339 Naturstein

Wiener Originale

© Richard Watzke
Bereit für den nächsten Einsatz: Überarbeitete Randsteine mit frisch gestockter Oberfläche.
© Richard Watzke

Wo sich Bischofsmütze und Geritzte treffen, ist er nicht weit: der Siebenzoller, besser bekannt als Wiener Würfel. Der unscheinbare Steinkubus ist der Star des Wiener ­Straßenpflasters. Seine große Zeit ist längst vorüber, doch wie jede x-te ­Wiederholung vom „Mundl“ die Fangemeinde vor die Fernsehschirme lockt, haben auch der ­Siebenzoller und seine Artgenossen eine treue Anhängerschaft.

von: Richard Watzke

Asphalt, Beton & Co. mögen praktischer sein, aber so richtig schön ist eine Fläche im Außenraum nur mit natürlichen Pflastersteinen. Das Spiel mit Format, Farbe und Fuge bietet endlose Kombinationsmöglichkeiten. Vor allem Granit und andere Hartgesteine stehen hoch in der Gunst der Planer und Gestalter. Neben der optischen Vielfalt stellen die Natursteine die industriell erzeugte Konkurrenz auch ökologisch in den Schatten. Trümpfe dabei sind die muster­gültige Energiebilanz und kurze Transportwege von der Abbau­stelle bis zur Baustelle.

Weil Steine schwer sind, waren kurze Lieferwege schon zu den Anfangszeiten des jüngeren Wiener Straßen­baus oberstes Gebot. Weit mussten die Straßen­planer Anfang des 19. Jahrhunderts nicht nach geeignetem Material suchen. Reiche Vorkommen an zähen und harten Steinen schenkte ihnen Mutter Natur vielerorts, vor allem im Mühlviertel. Dort ließen sie die Beläge für die europaweit bewunderten Straßen und Plätze hauen: Quadratische 12-Zoll-Platten, Bischofsmützen als Übergang vom diagonal verlegten Pflaster zum Randstein, längliche Binderwürfel und auch spezielle Formate wie die Geritzten – sogenanntes Pferdepflaster mit Nut, die den Hufen Halt gab.

Besonders gebräuchlich waren die Steinwürfel mit sieben Zoll Kantenlänge. Ins metrische System umgerechnet sind das 18,5 Zentimeter. Ein alter Wiener Zoll misst 2,643 Zentimeter, erklärt Wolfgang Ablinger, darauf baute das gesamte System auf. Der Leiter der Baugruppe Nord der Magistratsabteilung 28 – Straßenverwaltung und Straßenbau – kennt die neuen und die alten Pflasterformate der Stadt Wien in- und auswendig. Anschauungsmaterial gibt es im ganzen Stadtgebiet nicht nur in eingebautem Zustand, denn Pflaster- und Randsteine werden bei einer Aufgrabung nicht entsorgt, sondern auf Lagerplätze der MA 28 transportiert. Was sich für eine Wiederverwendung eignet, wird fein säuberlich nach Sorten und Formaten getrennt gelagert und der Bestand sorgfältig dokumentiert. Bei der Planung neuer Projekte zeigt Wolfgang Ablinger ein Blick ins Archiv, ob und wie viel Material vorrätig ist.

Vielfalt der Formate

Trotz aller Wertschätzung des historischen Bauma­terials: Am liebsten möchte jeder Architekt seine eigene Sprache mit individuellen Formaten verwirklichen. Ein Rückgriff auf historisches, kleinteiliges Pflastermaterial ist daher eher selten. Zudem sind Flächen im öffentlichen Raum, die den Ansprüchen an eine problemlose Begehbarkeit genügen, mit gebrauchten Sieben-Zoll-Würfeln nicht oder nur sehr bedingt herstellbar, das gilt auch für geräuscharme Fahrbahndecken. Eine gute Chance auf Wiederverwendung hat altes Pflastermaterial daher vorwiegend bei Parkflächen und bei Bushaltestellen. Wie die unterschiedlichen Nutzungsarten eines Straßenraumes durch verschiedene Pflasterungen markiert werden können, zeigte die Stadt Wien 2013 bei der Neugestaltung der Ottakringer Straße, für die das Forum Qualitätspflaster den "Pflasteradler"-Preis verlieh: Asphaltdecken für den fließenden Verkehr, Parkstreifen aus wiederverwendeten, historischen Steinen und Gehsteige aus neuen, barrierefrei begehbaren Bodenplatten lautete das Rezept, das sich in ganz Wien bewährt.

Wo Steine in Pension gehen
Für öffentliche Bauvorhaben zu stark abgenutzte Siebenzoller und sogenannte Binderwürfel können von Selbstabholern stückweise erworben werden. So finden viele Wiener Originale bei privaten Einfahrten, Wegen und Gartengestaltungen ein neues Lieblingsplatzerl. Weil die Natursteine so robust sind, haben nicht wenige schon 100 Jahre und mehr auf dem Buckel. Könnten sie sprechen, hätten sie viel zu erzählen. Von Fiakern und Automobilen, von lauten Hufen und leisen Kinderfüßen, von Paraden auf prächtigen Straßen und dem stillen Leben in abgelegenen Gassen. Auch den Siegeszug vom Asphalt haben viele dieser steinernen Zeitzeugen leibhaftig erlebt, und dennoch wird es sie auch dann noch geben, wenn eine Asphaltdecke längst in ihre Bestandteile zerkleinert ist. So wie dem fiktiven Mundl geht es auch dem Wiener Würfel: Ein echter Wiener geht nicht unter.


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