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Wir bauen Lebensräume

© Marlies Dattler
Andreas Hawlik (links) und Evgeni Gerginski
© Marlies Dattler

HUSS HAWLIK Architekten heißen jetzt HAWLIK GERGINSKI. Andreas Hawlik und Evgeni Gerginski über sich verändernde Werte, ihre Visionen, das Wettbewerbswesen und die Mängel in der Architekturausbildung.

von: Roland Kanfer

Ihr Partner Ernst Huss ist in Pension. Was nehmen Sie aus dieser Partnerschaft mit?
Andreas Hawlik: Wir haben gelernt, wie man mit einem Büro einer gewissen Größenordnung umgeht. Wir sind dabei, das nach einem modernen Leitbild weiterzuentwickeln. Man braucht immer ein Fundament, auf dem man aufbauen kann, aber auf diesem Fundament muss man sich selbst positionieren. So wie ein Büro damals mit 20 Mitarbeitern funktioniert hat, würde es heute nicht mehr funktionieren.

Nach welchen Kriterien funktioniert ein Büro heute?
Hawlik: Wie gehe ich mit meinen Mit­ar­beitern um? Welche Verantwortungen über­trage ich ihnen? Früher war das System sehr kopflastig. Dass ein Architekt sagt, so machen wir das, funktioniert heute nicht mehr. Die Mitarbeiter sind das Wertvollste in einem Unternehmen, wir müssen sie gut auswählen und auch halten. Wir haben mit unseren Mitarbeitern Vision, Leitbild und Werte erarbeitet, die wir versuchen, auch zu unseren Bauherren hinauszutragen.

Worauf legen Sie Wert?
Hawlik: Unsere Vision sind bessere Lebensräume. Wir können uns die Aufgaben nicht immer aussuchen. Aber innerhalb der uns gesteckten Rahmenbedingungen muss immer der Anspruch da sein, etwas zu verbessern. Wir haben drei Slogans erarbeitet: kraftvolle Ideen, effizientes Arbeiten und menschliches Handeln.

Gibt es aus diesen Visionen heraus Kriterien gegenüber den Bauherren?
Hawlik: Früher haben wir das, was uns der Bauherr gesagt hat, gemacht. Da sind wir in unserem Selbstbewusstsein gewachsen, wir sind uns unserer Verantwortung als Architekten bewusst. Wir versuchen unseren Bauherrn dahingehend zu beraten, dass es Aspekte gibt, die über das Technische hinausgehen.
Evgeni Gerginski: Wir arbeiten mit dem Kunden gemeinsam am Projekt, wollen ihn mitwirken lassen und versuchen nicht, ihm unsere Ideen auf Biegen oder Brechen aufzuzwingen. Das funktioniert vielleicht noch bei den Stararchitekten, die lassen sich nichts sagen. Auch bei den Kunden hat ein Generationenwechsel stattgefunden. Die neuen Führungskräfte denken auch anders.
Hawlik:  Wir versuchen, stärker nach außen präsent zu sein. Wir sinwd unterstützendes Mitglied bei der Vereinigung Österreichischer Projektentwickler in der Industriellenvereinigung, die versucht, das Image des Bauens wieder zu verbessern. Wohnen ist ein Grundbedürfnis und wir bauen Lebensraum.
Gerginski: Wir sind auch bei der ÖGNI aktiv und bestrebt, unsere Bauherren auf die verschiedenen Nachhaltigkeitsaspekte aufmerksam zu machen und Umsetzungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Wie stehen Sie zum Thema Homeoffice?
Gerginski: Das war auch bei uns ein heiß diskutiertes Thema. Mit Beginn der Pandemie wurde es unumgänglich. In unserer kreativen Branche ist das aber schwer umsetzbar. Es ist einfacher, etwas auf einem Zettel zu skizzieren und mit einem Gegenüber zu besprechen, als das vor einem Computer zu versuchen.
Hawlik: Homeoffice wird sich nicht durchsetzen. 90 Prozent unserer Arbeit ist Teamarbeit, die am kurzen Weg funktioniert.
Gerginski: Auch die sozialen und psychologischen Auswirkungen sind massiv, was den Teamzusammenhalt und die Selbstorganisation daheim angeht. Wer Homeoffice wirklich betreibt, ist im Dauerstress.

In welcher Architekturtradition stehen Sie?
Hawlik: Klassisch unmodisch. Mode­erscheinungen haben in der Architektur nichts zu suchen. Architektur lebt zu lange, da ist ganz wesentlich, dass sie funktional ist. Die klassische Moderne ist unser Vorbild.
Gerginski: Und das Entwerfen von innen nach außen ist uns wichtig. Dem Nutzer ist wahrscheinlich die Fassade nach einiger Zeit nicht mehr so wichtig, aber die Räume und das Programm müssen funktionieren.

Gewissen Trends ist man dennoch unterworfen. Hat sich Ihre Architektur seit der ersten Bürogründung verändert?  
Hawlik: Ernst Huss war es wichtig, mit einem Gebäude einen Effekt zu erzielen. Theatralik, grelle Farben, Glas, wie beim Columbus Center mit dem Ei. Das war aus meiner Sicht zu viel Design und zu wenig Architektur. Dieses Bedürfnis haben wir nicht. Wir haben uns stark auf die Funktionalität zurückgezogen. Beim Projekt Kirschblüte war die spannende Herausforderung, drei Wohngebäude zu entwerfen, die unterschiedliche Formen, Farben, Details haben, aber alle zu einer Familie gehören und von innen nach außen gedacht sind. Aus den unterschiedlichen Funktionen sind unter­schiedliche Formen entstanden.

Wie stehen Sie zum Wettbewerbswesen?
Gerginski: Das ist ein emotionales Thema, weil die Wertschätzung seitens der Aus­lober fehlt.
Hawlik: Wir machen keine offenen Wett­bewerbe mehr, ich bin da viel kritischer gewor­den. Ich habe eineinhalb Jahre im Wettbewerbsausschuss der Kammer mit­ge­­­­arbeitet. Ich bin so provokant zu sagen: Wettbewerbe sind Glücksspiele und gehören daher verboten. Wenn offener Wettbewerb, dann zweistufig mit Präqualifikation. Dass Schulbauwettbewerbe immer noch einstufig ausgeschrieben werden, finde ich nicht richtig. Da nehmen mehr als 60 Büros teil, wenn man in der ersten Runde rausfliegt, bekommt man nicht einmal eine Bewertung. Das ist auch verständlich, weil der Aufwand für die Jury viel zu hoch wäre. Das ist für Teilnehmer frustrierend. Zu geladenen Wettbewerben stehen wir immer noch. Der Bauherr sucht sich eine Handvoll Architekten aus, die zu ihm passen. Das ist absolut legitim. Aber bei Wettbewerben wie der Stadthalle verstehe ich nicht, dass es keine Präqualifikation gab. Als Auslober sollte man sich doch einige Büros holen, die wissen, wie man eine Stadthalle baut. Sonst endet das wie am Flughafen. Zu uns kommen die Bauherren, weil wir wissen, wie man Wohnbauten plant.

Wollen Sie beim Wohnbau bleiben oder sich auf anderen Gebieten etablieren?
Gerginski: Vor Corona gab es die Überlegung, mehr Gewerbebauten zu machen. Auch temporäres Wohnen war eine Idee, die wir aber nicht weiterverfolgt haben.
Hawlik: Früher haben wir mit Ernst Huss viele Bürobauten geplant und gebaut. Dieser Sektor ist aber momentan tot. Sehr spannend sind aber Umbauten oder Reorganisationen innerhalb von Büroflächen. Da haben wir momentan ein großes Projekt in Mödling. Ein anderer Bauherr wollte die Büroflächen verdoppeln, durch Corona wurden diese gleichgelassen, aber reorganisiert.   
Gerginski: Ich bemerke zwei Entwicklungsgeschwindigkeiten. Der Wohnbau stockt etwas, beim Gewerbebau, Büros und Retail ist der Veränderungswunsch viel stärker.
Hawlik: Auch bei der Nachhaltigkeit. Da gibt es Leute, die ein nachhaltiges Bürogebäude errichten wollen. Investoren kaufen nur noch solche. Dieser Trend ist beim Wohnbau viel langsamer. Dort sind die gesetzlichen Bestimmungen, was Nachhaltigkeit betrifft, unumgänglich. Ohne sie würde das keinen Wohnbauträger interessieren, da ist das Bewusstsein überhaupt nicht vorhanden. Für den ÖAMTC, der kein Autofahrer-, sondern ein Mobilitätsclub werden möchte, haben wir einen Maßnahmen­katalog erstellt, wie Stützpunkte noch nachhaltiger werden können.

Wie sehen Sie das Thema Ausbildung?
Hawlik: Wir kämpfen um gute Mitarbeiter. Es gibt zu wenige gut ausgebildete Architekturabsolventen. Das Problem ist, dass die Ausbildung an der Realität vorbeigeht. Das betrifft insbesondere die Universitäten. Wir hatten noch keinen einzigen Bewerber einer Fachhochschule. Die gehen vielleicht lieber zu Bauträgern oder Baufirmen. Unser Berufsbild Architekt besteht aus drei gleichwertigen Säulen: Entwurf, Recht und Technik. Bauordnung, Raumordnung werden auf den Universitäten so gut wie nicht unterrichtet, machen aber ein Drittel unseres täglichen Business aus. Auch technisches Wissen, wie Bauausführungsplanung oder örtliche Bauaufsicht, wird zu wenig gelehrt. Gebäude werden von Handwerkern auf der Baustelle umgesetzt. Damit das funktioniert, muss die Planung darauf ausgerichtet sein. Diesen Bezug bekommt man im Studium nicht mit, da gibt es nur die Laborumgebung.

Der Ausbildungsschwerpunkt liegt also zu sehr auf dem Entwurf?
Hawlik: Ja. Wir haben eine unheimliche Verantwortung als Architekten, nicht nur sozial. Wenn wir Fehler machen, kosten die ein Vermögen. Das Risiko, das wir übernehmen, können wir nur tragen, wenn wir fundiert ausgebildete Mitarbeiter haben. 

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