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Offen und ehrlich: Prämierte Architektur in Sichtbeton

© Brigida González
Deutscher Architekturpreis Beton 2017: E20_Wohnhaus in Pliezhausen / Steimle Architekten, Stuttgart
© Brigida González

Architekten lieben das Gestalten mit Sichtbeton. Die Betonindustrie weiß also, wie sie die Baukünstler auf ihre Seite ziehen kann: mit der Auszeichnung von Architektur in „Béton brut“.

von: Roland Kanfer

Roher Beton, nackt und ungeschminkt. Kein verschämtes Verstecken hinter Verkleidungen, keine Behübschungen, einfach das Material zeigen, wie es sich nach dem Ausschalen auf der Baustelle präsentiert. Die Liebe vieler Architekturschaffenden zum Sichtbeton erwidert die Industrie gerne mit der Verleihung von Preisen für brutalistische Bauwerke.

Das deutsche Informationszentrum Beton verleiht in Kooperation mit dem Bund Deutscher Architekten alle zwei Jahre den Architekturpreis Beton. Gewürdigt werden herausragende Leistungen der Architektur und Ingenieurbaukunst, deren Qualität von den gestalterischen, konstruktiven und technologischen Möglichkeiten des Bau­stoffs Beton geprägt ist. Beim bislang letzten Bewerb 2017 wurden vier gleichrangige Preise sowie vier Anerkennungen verliehen. Einer der Preisträger ist das 1987 in Zürich gegründete Architekturbüro von Marcel Meili und Markus Peter mit der 2015 fertiggestellten Erweiterung des Sprengel Museums in Hannover. An das 1979 von den Kölner Architekten Trint und Quast entworfene Museum haben die Schweizer einen lang gestreckten eleganten Quader aus anthrazitfarbenem Sichtbeton angefügt, der, um die unterschiedlichen Zugänge und Höhenebenen mit den Räumen der Sammlung und der tiefer liegenden Ebene der Museumsstraße zu vereinen, ein sich drehendes, plastisches Gebilde wurde. Das Gebäude schließt sich mittels einer Rampe mit frei ausschwingender Stiege an den hohen, geböschten Sockel des Altbaus an und kragt auf einem tief eingezogenen verglasten Sockel vor. Das Äußere des Zubaus gibt bis auf die im Sockelbereich rundum geöffneten Büro- und Werkstatt­räume und drei verglaste Loggien im Obergeschoß keine Hinweise auf die innere Erschließung, sondern entwickelt durch die Fassaden­gestaltung mit fünf verschiedenen Reliefschichten ein Eigenleben im städtischen Raum. Die Bänderung, teils poliert, teils im Rohzustand des Betons belassen, zieht sich um das gesamte Gebäude. Die zehn Ausstellungsräume mit Wänden aus anthrazitfarbenem Sichtbeton sind abwechselnd leicht schräg aus den rechtwinkligen Achsen des Hauses verschoben.

Für ein Wohnhaus in der baden-württembergischen Gemeinde Pliezhausen erhielten die Stuttgarter Steimle Architekten ebenfalls einen Preis. Das markante, monolithisch aus Dämmbeton gestaltete Wohnhaus befindet sich an einer ruhigen, wenig befahrenen Straße. Als preiswürdig und zukunftweisend bewertete die Jury vor allem die Verwendung von Leichtbeton mit Blähtonzuschlag. So konnten die 50 Zen­timeter starken Außenwände als Massivkonstruktion errichtet werden. Während das kristallin geformte Haus mit seinen parallel geführten Längsseiten noch den vorhandenen baulichen Kontext aufgreift, hebt es sich durch seine spitz zulaufenden Schmalseiten deutlich von seinen Nachbargebäuden ab. Zum Straßenraum hin zeigen sich lediglich wenige, tief in die massive Betonschale eingeschnittene Öffnungen.

Beton wie Ziegel
„Weiterbauen“ lautet das Motto beim Kreativwirtschaftszentrum Mannheim, einem weiteren Preisträger des deutschen Architekturpreises Beton 2017. An der Hafenstraße direkt an einem Verbindungskanal zwischen Rhein und Neckar gelegen, reagiert der vom mittlerweile aufgelösten Stuttgarter ­Architekturbüro hartwig schneider geplante Gewerbebau auf die alten Speichergebäude seiner Umgebung mit einer robusten Architektur, die klar modern ist und sich zugleich an die alten Industriebauten der Umgebung anlehnt. Aus diesem Grund wurde die aus Ortbeton hergestellte Fassade farblich dem Rotton der alten Ziegelgebäude, die Ober­flächenstruktur mit rauer Bretterschalung dem Ziegellook angepasst.

Einen schräg in die Erde eingelassenen Quader aus Beton des Münchner Architekten Peter Haimerl kürte die Jury ebenfalls mit einem Preis. Der ungewöhnliche Baukörper in Blaibach in der Oberpfalz ist ein gekipptes Konzerthaus mit einem granit­verkleideten Eingang am Dorfplatz. Die Oberflächenreliefs der in unbehandeltem Ortbeton gefertigten Raumform des Konzert­saales verbessern die akustischen Verhältnisse im Inneren.

Schweizer Betonpreis 2017
Auch Beton Suisse, die Interessenvertretung der Schweizer Baustoffindustrie, vergibt alle vier Jahre einen Preis für hochstehende und innovative Betonarchitektur. 2017 fand die bislang letzte Verleihung des Schweizer Betonpreises statt. Siegerin ist die Architektin Angela Deuber aus Chur mit ihrem Schulhaus Buechen Thal. Das 2013 fertiggestellte Projekt verwendet Ortbeton als tragendes und sichtbares Material, was dem Schulhaus eine beschwingte Leichtigkeit verleiht. In ein einfaches Gerüst aus Ortbetonstützen und Platten sind zurückversetzt dreieckig nach unten zulaufende Wandscheiben eingelassen, mit dreieckigen Verglasungen als Komplementärfiguren. Im ebenfalls betonierten Geländer vor den umlaufenden Balkonen wiederholt sich die Zickzackform der Fassade. Architektur, Konstruktion und Material bilden eine Einheit, die, so die Jury des Betonpreises, vom Konzept bis zur Ausführung explizit auf die Möglichkeiten des Bauens mit Beton bezogen ist. Zudem entsteht über die schrägen Fenster, Türen und Balkonbrüstungen des Gebäudes eine dynamische Interaktion mit den Satteldächern der benachbarten Ge­bäude. Auffallend ist auch das wiederholte Durchbrechen der strengen Geometrie: Die mittlere der drei Stützen ist an einer Gebäude­front schräg gestellt.

Zu Sichtbeton erstarrte Modernität
Eine der drei Auszeichnungen verlieh die Jury des Schweizer Betonpreises an das Basler Architekturbüro Christ & Gantenbein für die Erweiterung des Landesmuseums Zürich. Die Neue Zürcher Zeitung nannte das 2016 eröffnete Kulturhaus eine „zu Sichtbeton erstarrte Modernität“. 2002 hatten die Architekten den Wettbewerb gewonnen. Der Baukörper mit Ausstellungssälen, einem Auditorium und einer Bibliothek entspringt dem alten, zwischen 1892 und 1898 errichteten Museum im Stil des Historismus und interpretiert mit seinen schräg verlaufenden Giebelformen die Giebel des Altbaus. Diese gezackte Form findet sich auch im Grundriss wieder. Der Sichtbeton verleiht dem Gebäude einen skulpturalen Charakter, während im Inneren geschliffene Betonböden und offene Decken dominieren. Die zwischen 80 und 100 cm dicken Außenwände sind zweischalig aufgebaut. Die tragende Innenschale besteht aus Recyclingbeton, darauf folgt eine Dämmschicht, dann die äußere Schale aus einem eigens entwickelten Tuffsteinbeton. Um die Gesteinskörnungen stärker sichtbar zu machen und damit den Bezug zum Altbau mit seinen Tuffsteinwänden herzustellen, wurde die Fassade abschließend unter Hochdruck wassergestrahlt.

Australische Exzellenz
Ganz frisch sind die „Awards for Excellence in Concrete 2019“, die das Concrete Institute of Australia vergeben hat. Die Auszeichnung für gewerbliche Bauten ging an das Anzac (Australian and New Zealand Army Corps) Memorial Centenary Project. Das vom australischen Architekten Charles Dellit geplante Anzac War Memorial, ein 1934 im Hyde Park von Sydney im Gedenken an den Ersten Weltkrieg eröffnetes Bauwerk im Art-déco-Stil und in Betonbauweise und mit Naturstein verkleidet, wurde vom Planungsbüro Johnson Pilton Walker um unterirdische Ausstellungs- und Lehrräume sowie einen Gedenkraum erweitert. Ein Rundfenster ermöglicht die Sichtverbindung zwischen dem Denkmal und den neuen Räumen. Die Decke über dem zentral gelegenen, stützenfreien Gedenkraum wird von Fertigteilbetonbalken getragen.

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