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Warum nichts mehr so sein wird, wie es war

© Christian Schütz
Kompakt. Die von Inter-pool gestaltete Nespresso-Zentrale im The Icon setzt auf weniger Fläche und mehr Aufenthaltsqualität.
© Christian Schütz

Die Rückkehr an den Schreibtisch hat längst begonnen. Aber nicht mehr zwingend an den Schreibtisch im Büro, denn das Umsatteln auf die Möglichkeiten, Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten zu lassen, hat neue Perspektiven für moderne Arbeitsprozesse in Gang gesetzt. Mit überraschenden Folgen.

von: Barbara Jahn

Die Arbeitswelt war ohnehin schon immer ein Bereich der Einrichtungsszene, der ständig in Bewegung war. Durch die Pandemie ist noch mehr Dynamik hinzugekommen, und es passiert eigentlich das einzig Richtige: Man nützt die neuen Chancen und greift einfach bei jenen Entwicklungen vor, die ohnehin gekommen wären. Wie es einzelne internationale Unternehmen bereits schon seit vielen Jahren vorgelebt haben – mit meist auch internationalen Mitarbeitern, die oft nur wenige Tage an einem Standort sind und ohne persönlichen Schreibtisch tätig sind –, so ziehen jetzt viele nach. Das bedingt natürlich eine gute Vorbereitung mit Analysen und Strategien, wer wie, wo und wann vor Ort und von zu Hause arbeitet. Das Homeoffice ist damit endgültig salonfähig geworden und wird in Zukunft für mehr Abwechslungsreichtum beim Arbeiten sorgen. Synchron mit den digitalen Möglichkeiten steigt auch die Varianz der Arbeitsszenarien. Aufgaben können überall erfüllt werden, die Art der Zusammenarbeit ändert sich fundamental.

Zeit der Hybride
All das hat weitreichende Konsequenzen, denn nicht nur Arbeitgeber müssen umdenken, sondern auch Architekten und Planungs­büros, die sich auf Gewerbeund Büroflächen spezialisiert haben. Manches wird gleichbleiben: Meetings, die persönliche Anwesenheit erfordern, kreative Prozesse wie Thinktanks, deren analoge Qualität nicht durch Onlinetreffen ersetzt werden können, und das menschliche Bedürf­nis nach sozialen Kontakten für den Austausch, das Pausengespräch und den individuellen Input durch den Flurfunk.

Einen wunderbaren Beitrag zum Erhalt dieser zwischenmenschlichen Strukturen leistet Architektin und Designerin Nina Mair mit ihrem Team. Sie gestaltete in einem Büroturm in der Innsbrucker Innenstadt einen einladenden, lichtdurchfluteten Mitarbeiterbereich für ein Dienstleistungsunternehmen mit 30 Mitarbeitern neu. Hier finden sich attraktive Rückzugszonen sowie Bereiche für Kommunikation und Teamwork – ein kleiner Mikrokosmos mit akustisch wirksamen Trennwänden und einem Ambiente, das mehr einem Wohn- oder Restaurantambiente ähnelt als einem Büro. „In den letzten Monaten sind die Menschen mit dem Schreibtisch in die digitale Welt abgewandert. Echte Gemeinschaft findet im Homeoffice kaum statt. Die Menschen sehnen sich jedoch danach, auch im beruflichen Kontext. Die Bedeutung von Gemeinschaftsflächen im Büro wird daher zunehmen“, analysiert Nina Mair die aktuelle Situation. Der Aufenthaltsbereich soll den Mitarbeitern sowohl als Treffpunkt und als Ort der Kommunikation als auch als Rückzugsbereich dienen. Aus diesem Grund wurde ein akustisches Konzept entwi­ckelt, das einerseits die Nachhallzeit im Raum reduziert, andererseits auch die unterschiedlichen Bereiche voneinander abschirmt. Ein Loungebereich mit High­back-­Sofa und Lounge-Sesseln sorgt für die Möglichkeit, sich zu entspannen oder informelle Besprechungen abzuhalten. In der Mitte des Raums befindet sich der Essbereich, an dem das mitgebrachte oder selbst gekochte Essen konsumiert werden kann. Ebenfalls für dieses Projekt entworfen wurden die Tische, die mit Linoleum bespannt sind. Die Größe wurde so gewählt, dass sie solitär zwei bis vier Personen Platz bieten oder zu einer großen Tafel zusammengestellt werden können. So kann der Raum ganz nach Bedarf genützt werden. Eine kleine Koje, ausgestattet mit einem zeitgenössischen Ohrenbackensessel, bietet den Benützern die Möglichkeit, ein Privatgespräch am Mobiltelefon zu führen oder aber einfach auch nur die Beine auszustrecken und den Blick auf das Bergpanorama zu genießen. „Wir brauchen Räume, welche die Interaktion zwischen den Menschen fördern, um das Wohlbefinden zu erhöhen. In liebevoll gestalteten Details soll die Wertschätzung den Mitarbeitern gegenüber zum Ausdruck kommen“, so Mairs Entwurfsphilosophie.

Homeoffice of the Year
Schon seit vielen Jahren beschäftigt sich der international tätige Immobiliendienstleister CBRE mit zukünftigen Arbeitssze­narien und der Entwicklung von Arbeitsplätzen. Wichtig dabei ist die durchdachte Ganzheitlichkeit. Auch hier ist definitiv klar: Die Auseinandersetzung mit der Zukunft des Arbeitens und mit den Herausforderungen der aktuellen und (noch) ungewohnten Situation birgt völlig neue Qualitäten. Büros sind – was ohnehin immer klarer wurde – viel mehr als nur Arbeitsplätze. Stattdessen entwickeln sie sich zunehmend zu Kreativzonen, Räumen der sozialen Interaktion, sind zentral für Teamwork und Kommunikation, was auch bedeutet, dass Büroflächen anders geplant und genutzt werden als noch vor einigen Jahren. An diesem Punkt beginnt nun das Umdenken. Die CBRE bezog selbst vor Kurzem ein Büro im QBC am Wiener Hauptbahnhof, das ein gutes Beispiel für die flexible Nutzung von Büro­flächen, aber auch für ein Post-Covid-Setting darstellt. „Bei der Gestaltung unseres eigenen Büros wurden wir einerseits vom New-Work-Gedanken geleitet, andererseits war und ist es für uns zentral, Kunden wie Kollegen einen Grund zu geben, ins Büro zu kommen“, ist Julian Schramek, Head of Building Consultancy bei CBRE Österreich überzeugt, der mit seinem Team als Fach­juror im Rahmen des Office of the Year Awards Österreichs beste und innovativste Arbeitsplätze sucht.

Eigens dafür eingerichtet wurde auch die Sonderkategorie „Homeoffice of the Year“, denn dieses hat gerade im letzten Jahr eine besondere Bedeutung bekommen und wird diese wohl auch in Zukunft beibehalten. „Die Pandemie hat hier als Katalysator gewirkt, das digitale Zeitalter kann niemand mehr ignorieren.“ Ausgezeichnet werden jene Unternehmen, die ihre Mitarbeiter im Homeoffice beziehungsweise im Remote-Working-Modus in vollstem Ausmaß – mit technischer Umgebung, sozialen Kontaktmöglichkeiten, innovativen Ideen und großzügigem Verständ­nis gegenüber den besonderen An­for­derun­gen, die die ungewöhnliche Situation mit sich bringt – unterstützen.

Altes Haus, neuer Inhalt
Zu neuem Leben erweckt wurde hingegen das historische „Haus am Schottentor“, die New Work Base der Österreich-Tochter der NEW WORK SE und eines der modernsten Offices Wiens. Hier, wo New Work jeden Tag gelebt wird, ist viel Platz für kreativen Austausch, Meetings und alles, was man nicht im Homeoffice erledigen kann. 5500 Quadratmeter für rund 300 Mitarbeiter, aufgegliedert in variantenreiche Räume und Zonen. Im sogenannten „Remote Modus“ konnten die Mitarbeiter aus ihrem Home­office ihre neue Arbeitsumgebung kennenlernen. Dort können sie täglich wählen, wo sie sich niederlassen wollen und wo das Kollaborieren, Lernen, Kommunizieren und konzentrierte Arbeiten stattfinden soll.

Hybrid als das neue Normal
„Die Anforderungen an ein New Work Office unterscheiden sich stark von den altbewährten klassischen Bürokonzepten. Mit unserem Design möchten wir Kreativität fördern und motivieren“, sagt Daniel Sieber, Architekt der New Work Base vom Planungsbüro Hungenberg Sieber aus Berlin. Klassische, nonterritoriale Arbeitsplätze wechseln sich mit Meetingräumen, Kreativ­inseln, Rückzugsecken und vielen anderen Bereichen ab. Drei Ziele standen im Mittelpunkt der Planung: Schaffung optimaler, vielfältiger und flexibler Arbeitsbedingungen, Kreation eines dynamischen und motivierenden Officedesigns sowie Förderung des Miteinanders. „In über 3000 Planungsstunden haben wir versucht, New Work in jeder Ecke spürbar zu machen. Schon vor Corona haben wir das Büro nicht als Verrichtungsort für Routinen verstanden, sondern als Plattform zur Entfaltung, und dies spiegelt sich im Konzept und in der Planung wider. Das beste Beispiel dafür ist die Tatsache, dass unsere Mitarbeiter durchwegs mitentschieden haben – von der Benennung der Meetingräume über die Ausstattung der Dachterrasse bis hin zu Free Seating und Dog Office Guidelines“, so Sandra Auernigg, Projectlead der New Work Base, die für das Konzept des Projektes maßgelblich verantwortlich zeichnet.

Was kommt, was bleibt
Klar ist, dass die Diskussion über das Arbeiten per se und über die Orte, wo es stattfindet, noch nicht beendet ist. Man muss sich insgesamt auf mehr Flexibilität einstellen, und zwar in allen Bereichen: Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Architekten und Immobilienentwickler. Die Flächen müssen situ­ationselastisch bleiben, die Menschen beweglich im Kopf. Klar ist: Das Büro wird nicht aussterben, es wird nur neu eingesetzt, denn gerade in der Zeit nach Lockdowns und langen Homeoffice-Phasen zeigt sich eine verstärkte Notwendigkeit für Büros, die Raum für gemeinsame Erlebnisse bieten. Das vergangene Jahr und seine logistischen wie technischen Herausforderungen waren ein Turbo für New Work und die Diskussion über Arbeitsorte, -umgebungen und -konzepte. New Work hat sich durchgesetzt und damit auch eine neue Haltung zu Büros. „Büros wird es auch in Zukunft geben, sie sind Orte des Austausches, der Interaktion und der Kreativität. Sie sind aber auch Ausdruck der Unternehmenskultur und identitätsstiftend“, ist New-Work-Expertin Sandra Bascha überzeugt. Am Ende wird es eine ausgeglichene Mischung aus Büro, Open Workspace, mobilen Arbeitsplätzen oder Homeoffice sein, deren Nutzung ein völlig neues Arbeits­gefühl zur Folge haben wird.

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