346 Editorial

Welt im Notstand?

© Raphael Kanfer
© Raphael Kanfer

Manche sprechen von Hysterie, andere sehen ihn als echtes Problem: Der Klimawandel lässt in jedem Fall kaum jemanden kalt.

von: Roland Kanfer

Er ist zum Topthema der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Debatten geworden. Fast scheint es, als hätte die Welt auf jemanden wie Greta Thunberg gewartet. Erst waren es Schüler, dann Studenten, mittlerweile sind es auch die älteren Generationen, die dem Beispiel der jungen Schwedin folgen und lautstark eine andere Welt fordern. Mit der Dynamik der sozialen Medien im Rücken hat das Thema innerhalb nur eines Jahres weltweite Medienpräsenz erreicht, auf der dadurch ausgelösten Welle der Mobilisierung reiten grüne Parteien auf einem All-Time-High, wie die Beispiele Deutschland und Österreich zeigen. Die Politik heftet sich das Thema Klimarettung – der Begriff „Umweltschutz“ wirkt schon altbacken – auf ihre Fahnen. Länder wie Irland oder Großbritannien haben bereits den Klimanotstand ausgerufen, Städte und Gemeinden in Deutschland, der Schweiz und auch Österreich ziehen nach. Konkrete Auswirkungen sind derzeit davon nicht zu erwarten. Noch müssen wir uns nicht vor drohenden Fahrverboten, Kraftwerksabschaltungen oder dem Verbot von Fleischspeisen fürchten. „Notstand“ ist das noch keiner. Es geht darum, Zeichen zu setzen, es geht um „Awareness“, um öffentliche Sensibilisierung. Die hat auch Industrie und Wirtschaft erreicht. Man beteuert, sich um die Zukunft unseres Planeten zu sorgen. Und plötzlich scheint eine andere Welt tatsächlich möglich zu sein.

Dass diese andere Welt mit drastischen bis radikalen Umstellungen unserer Lebensweise einhergehen wird müssen, wenn nicht morgen, dann doch in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten, wird uns nicht erspart bleiben. Individueller Verzicht wird die Welt aber nicht retten. Gefordert ist die Politik, die Rahmenbedingungen für eine solche Änderung zu schaffen. Sie kann die Stadtplanung etwa zu Begrünungen von öffentlichem Raum und Bauwerken verpflichten oder die Bauwirtschaft zur Entwicklung und zum Einsatz klimaneutraler Baumaterialien. Und wenn es nicht mehr anders geht, müssen Regierungen den Mut haben, unpopuläre Maßnahmen zu setzen, auch wenn sie in den persönlichen Lebensbereich jedes Einzelnen eingreifen. Trotz Angst vor dem Verlust von Wählerstimmen.

 


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