361 Interior Design

Was kommt, was bleibt

© Modulnova
Twenty Frame von Modulnova: Küche ohne Griffe – Erhabenheit ohne Erhebungen
© Modulnova

Einblicke und Aussichten. Trends kommen und gehen. Am Ende zählt allerdings das, was Bestand hat. Ein Aspekt, den sich auch die Möbel­industrie zu Herzen genommen hat.

von: Barbara Jahn

Nach einer langen, unfreiwilligen Pause in der Messebranche beginnt jetzt eine Art Frühlingserwachen, bei dem sich neue Design­Blüten formieren. Nach der Pariser Maison et Objet kündigt sich im Frühsommer der Salone del Mobile an, der nicht nur zu seiner alten Hochform auflaufen will, sondern auch gleichzeitig sein 60-jähriges Jubiläum feiern wird. Dass die beiden letzten schwierigen Jahre Spuren hinterlassen haben werden – und das ganz im positiven Sinne – liegt auf der Hand: Der Reset-Knopf ist gedrückt.

Das Zuhause neu definieren
Die Spurensuche beginnt bei den Menschen selbst. Vieles hat sich verändert: Gewohn­heiten und Bedürfnisse, aber auch Ansprüche und natürlich das Budget. Der eigentliche Trend, der über all dem steht, ist eine Renaissance des Homings und Cocoonings, die schon einmal biedermeierlich die Einrichtungsbranche in ihren Bann gezogen hat, wenn auch aus anderen Motiven. Jetzt sind wir an einem Punkt angekommen, an dem wir das eigene Zuhause mit anderen Augen betrachten und nicht mehr nur als Wohnstätte, sondern auch als Rückzugsort und – immer öfter – auch als alternativen Arbeitsplatz nutzen. Die Mö­bel­industrie reagiert feinfühlig und sensibel auf die neuen Aufgaben eines Heims im Spannungsfeld zwischen Sicherheit, Heimat und Entspannung und wartet dabei mit so mancher Überraschung auf.

Den Tag nützen
Neue Horizonte tun sich zum Beispiel im Badezimmer auf. Keine Frage: Freistehende Badewannen waren schon immer ein Objekt der Begierde. Und dennoch hat man begonnen, sie neu durchzudeklinieren. Mit der Neugier und Experimentierfreude der Designer, die in den letzten Jahren schon ein wenig verloren gegangen zu sein schien, eröffnen sich für die Benutzer neue Spielarten der Badgestaltung. Badewannen treten als transparentes Schmuckstück in Erscheinung wie die Badkollektion Borghi von Antoniolupi oder wandern sogar hinaus in den Garten wie jene Modelle von Agape, wo man bei gleichbleibendem Komfort eine frisch entdeckte Ursprünglichkeit unter freiem Himmel genießen darf. Zu lange war der Bewegungsradius hinaus ins Freie eingeschränkt – das hat dem eigenen Garten als Aufenthaltsort und erweiterten Wohnraum einen kräftigen Schub gegeben.

Das Große im Kleinen finden
Funktionalität ist auch eine Eigenschaft, die eine beachtliche Wertsteigerung erfahren hat. Das geht mit einer neuen Disziplin einher, die sich Menschen aneigneten, als sie viel Zeit zu Hause verbracht haben. Das Mies van der Rohe-Zitat „Less is more“ kommt dabei voll auf seine Rechnung. Den Raum bestmöglich nützen, wie es beispielsweise das Tiny Cabinet von String Furniture zeigt, integriert in einen Designklassiker aus den 1950er-Jahren, wird zur neuen Wohnphilosophie. Aber auch raffinierte technische Details bekommen Aufmerksamkeit wie nie. Stellvertretend für diese Leidenschaft für das Unsichtbare, das einen staunen lässt, sei hier die jüngste Errungenschaft von Occhio genannt, eine Tischleuchten-Familie, die sich in sämt­lichen Raumachsen intuitiv mit der Hand bewegen lässt. Das Wie bleibt hier im Verborgenen, das Was hingegen offenbart sich in voller Größe.

Das Ganze sehen
Nicht nur optisch, auch haptisch legt man auf Strukturen und Texturen immer größeren Wert. Der Wunsch, fließende Über­gänge herzustellen, wird begleitet vom Bedürfnis, eine Zonierung zu schaffen, einher­ge­hend mit einem Wechsel des Boden­belags oder mit teilenden Elementen, die jedoch den Raumfluss nicht unterbrechen. Hier doch das Verbindende und nicht das Trennende zu sehen kann gelingen, muss aber gut überlegt und geplant werden. Offene Regalstrukturen wie Boutique Mast von Porro oder offene Küchen, etwa Twenty Frame von Modulnova, vereinen das, was thematisch zusammengehört, lassen aber den einzelnen Funktionen ihre Eigenständigkeit. Durch geschickte Integration lassen sich neue Aufgaben eines Raums mit den ursprünglichen verknüpfen. Das klassische Paradebeispiel ist derzeit das Homeoffice, das beinahe überall Platz finden kann, wenn man die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben, die oft und gerne verloren geht, gestalterisch gut lösen kann. Mobile Raumtrenner leisten einen guten Beitrag, aber auch funktionale Klappmöbel wie ­Sekretäre fühlen sich im wohnlichen Kontext und bei hybrider Aufgabenstellung – etwa als Schminktisch und Schreibtisch – gut an.

Sanfte Töne anschlagen
Selbstverständlich gibt es auch 2022 wieder die Farbe des Jahres. Und obwohl sie schon kurz vor Ende des Vorjahres ein wirklich netter, medialer Quotenbringer und ein Zug ist, auf den alles, was Rang und Namen hat, aufspringen will, so währt die Bedeutung leider eher nur von kurzer Dauer. Das farbige Aufflammen, das wohl dort und da immer wieder aufblitzt, verhält sich gegenläufig zu dem, was in den letzten Jahren stetig an Bedeutung gewonnen hat: Beständigkeit, und damit auch Farbenklassiker, die in genau diese Kerbe schlagen. So ist es immer wieder die ausgeglichene Farb­palette, die eine gewisse Erdung schafft – gerade zu Hause, wo man sich in ruhigere Gewässer zurückziehen will, wenn draußen ein Sturm tobt, egal ob meteorologisch, politisch oder wirtschaftlich. Einen wichtigen Beitrag zu diesem Gefühl des Geborgenseins und mit beiden Beinen fest am Boden zu stehen leisten Materialien, die uns daran erinnern, wo wir herkommen: Marmor, der nicht nur flach an Boden und Wänden oder in Bad und Küche beheimatet ist, sondern immer öfter auch als Möbelstück im Wohnbereich in Erscheinung tritt. Ebenso Holz, das genauso vielfältig mit Tönung und Maserung Lebendigkeit und Faszination versprüht, wie auch Leder, das einfach in der Berührung so manche Entfremdung durch Digitalisierung wieder kompensiert. 

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