341 Thema

Über den Akt des Mauerns

© Kurt Hörbst
Wohnbau, Sunderpur, Indien
© Kurt Hörbst
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Sigfried Atteneder Mag. arch. PhD. (47) studierte nach seiner Ausbildung zum Baupolier Architektur an der Kunstuniversität Linz und der University of Hong Kong und absolvierte ein PhD-Studium in Planning Studies an der Development Planning Unit (DPU) der Bartlett-Fakultät am University College London (UCL). Seit März 2018 ist er assoziierter Professor an der Architekturabteilung der Kunstuniversität Linz mit Schwerpunkt auf nachhaltiger Architektur und räumlicher Entwicklung
© Kurt Hörbst

Sigi Atteneder ist assoziierter Professor an der Architekturabteilung der Kunstuniversität Linz. Der Titel seiner Dissertation lautet „Urban Borderlands: Spatial Change in Amman and Tel Aviv-Jaffa“. Darin beschäftigte er sich mit der Rolle von Differenz – urbanen Grenzen – in Veränderungsprozessen von Städten. Dieses Interview entstand in Kooperation mit dem Verband Österreichischer Ziegelwerke.

Was kann man sich unter Ihrer Dissertation vorstellen?
Die Welt und ihre räumlichen Ausformungen sind komplex und einfache Aussagen und Kategorisierungen, wie etwa innen versus außen, wir versus die deshalb nicht nur fragwürdig, sondern als Grundlage für die räumliche Entwicklung ungeeignet. Ökonomische, ökologische, politische und kulturelle Prozesse, die unser tägliches Leben ausmachen, spannen sich längst über alle Maßstäbe und den gesamten Globus hinweg. Wenn wir ein T-Shirt kaufen, hat das eine Relevanz für die Baumwollproduktion in den USA und für die Näherin in Bangladesch, wenn wir unser Auto auftanken, hat das eine Relevanz für die Situation in Saudi-Arabien und im Nahen Osten und umgekehrt. Durch unsere Arbeit, unseren Konsum, unsere Freizeitaktivitäten sind wir in diese globalen Prozesse eingewoben, und das hat eine Auswirkung auf die Räume, in denen wir leben. Städte spielen dabei eine besondere Rolle, weil sie diese Komplexität verstärkt und in vielfältiger Form in sich tragen. Mein Versuch mit der Arbeit war es, Wandel in einer Region, in der solche Kategorisierungen in Form von Grenzen eine besonders wichtige Rolle zu spielen scheinen, zu untersuchen und mögliche Handlungsspielräume zu skizzieren. Raum, als relational, vielfältig und offen verstanden, bedeutet, dass das Konzept der Grenze oder der Differenz überdacht werden muss. Der Unterschied zwischen Stadtvierteln kann oft größer sein als der zwischen Ländern. Und wichtig ist auch, dass Differenz keineswegs ausschließlich schlecht oder destruktiv sein muss, sondern auch ein Ort, an dem Wandel erst möglich wird und etwas Positives entstehen kann.

Kann man Ergebnisse oder Erkenntnisse der Arbeit auch auf Österreich, eine Stadt wie zum Beispiel Linz, übertragen?
Natürlich findet man diese Prozesse und damit verbundenen Muster und Herausforderungen auch in Linz. Hier, wie in Oberösterreich insgesamt, spielen Industrie und Export eine enorme Rolle. Viele unserer Arbeitsplätze hängen davon ab, ob unsere Produkte im Rest der Welt gekauft werden. Für Linz ist der Tourismus eine feste und wachsende Größe. Außerdem ist die Stadt für ihre künstlerischen und kulturellen Aktivitäten im Land und weit darüber hinaus bekannt. Wenn Sie in Tokio oder in Boston sagen, dass Sie aus Linz kommen, kennen das die Leute, weil sie die Kunstuni oder das Ars Electronica Center kennen. Das heißt, Produkte, Kapital und, eingeschränkt, Menschen sind Teil globaler Kreisläufe und machen Raum.
Dann gibt es aber eben auch interne Unterschiede. Es ist ja nicht dasselbe, am Pöstlingberg oder im Frackviertel zu wohnen; nicht dasselbe, Voest-Generaldirektor oder eine Reinigungskraft dort zu sein. Ein Vorteil in Linz, oder in Mittel- und Nordeuropa, ist es, dass es trotz dieser Unterschiede lange Zeit relativ ausgeglichen war und kaum jemand im Stich gelassen wurde. Das sind die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, auf die wir gut achtgeben sollten, denn sie scheinen in Gefahr.

Für die Stadträume bedeutet das, dass die öffentliche Infrastruktur gut funktioniert, dass es öffentliche Räume gibt, dass auf eine gesunde Umwelt geachtet wird, dass umsichtig entwickelt wird. Nicht alles von dem hat bisher vorbildhaft funktioniert, ich denke an die Verkehrssituation oder an eine durchdachte Entwicklung der Stadt an sich. Momentan scheinen wir davon aber noch mehr abzukommen. „Anything goes“ ist jedenfalls eine Herangehensweise, die mich an die Orte in meiner Dissertation erinnert, wo der Stadtraum zur Investitionslandschaft wird, räumlich verkommt und besonders die schwächeren Menschen am Ende übrig bleiben.

Vor Ihrem Studium haben Sie die Maurerlehre ab­solviert und bis 1995 als Vorarbeiter und Polier am Bau gearbeitet; dann weiter in der Lehrlings- und Erwachsenenbildung im Bausektor. Haben Sie dadurch einen anderen Blickwinkel als Ihre Kollegenschaft?
Meine Biografie war am Anfang des Studiums eher hemmend, weil die anderen drauflosgelegt haben, während ich beim ersten Strich schon an die Realisierung gedacht habe. Das hat sich aber gelegt. Insgesamt denke ich schon, dass es ein Vorteil sein kann, die Arbeit auf der Baustelle gut zu kennen. Ich finde die Verbindung Handwerk – im weiteren Sinn – und Architektur aber sehr wichtig. Ein Verständnis dafür, wie Gewerke gemacht werden, und eine Architektur, die sich damit auseinandersetzt, sind meines Erachtens beste Voraussetzungen für gute Architektur.

Das Studio BASEhabitat der Architekturabteilung an der Kunstuniversität Linz legt Wert auf die Verbindung zwischen Architekturausbildung und Handwerk. Was ist das Lehrangebot, das Sie leiten?
Die Schwerpunkte von BASEhabitat liegen im Planen, Bauen und Forschen zu nachhaltigen und lokal und günstig verfügbaren Baumaterialien sowie in der Zusammenarbeit mit Gemeinschaften im Bauprozess. BASE­habitat war viele Jahre ein Studio, das parallel zur regulären Architekturausbildung existiert hat und Projekte hauptsächlich im sogenannten Globalen Süden bearbeitete. Es wurden zum Beispiel Projekte in Bangladesch, Indien, Südafrika oder Ecuador umgesetzt. Seit Oktober 2018 bieten wir einen eigenen Architektur-Master an und wir haben eine erste Gruppe an Studierenden in diesem Studienzweig. Wir möchten aber keine Entwicklungsarchitekten ausbilden. Ziel von BASEhabitat ist es, den angehenden Planern eine Sensibilität bezüglich sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung mitzugeben. Junge Menschen bekommen mit, dass vieles ziemlich schief läuft auf der Welt, und möchten mithelfen, das zu ändern. In der Architektur bedeutet das, so vielen Menschen wie möglich eine lebenswerte Umgebung zu schaffen, egal ob in Afrika, Asien oder hier in Europa. Materialität und Handwerk spielen dabei tatsächlich eine wichtige Rolle, es geht aber auch um ein Bewusstsein für die oben erwähnten Prozesse. Eine Besinnung auf lokal verfügbare Baustoffe wie Lehm oder Bambus, aber auch Holz und Stein ist dabei ein Fokus, der gleich mehrere positive Aspekte mit sich bringt: Der CO2-Ausstoß und der Aufwand grauer Energie werden verringert, lokale Wirtschaftskreisläufe gestärkt, kostengünstiges Bauen wird etabliert, die Landflucht gemildert und Menschen werden sinnvolle Perspektiven aufgezeigt. Das Lehrangebot umfasst demnach einen herkömmlichen Entwurfsschwerpunkt, eine Hands-on-Auseinandersetzung mit Material, theoretische Hintergründe globaler Entwicklungen, partizipatorische Prozesse und eine möglichst breite Teilhabe an der Gestaltung unserer Lebensräume. Exkursionen und Bauprojekte in besagten Ländern und darüber hinaus sind ebenfalls fester Bestandteil von BASEhabitat. Im Oktober 2019 startet des Weiteren ein Postgraduales Masterstudium.

Ist der Ziegel im Studio BASEhabitat ein Bestandteil? Oder ist es eher der Grundstoff des Ziegels – der Lehm?
Lehm ist einer der Baustoffe, für den wir uns in den letzten Jahren eine enorme Expertise erarbeitet haben. Allerdings kann man mit einem einzigen Baustoff kein Gebäude errichten und es sind immer verschiedene Materialien notwendig. Beim Lehm sind ja zwei Dinge besonders wichtig: ein guter Hut und gute Stiefel. Das heißt, dass Lehm viele positive Eigenschaften hat, man ihn aber vor Wasser schützen muss. Daher sind gebrannte Ziegel auch fast immer auf unseren Baustellen zu finden, von aufgemauerten Sockeln bis zu Dachziegeln. Wir sind auch nicht engstirnig oder ideologisch, was Baumaterialien betrifft. Das Material, das für die Aufgabe am besten geeignet ist, soll verwendet werden.

Sie kennen das Material Ziegel natürlich seit Ihrer Lehrzeit. Was sehen Sie jetzt in diesem Baustoff und seinen möglichen Potenzialen?
Da gibt es schon eine große Nähe durch meine Biografie, und ich glaube, vieles von dem, was mich damals am Baustoff Ziegel fasziniert hat, ist auch heute noch gültig. Die vielfältigen Formate und die additive Bauweise bieten vielerlei Möglichkeiten. Vom Klinker bis zum großformatigen Hochlochziegel mit sehr guten Dämmeigenschaften gibt es ein großes Spektrum, das für unterschiedliche Zwecke eingesetzt werden kann. Den Akt des Mauerns kann man außerdem recht ursprünglich mit dem Aufbauen von etwas in Verbindung bringen. Es war immer schön, Gebäude wachsen zu sehen. Heute muss allerdings alles schnell gehen und vieles kommt vorgefertigt, besonders auf größeren Baustellen. Durch Klebeverfahren wurden Möglichkeiten für die Verwendung von Ziegeln weiterentwickelt.

Welche Entwicklung können Sie sich für den Bau­stoff Ziegel vorstellen? Gibt es Schwächen, welche man reduzieren soll?
Eine Schwäche ist bestimmt der Energieaufwand, der für die Ziegelproduktion nötig ist. Wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht, ist zum Beispiel die Sanierung ein sehr wichtiger Bereich. Gerade wenn es um kleinteiligere Gewerke geht, hat der Ziegel große Stärken. Und die Lebensdauer von Gebäuden zu verlängern ist üblicherweise nachhaltiger als jeder Neubau. Aber auch in größeren Dimensionen bleibt der Ziegel ein bedeutender Baustoff. Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass die Ziegelwerke oft lokal verankert sind. Das heißt, es gibt relativ kurze Transportwege und Arbeitsplätze in der Region.


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