenkt. Aus dem ehemaligen Bürohaus wird nun ein gemischt genutzter Komplex namens „Francis“. Auf viele Tausend Tonnen CO2-Einsparungen und 67 Prozent weniger Emissionen mit Treibhausgasen im Vergleich zu einem Neubau wird verwiesen. Weil der Effekt des Weiterbauens über Zertifizierungen noch nicht voll abzubilden ist, wurde eine Studie beim deutschen Planungsbüro Werner Sobek in Auftrag gegeben. „Die Zahlen sprechen für sich und wir entwickeln damit das nachhaltigste Bürogebäude Wiens“, sagt Sebastian Nitsch, Geschäftsführer der 6B47 Investors in Richtung möglicher Käufer. Beim hinteren Bauteil Althan Park war ein Bürogebäude ebenfalls bis aufs Stahlbetonskelett rückgebaut worden. Als Wohnhaus wurde es zuletzt wiedereröffnet, mit zwei aufgestockten Penthouse-Etagen.

Operation am offenen Stahlbetonskelett
Rück- und Umbau macht auch der Wiener Gesundheitsverbund beim ehemaligen Schwesternheim am Areal des Wiener Allgemeinen Krankenhauses. Aus dem rasterartig angelegten Zwanziggeschoßer aus den 1960-er Jahren entsteht derzeit ein Bürogebäude zur Eigennutzung für den Spitalbetreiber. Statt Zimmerfluchten soll es nach dem Umbau verglaste Systemwände und auch offene oder teilbare Räume sowie Arbeitsbereiche geben.
Dem zwischenzeitlichen freigelegten Stahlbetonskelett wird eine neue, thermisch optimierte Fassade vorgehängt. Helle Metallpaneele sollen dem Ganzen einen modernen Glanz verleihen, Retrocharme inklusive. Die Haustechnik wird mit dem Umbau vom Dachgeschoß komplett aufs Dach übersiedeln, was im obersten Geschoß einen offenen Arbeitsbereich mit Glasfront ermöglichte. Der Optik wegen hat das Gebäude nach dem Design von Architects Collective den Beinamen „Barcode“ bekommen.

Denkmal nutzen
Wo abreißen gar nicht infrage kommt, ist bei Baudenkmälern. Im Wiener Prater steht das Relikt der Trabrennbahn. Die denkmalgeschützten Tribünen wurden hier in Kombination mit einem Zubau in eine neue Nutzung gebracht. Im Rahmen eines kooperativen Planungsverfahrens hat das Architekturbüro Tillner & Willinger die Einreichplanung durchgeführt. Alfred Willinger macht deutlich, wie man an die Aufgabe heranging: „Wir haben versucht, die Kenntlichkeit möglichst zu erhalten und haben die Verglasung der Fronten zurückhaltend gestaltet.“ Um jene frühe Stahlbetonkonstruktion zur Geltung zu bringen, ist im Inneren auch die volle Höhe erhalten geblieben. Damit sich die gewünschten Flächen alle ausgehen, wurde ein Baukörper danebengesetzt. Er übernimmt auch wesentliche Funktionen, die im Bestand so nicht umsetzbar gewesen wären. Im Sinne des Denkmalschutzes sei ein reduzierter Dämmstandard umgesetzt worden. Für den Bauherrn Value One ist das bereits übergebene Haus mit Acivity-Based­-Working und Office-Loft ein Referenzbau. Selbst hat man vor Kurzem auch Räume hier bezogen. Value-One-Vorsitzender Michael Griesmayr betont den Mehrwert des Entwurfs von Tillner & Willinger, der vom Wiener Architekten Martin Kohlbauer umgesetzt worden ist: „Mir war besonders wichtig, diese außergewöhnlichen Gebäude der Wiener Architekturkunst zu erhalten und zu beleben.“
Bei einem anderen Umnutzungsprojekt, dem orthopädischen Spital in Wien-Gersthof, hatte das Architekturbüro Franz & Sue die spannende Aufgabe, einen 1920er-­Jahre-Bau auf die Neunutzung als Schule vorzubereiten. Herausfordernd sei hier unter anderem gewesen, die geringen Trakttiefen mit den modernen Anforderungen an das Schulwesen in Deckung zu bringen. Punktuelle Eingriffe mit Wandöffnungen boten hier die passende Lösung und er Bauherr war auch hier im Sinne einer nachhaltigen Neunutzung zufrieden.
Beim Innsbrucker Museum Ferdinandeum gab es für den Entwurf eines Zubaus für marte.marte Architekten einen Wettbewerbserfolg. „Wir setzen mit dem geradlinigen, kraftvollen Zubau ein Zeichen und einen spektakulären Akzent im Stadtbild“, sagt Eigentümervertreterin Barbara Psenner dazu. Angetan hätten es ihr die innovativen Planungsansätze, um das gesamte Gebäude auch zukunftsfit zu machen.

Land gewonnen
Im ländlichen Umfeld spielt besonders der Bodenschutz, aber auch die ländliche Baukultur eine Rolle beim Weiterbauen im Bestand. Ein im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnetes Projekt ist jenes des Vor­arl­berger Architektur- und Lichtdesignbüros Bechter. In einen ehemaligen, in Privatbesitz stehenden Stall in Hittisau war unter dem Motto „Denkwerkstatt“ der neue Firmen­sitz des Büros hineingeplant worden. Georg Bechter, der sogar am Hof selbst aufgewachsen ist, berichtet pragmatisch über die Bauaufgabe mit dem Sonderling: „Man schaut, was man hat und was man will, und dann muss man sehen, wie man das zusammenbekommt.“ Dass die Kosten für so eine Revitalisierung ähnlich hoch wie beim Neubau wären, lässt der Architekt so nicht gelten: „Wenn man die Qualität bedenkt, ist es doch günstiger.“ Die ist mit der zuletzt erfolgten Verleihung des Staats­preises für Architektur und Nachhaltigkeit sogar offiziell. Bechter sieht im Zusammenhang mit dem Weiterbauen auch das Regionale im Vorteil: „Der Einsatz lag mehr in der Manpower und weniger im Material“. Daher seien weniger Ressourcen verbraucht worden, bei gleichzeitig hoher lokaler Wertschöpfung. Umplanungen hätte man nach Einsprüchen schon machen müssen, aber das Ergebnis sei letztlich die Mühe wert. „Um Auflagen zu erfüllen, muss man Lösungsspielräume interpretieren“, sagt Georg Bechter. Wer sich darauf einlässt, würde mit Schönheit belohnt, die aus den Zwängen erst kommt.
Holzbauqualitäten hervorbringen kann auch der Planer Andi Breuss. Den von ihm umgeplanten Stadl am Mesnerhof im Tiroler Steinberg am Rofangebirge nutzen heute moderne Arbeitsnomaden für gemeinschaftliche Klausuren oder Seminare. „Auch wenn alte Häuser authentische Geschichten erzählen, müssen neue Nutzungen mit heutigen bautechnischen Anforderungen übereinstimmen,“ sagt Architekt Breuss. Die thermische Ertüchtigung erfolgte obenauf mit einem Dachüberbau, sodass der originale Dachstuhl belassen werden konnte. Die Veränderung fällt außen nicht weiter auf, weil an den Fassaden der Kunstgriff mit Isolierung und neuerlicher Schalung ebenfalls angewandt wurde. Mit jener Art von Ummantelung ist die gesamte Hülle nach dem Umbau ohne Stilbruch auch wärmeisoliert. „Ursprünglich war alles hier roh und kalt“, freut sich der Bauherr Georg Gastei­ger über den Wandel zu einem gemütlichen Quartier. Die Verwitterung wird nun an der neuen Holzfassade die unterschiedlichen Baustile im Lauf der Zeit in einen gemeinsamen Grauschleier hüllen. 

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