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Wasser plus Ziegel ist Urbanität

Zeichnung: Pauline Pascal
Zeichnung: Pauline Pascal
© Susanna Hofer
© Susanna Hofer

Ein Gespräch mit Sabine Pollak, Architektin und seit 2008 Professorin für Bereich Architektur und Urbanistik an der Kunstuniversität Linz, über historisch belastete Dachformen, den Einheits­geschmack der Reichen und den dankbaren Werkstoff Ziegel.

Einer der aktuellen Einträge in Ihrem Architekturblog lautet: „Das Steildach ist böse. Warum eigentlich? Flachdächer können sinnvoll sein, etwa in der Stadt. Aber am Land? Den neuen flachen Kisten fehlt nicht nur in ästhetischer Sicht etwas …“. Warum wird die tradierte, praktische und langlebige Bauform Steildach als „böse“ wahrgenommen?
Die Beantwortung der Frage ist heikel, insbesondere in Zeiten, in denen die Politik allerorts so erzkonservative Züge annimmt. Das Steildach hat eine lange Geschichte in der Architektur, ist für bestimmte klimatische Verhältnisse besser als andere Dachformen und wurde in den Zwischenkriegsjahren gleichsam abgeschafft. Flachdächer wiederum hatten lange einen schlechten Ruf wegen schwer handhabbarer Baumängel. Heute, so könnte man meinen, stünden wir über so vereinfachenden Zuordnungen. Aber man kann Formen und Strukturen in der Architektur nur schwer von der Geschichte getrennt betrachten. Das allzu Traditionelle des Steildachs bleibt also immer bestehen, auch wenn es mittlerweile großartige Häuser mit Dächern in allen Neigungen gibt. Die flachen Schachteln, die in der Landschaft herumstehen, sind wiederum meistens nicht nur auf Grund des fehlenden Daches schlecht, sondern weil sie insgesamt kein Konzept des Wohnens haben.

Hat das Steildach im urbanen Raum noch oder ­wieder Potenzial?
Ja unbedingt. In Städten wie Wien bieten Steildächer endlich Raum für Wohnungszuschnitte, die über die herkömmlichen 2,50 Meter Raumhöhe hinausgehen. Begrünte Dächer sind für das Stadtklima wichtig, aber dafür stehen auch andere Flächen zur Verfügung. Ich würde mir in größeren Städten eine bunte Dachlandschaft wünschen mit allen nur denkbaren Räumen. Wenn überall dieselben gläsernen Boxen auf die Häuser draufgesetzt werden, wird es langweilig.  

Kennen Sie gute Beispiele dafür?
Paris ist ein schönes Beispiel, da wird seit jeher jeder kleinste Raum unter den Dächern der Häuser ausgenutzt, dort hat dies Tradition. Dazu erhält jedes Fenster einen Minibalkon. Im Norden wiederum hat man die Tradition der steilen Dächer gut weiterentwickelt, Wohnbauten von BIG in Kopenhagen etwa. Da werden steile Dachflächen mehrfach verwendet, sei es als ­Erschließung oder als Skipiste.  

In vielen Architekturdiskussionen ist das kleine eigene Heim die Umwelt­sünde Nummer 1, aber bei Familien die mit Abstand beliebteste Wohnform. Wie sehen Sie dieses Spannungsfeld?

Wenn schon Eigenheim, dann bitte so klein wie möglich. Viele der aktuellen Minimalhäuser sind ja vorfabriziert oder mobil, haben also mit einem klassischen Einfamilienhaus für mehrere Generationen nicht viel gemein. Was ich nicht tolerieren kann, ist der Einheitsgeschmack, mit dem sich Leute, die zu viel Geld haben, Villen bauen lassen. Der reiche Rand aller Städte in Europa beginnt sich anzugleichen. Das sollte nicht sein. Vergleicht man solche neuen Villen mit Häusern wie etwa von Adolf Loos am Rand von Wien, sehen diese wie Miniaturen aus.

Einfamilienhaus, verdichtete Flachbauweise usw.  – ist das in der Lehre an Universitäten ein Thema?
Einfamilienhäuser planen wir an der Kunstuniversität prinzipiell nicht. Verdichteter Flachbau ist immer wieder Thema, wenngleich es in der Realität schwierig geworden ist, etwa flache Hofhauskonzepte bei Investoren durchzusetzen. Aber jede Form der Verdichtung ist ­eine Herausforderung für Studierende, in räumlicher wie in gesellschaftlicher Hinsicht.

Mit dem Verband Österreichischer Ziegelwerke und der Wienerberger Ziegelindustrie gibt es in diesem Semester das Projekt Stadtspeicher. Worum geht es bei dem Kooperationsprojekt?
Wir stellen uns die prinzipielle Frage, wie man auf einem leeren Grundstück Urbanität erzeugen kann. Linz hat ja einige Stadterweiterungen hinter sich wie Puchenau, die Solar City oder die Grüne Mitte. Keine davon ist auch nur annähernd urban. Linz könnte jedoch, wenn es die Präsenz der Donau in der Stadt ausspielen würde, eine Urbanität erfahren, wie man sie sonst nur in Städten wie etwa Hamburg findet. Unsere These ist daher: Wenn man einen neuen Stadtteil direkt an der Donau planen und ihn zur Gänze in Ziegelbauweise errichten würde, würde gleichsam von selbst etwas Städtisches entstehen. Also Ziegel + Wasser = Urbanität. Das Projekt wurde mit so viel Enthusiasmus von Seiten der Studierenden entwickelt, dass man eigentlich hoffen kann, dass sie zukünftig vielleicht etwas Ähnliches in Linz realisieren könnten.

Welche Vorteile sehen Sie in der Ziegel-Massivbauweise, besonders auch im Zusammenhang mit diesem Kooperationsprojekt?
Ziegel ist einfach. Jeder kennt Ziegel und alle können sich irgendwie vorstellen, wie man damit umgehen kann. Ziegel-Massivbauweise ist also eine für Studierende relativ leicht zu bewältigende Aufgabe. Dazu kommt die Möglichkeit, Ziegel auch als Fassaden­element einzusetzen bzw. in einer komplexen dreidimensionalen Entwicklung. Die Projekte der Studierenden zeigen, dass Ziegel hier sehr weit entfernt ist von jeglicher Tradiertheit. Und es kommen noch die unglaubliche Haptik einer Ziegeloberfläche sowie die ganze Farbpalette dazu. Mit Ziegel kann man eigentlich fast nichts falsch machen und zugleich sehr viel experimentieren.

Welche Bauaufgabe wäre für Sie als Architektin ­besonders reizvoll?
Ein Hochhaus. Frauen sollten mehr Hochhäuser bauen, finde ich, es ist die letzte Domäne der Männer.


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