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Transformation in verschiedenen Maßstäben

Terrassenhaus Berlin, Berlin, DE Architekten: Brandlhuber + Emde, Burlon und Muck Petzet Architekten © David von Becker

Der Mies van der Rohe Award gehört zu den renommiertesten Architekturpreisen im europäischen Raum. Initiiert haben ihn die Stiftung Mies van der Rohe Barcelona, die Europäische Kommission und das Europäische Parlament. 1988 wurde er erstmals vergeben.

von: Susanne Karr

400 Arbeiten aus 36 europäischen Ländern waren für den Mies van der Rohe Award für zeitgenössische Architektur 2019 nominiert. Der Preis wird im Abstand von zwei Jahren vergeben. Der Hauptpreis ist mit 60.000 Euro dotiert, der Nachwuchspreis mit 20.000 Euro.Insgesamt 40 dieser 400 Projekte werden in der Ausstellung „Europas beste Bauten“, die in vielen europäischen Städten Station macht, präsentiert. Auch das Architekturzentrum Wien ist alle zwei Jahre Ausstellungsort. Die Schau vermittelt einen ausgiebigen Eindruck über Innovationen und Entwicklungen in der europäischen Architektur. Sie bietet gleichzeitig Inspiration und Praxisnähe und rückt heraus­ragende Projekte in den Fokus. Zusätzlich zu den prämierten Gebäuden werden die besten Einreichungen präsentiert. Weitere 15 Nominierungen mit österreichischer Beteiligung sind ebenfalls zu sehen, darunter die Bundesschule Aspern von fasch&fuchs.architekten, außerdem ein Wohnbau von StudioVlayStreeruwitz in Wien­-Floridsdorf und das Haus der Musik von Erich Strolz und Dietrich Untertrifaller in Innsbruck.

Hauptgewinner in Frankreich
Gleich zwei der Auszeichnungen gingen an französische Projekte – der Hauptgewinn an das renommierte Studio Lacaton & Vassal in Kooperation mit Frédéric Druot und Christophe Hutin aus Paris, der Preis Emerging Architects an BAST, ein junges Büro aus Toulouse. Beide Projekte zeigen einen starken Fokus auf ressourcenschonende Wiederverwertung und eine deutliche Abkehr von demonstrativer architekto­nischer Selbstverwirklichung.

Maximale Ergebnisse mit minimalem Aufwand erzielten Lacaton & Vassal in ihrem Projekt in Bordeaux. Wohnblöcke aus den 60er-Jahren wurden auf gleich mehreren Ebenen upgecycelt: sowohl ästhetisch, nämlich optisch und vom Raumgefühl her, als auch durch erweiterten Raum in den Wohnungen durch angefügte Loggien und Wintergärten. Insgesamt 530 Wohnungen wurden renoviert. Die neu gestaltete Leichtbaufassade besteht aus lichtdurchlässigen gerippten Polycarbonatpaneelen, das Glas ist in Aluminiumrahmen gefasst und mit Sonnenlicht reflektierenden Rollos ausgestattet. Statt der kleinen Fenster gibt es Glasschiebetüren. So haben die Wohnräume jetzt insgesamt mehr Licht. Die Idee zu dieser Intervention wurde von der Jury als einer der Gründe für ihre Auszeichnung genannt. Die Architekten verstanden und unterstützten die Vorteile, die eine Umwandlung der existierenden Gebäude mit sich bringen konnte. Die Jurymitglieder lobten zudem, dass sich die Bewohner durch die architektonischen Eingriffe verstanden fühlten. Ihre früheren Wohnungen – und damit ein wichtiger Teil ihrer biografischen Identität – wurden nicht abwertend behandelt, sondern durch Verbesserungen aufgewertet. Dadurch sei sogar etwas wie eine poetische Umwandlung erreicht worden. Eine Bewohnerin beschreibt die neue Qualität: „Es ist das genaue Gegenteil dessen, wie ich mich früher gefühlt habe. Früher habe ich nur ein einziges Fenster öffnen können ... jetzt kann ich alles sperrangelweit aufmachen. Jetzt habe ich nicht nur ein Fenster, sondern gleich drei. Ich wohne seit 20 Jahren hier. Früher konnte ich nicht atmen, jetzt kann ich es!“

Wertverschiebung
Das Projekt steht exemplarisch für den hohen Stellenwert, den das Thema Wohnen in der Architekturdiskussion einnimmt. Dies wird durch Covid verstärkt. Unter dem Einfluss der Pandemie werden Wohnen, Arbeiten, flexible Nutzbarkeit von Räumen und eine Aufwertung des Bestehenden wichtiger. Gesellschaftliche Verantwortung, Umgang mit Ressourcen und Boden, öffentlicher Raum und funktionierende Nachbarschaften waren wesentliche Anforderungen seitens der Jury. Das mittlerweile allerorts verwendete und verwässerte Merkmal der Nachhaltigkeit soll wieder erkennbare Konturen erhalten. In der Architektur kann es sich längst nicht mehr nur auf Materialien und Energieverbrauch eines neuen Gebäudes beziehen. Nachhaltigkeit definiert auch Aufwertung und neue Nutzbarmachung von bestehenden Gebäuden. Dieser Anspruch spiegelt sich in der Auswahl der 40 Projekte wider, von denen fast die Hälfte Um- oder Zubauten sind.

Emerging Architects
Das junge Architewkturbüro BAST aus Toulouse überzeugte die Jury durch seinen sensiblen Umgang mit Bestand und Landschaft. Sie erweiterten eine Schule in einem südfranzösischen Dorf, etwa 70 Kilometer von Toulouse entfernt. In einem transparenten Anbau, der Spielplatz und Dorfgeschehen miteinander in Blickkontakt setzt, findet die neue Cafeteria Platz. Das 60 Meter lange ebenerdige Gebäude besteht aus Glas und tragenden Wänden aus Brettsperrholz (CLT). Die Fassade mit Blick in den Hof kann geöffnet werden. Das Glasgebäude bietet Raum für Küche und zwei Speisesäle – einen für den Kindergarten, einen für die Schule. Ein großer Hof mit Waschbecken schließt daran an. Den Niveauunterschied von bestehendem und neuem Gebäude nahmen die Architekten zum Anlass, einen neuen Platz zu schaffen. Mit den Stufen entsteht nun eine Möglichkeit für ein kleines Freilufttheater.

Finalisten
Auch bei den weiteren Preisträgern stehen die Themen soziales Miteinander, öffentlicher Raum und Wohnen im Vordergrund. Zu den Finalisten gehören Projekte aus Deutschland, Spanien, Albanien und Belgien. Das Atelierhaus Lobe Block in Berlin von den Büros Brandlhuber + Emde, Burlon und Muck Petzet Architekten steht für eine gelungene Kombination von Ökologie, Ökonomie und sozialen Aspekten. Im Terrassenhaus sind Arbeiten, Wohnen und Begegnungsmöglichkeiten durch großzügige Räume und Gärten realisiert. Wände und Treppen aus Beton, Glasfassaden und silbergraue Vorhänge aus Geotextil für Sicht- und Sonnenschutz definieren eine urbane Optik, die durch Beete, Bepflanzung und Gartenanlagen kontrastiert wird.

Das Auditorium und Kongresszentrum vom Studio SelgasCano in Plasencia, der nördlichsten Stadt der Extremadura, fällt durch seine exzentrische Polyeder-Form ins Auge. Sie ergibt sich aus der Intention der Architekten, mit möglichst wenig Grundfläche in die natürliche Umgebung einzugreifen. Die Gebäudehülle besteht aus lichtdurchlässigen EFTE (Ethylen-Tetrafluorethylen)-Folien und wird durch ein Skelett aus Stahlstäben und -seilen gehalten. Durchsichtige Plexiglaspaneele bilden die Innenhülle.

Die Neugestaltung des Skanderbeg Square in Tirana mit Pflanzenintervention entstand in einer Kooperation des Architektur- und Designstudios 51N4E mit dem Künstler Anri Sala und dem Gartenstudio Plant en Houtgoed. Durch die Umdeutung des monumentalen Platzes im Zentrum der albanischen Hauptstadt entstand gemeinsam mit den Bürgern eine Art Bühne des öffentlichen Lebens mit grünem Gürtel.

Mit der Neuinterpretation des PC Caritas in Melle durch die Architekten De Vylder Vinck Taillieu ist ein experimenteller öffentlicher Raum entstanden. Ein altes Gebäu­de der psychiatrischen Klinik wurde teils entkernt, teils geöffnet. Verputz wurde abgeschlagen, damit das Mauerwerk atmen kann, Kieselsteine ersetzen den Fußboden im Keller, damit Wasser versickern kann. Neu angebaute Wintergärten und offene Kamine schaffen eine Atmosphäre für Zusammenkünfte für Personal und Bewohner, ergänzt durch das Auditorium im Souterrain. Ein innovatives Experiment, das Abfall vermeiden, Raum sparen und das Verlangen nach Zukunft steigern will.

Die internationalen Kooperationen vermitteln ein ermutigendes Bild von einem Europa, das durch den freien Austausch von kreativen Potenzialen und ­Wissen charakterisiert ist. Auch das entspricht sicherlich der Intention des Mies van der Rohe Awards. 

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