353 Naturstein

Zeitzeugen respektvoll behandeln

© Richard Watzke
Detail der sanierten Fassadenfläche am KHM: Herausforderung waren komplexe figurale und ornamentale Steinvierungen.
© Richard Watzke

Wer sich dem Schutz denkmalgeschützter Fassaden widmet, muss sich sorgfältig mit den jeweiligen Baustoffen, deren Eigenschaften und Verarbeitungsmethoden befassen. Naturstein spielt hierbei eine zentrale Rolle.

von: Richard Watzke

Naturstein war und ist seit der Antike ein bevorzugtes Baumaterial für Gebäudetypen jeder Art und Größe. Vom trutzigen Stadttor bis zur filigranen Kathedrale spannt sich der weite Bogen der Anwendungen: „Denkmale aus Stein sind allgegenwärtig. Sie sind als Teil unserer kulturellen Identität anerkannt“, erklärt Wolfgang Ecker, Bundesinnungsmeister der österreichischen Steinmetze. Naturstein ist somit auch eine Grundlage des Denkmalschutzes. Steinerne Bauteile erfüllen im besten Sinne des Wortes eine tragende Funktion und unterstützen aufgrund ihrer Festigkeit das gesamte Bauwerk. Nur dank der Haltbarkeit und Witterungsbeständigkeit des Werkstoffs sind viele Objekte so alt geworden. Aus ganz pragmatischen Gründen wurden für das Gros der Bauwerke regionale Natursteine für Mauern und Ornamente eingesetzt, es gab aber auch einen regen Handel mit Steinsorten, die unter anderem aus Imagegründen aus weiter entfernten Regionen herbeigeschafft wurden. Der Begriff Fassade geht zurück auf das lateinische facies und bezeichnet das „Gesicht“ eines Bauwerks. Während eine Fassade heute die Gänze der sichtbaren Teile der Gebäudehülle bezeichnet, war die facciata in der Architekturgeschichte die Gebäudefront, die Hauptansicht und Schauseite des Gebäudes, die seit der Antike repräsentativ gestaltet und aufwendig ausgestattet wurde. An Beispielen wie San Miniato al Monte in Florenz wird die Wertschätzung der Hauptansicht deutlich. Vor den romanischen Baukörper aus Ziegelmauerwerk wurde im Stil der Florentiner Protorenaissance eine Natursteinfassade aus fünf Zentimeter starken Platten aus weißem Marmor und grünem Serpentin gefügt, die in ihrer Pracht kaum zu überbieten war und die Kirche der baulichen Umgebung entrückte. Dem Beispiel von San Miniato lassen sich zahllose Baudenkmale hinzufügen. Am Dom von Siena ist das Prinzip ebenso erkennbar wie an Kirchenfassaden in der französischen Auvergne. Stets steht eine aufwendige Natursteinschicht im Mittelpunkt der Gestaltung. Die Grundlagen für eine Fassadenbekleidung aus Steinplatten liegen in der Inkrustationstechnik, die im antiken Rom für Repräsentationsbauten angewendet wurde. Ein wesentlicher Teil der Wirkung entfällt auf die Steinsichtigkeit der Oberflächen. Für die Wandbekleidungen des Pantheons wurden Steine aus zahlreichen römischen Provinzen verbaut, darunter roter Porphyr aus Ägypten, grüner Serpentin vom Peloponnes und gelber Marmor aus Tunesien. Allein schon der Porphyr als imperiales, nur dem Pharao oder Kaiser vorbehaltenes Machtsymbol unterstrich den Anspruch des gesamten Bauwerks, den zeitgenössische Betrachter unschwer erkannten. Somit besitzen die Natursteine des Pantheons neben ihrer ästheti­schen Wirkung zugleich eine unverkennbare politische Komponente, die wir dank der Dauerhaftigkeit des Werkstoffs über die Jahrtausende hinweg ablesen können.

Sprechende Architektur
Die ganz bewusste Wahl eines bestimmten Steines, aber auch die Art seiner Verwendung am Bauwerk sind Konstanten, die in der Baukunst häufig anzutreffen sind – man denke nur an Otto Wagners 1912 fertiggestellte Wiener Postsparkasse, deren Außenhaut bis zum Hochparterre mit Granit­platten in Schuppenform bekleidet wurde. Bei diesem Musterbeispiel einer architec­ture parlante ergänzen sich die Material­wahl und Formgebung eindrucksvoll und erzeugen den Eindruck einer undurchdringlichen Schatztruhe. Zunächst die Materialwahl: Granit gilt generell als besonders hart und robust. Die Steinplatten werden – zumindest optisch – von Metallnägeln gehalten. Die konkav-konvex profilierten Platten zitieren den Karnies als eines der bekanntesten klassischen Architekturmotive, das bereits Andrea Palladio in seinen Quattro libri dell’architettura analysierte. Obwohl die Platten nur wenige Zentimeter stark sind, suggeriert das Profil solide Materialität. Die derart konsequent gestaltete Gebäudehülle verfehlt ihre Wirkung bis heute nicht.
 
Mammutaufgabe Bundesmuseum
Selten wurden Fassaden nur aus ein oder zwei Steinsorten errichtet. Im Gegenteil: Bauvorhaben wie das Wiener Rathaus oder die monumentalen Museumsbauten an der Ringstraße verschlangen dermaßen große Mengen an Werkstein, dass das erforderliche Rohmaterial in zahlreichen, teils weit verstreuten Steinbrüchen der Donaumonarchie gewonnen wurde. Abhängig von der geografischen Lage und der Petrogenese weisen die Gesteine somit sehr unterschiedliche Eigenschaften auf, die im Laufe der Jahrzehnte seit der Errichtung deutlich zutage treten, besonders beim Verwitterungsverhalten und den dadurch erforderlichen denkmalpflegerischen Maßnahmen. Bei der zwischen 2000 und 2020 durchgeführten Sanierung der Fassaden am Kunsthistorischen Museum (KHM) und am Naturhistorischen Museum in Wien wurden mehr als 22.000 Quadratmeter Fassadenfläche befundet, gereinigt, gefestigt und – sofern nicht anders möglich – ergänzt oder durch Neuteile aus Originalmaterial oder vergleichbaren Steinsorten ersetzt. Vor welcher Aufgabe die von der Burghauptmannschaft Österreich mit der Sanierung beauftragte Denkmalpflege GmbH in Wien sowie die Steintechniker und Steinmetze der Schreiber + Partner Natursteine GmbH aus Poysdorf standen, zeigt allein schon die Materialliste mit den Steinsorten Zogelsdorfer, Aflenzer, Breitenbrunn, Kaiserstein, Osliper, Mannersdorfer, Medolino und Istrische Kalk(sand)steine und Buntkalksteine wie Kramsacher und Adneter Marmor. Als Ersatzmaterialien dienen St. Margarethener Kalksandstein, der norditalienische Kalkstein Pietra di Vicenza, istrische Kalksteine sowie der Kalkstein Bihac aus Bosnien und Herzegowina.

Alt und Neu im Einklang
Während Baudenkmale wie das KHM unveränderlich bewahrt werden, befinden sich andere Objekte im Spannungsfeld zwischen Substanzerhalt und Adaptierung an zeitgemäße Nutzungsarten. Beim „Wies­badener Palais“ in Wiesbaden wurde das denkmalgeschützte Bestandsgebäude aus dem Jahr 1907 nach den Plänen des Architekturbüros Max Dudler restauriert und aufgestockt sowie um einen neuen Eingangsbereich ergänzt. Für das aufgebaute Staffelgeschoß und für den Eingangsbereich wurde mit regionalem Mainsandstein der gleiche Naturstein wie bei der historischen Bestandsfassade verwendet. Die neu aufgestockte Fassade ist nach DIN18516 Teil 3 als hinterlüftete, vorgehängte Fassade mit einer dauerelastischen, besandeten Verfugung ausgeführt. Für Nina Graser vom Bamberger Natursteinwerk Hermann Graser „zeugt das Bauvorhaben mit der Aufstockung eines bereits vorhandenen Gebäudes von besonders nachhaltiger Flächennutzung“. Zugleich ist das beim Deutschen Natursteinpreis 2020 mit einer Besonderen Anerkennung ausgezeichnete Bürogebäude ein Beispiel, wie moderne Natursteinarchitektur hervorragend im Einklang mit historischem Bestand stehen kann.

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