Architektur Naturstein

Niemals aus der Mode

Sylvain Letellier
Im Barcelona-Pavillon hat Ludwig Mies van der Rohe vier verschiedene Steinarten eingesetzt.
Sylvain Letellier
Filippo Bolognese
Viel Naturstein beim neuen Terminal des Amsterdamer Flughafens (Kaan Architecten).
Filippo Bolognese
© Luxigon
Das von REX geplante zukünftige Ronald O. Perelman Performing Arts Center nächst Ground Zero wird die Leichtigkeit von Stein in Szene setzen.
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© www.wright-house.com
Frank Lloyd Wrights Falling Water House in Pennsylvania ist mit seinem holistischen Konzept innen und außen Natur pur.
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© Gunnar Klack
Die Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University von SOM funktio-niert raffiniert die Gebäudehülle aus Natur-stein zum indirekten Leuchtmittel um.
© Gunnar Klack
© architectureprize.com
Oft Interiors, spezialisiert auf Event- und Kinoarchitektur, setzt aus Überzeugung oft Naturstein ein.
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Wie uns die Baugeschichte zeigt, ist Naturstein alterslos und frei von jeglicher Modeerscheinung. Architekten wie Ludwig Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright oder SOM haben ihn eingesetzt.

von: Barbara Jahn

E steht für ewig, einzigartig, elegant und elitär, S steht für strapazierfähig, schön, smart und schwer. Bauherren wollen ES – heute wie damals. Der Einsatz von Naturstein ist so alt wie es Behausungen für Menschen gibt. Es ist jenes Material, das sich universell, innen und außen einsetzen lässt, zudem so individuell ist, wie kein anderes, und  vor allem Langlebigkeit, Solidheit, Unerschütterlichkeit ausstrahlt. Also eigentlich das, was man sich von Architektur wünscht. Der Schein ist hier auch das Sein: Stein sieht nicht nur gut aus. Er ist es auch. So kommt er sowohl im privaten Umfeld wie auch im öffentlichen Bereich, von Architekten empfohlen und gerne verwendet, zum Zug.

Stein-Platte

Ziemlich viel Naturstein wird im neuen Terminal des Amsterdamer Flughafens Schiphol zum Einsatz kommen, geplant vom niederländischen Büro Kaan Architecten, in Zusammenarbeit mit estudio lamela, ABT und ineco. Die Planer wollten eine besonders ruhige Atmosphäre für die 14 Millionen Reisenden zu schaffen, wofür Naturstein ja fast schon ein Garant zu sein scheint. Inspiriert von der Architektur der sechziger Jahre, die gerade bei Bahnhöfen, Flughäfen und anderen Landebasen von Transportmitteln sehr charakteristisch ausfiel, wird mit dem Stein die optische Weite fortgesetzt, nicht zuletzt durch den groß-zügigen Einfall von Tageslicht durch die überdimensionalen Glasflächen der Fassade. Die Stützenfreiheit ist dabei fast schon Programm und lässt Boden und Wand mit natürlicher Maserung umso beeindruckender wirken. 

Einen Moment lang schweifen die Gedanken beim Anblick zu Ludwig Mies van der Rohe, dessen eingeläutete Moderne ein wenig durchblitzt. 28 Millionen Beine zu tragen ist zudem eine Riesenherausforderung per se, die wenige Materialien über lange Zeit aushalten können. Zwar sind es noch die Visualisierungen, die schon beeindrucken – der 100.000 Quadratmeter große Terminal wird erst 2023 fertiggestellt – jedoch kann man schon hier den polierten Naturstein kombiniert mit Stahl und dunklem Holz spüren.

Stein-Schmuck

Ludwig Mies van der Rohe? Ja, immer  wieder ein gutes Beispiel und niemals langweilig zu zitieren. Und das aus mehrerlei Gründen. Was hier immer wieder evident wird, ist die perfekte Verschmelzung  zwischen Innen- und Außenraum. Nicht nur durch die Transparenz der sozusagen nicht vorhandenen, verglasten Außenhaut, sondern auch durch die Verschneidung der massiven Bauteile zwischen Innen und Außen. Spannend ist dabei, dass Mies van der Rohe hier vier verschiedene Marmorarten einsetzt, die einen maximalen Kontrast zur sonst federleichten Konstruktion der Architektur darstellen. Es handelt sich dabei um römischen Travertin, grünen Alpin- Marmor, antiken grünen griechischen Marmor und goldenen Onyx aus dem Atlas-Gebirge. Das Ergebnis ist ein raffiniertes Spiel aus Licht und Schatten, denn der Pool im Garten in Kombination mit dem Sonnenlicht macht den Stein – vor allem den hier hauptsächlich verwendeten Travertin mit seinen inhärenten Leuchtqualitäten – durch lebendige Reflexionen zu einer indirekten, sekundären Lichtquelle. Der Stein scheint sich im Sonnenlicht beinahe aufzulösen und verbreitet das Licht im gesamten Raum.

Stein-Werk

Doch zurück in die Gegenwart: Das Architekturbüro Oft Interiors mit Sitz in Hong Kong hat sich bei seinen Projekten auf die Verwendung von Naturstein regelrecht eingeschworen. Nach einer Begründung dafür muss man nicht lange suchen, sie liegt auf der Hand: Es ist die Langlebigkeit und die Pflegefreundlichkeit, die das Team immer wieder auf das bewährte Material zurückgreifen lässt. So spielt Naturstein schon in der Planung der Projekte als Boden-, aber auch als Wandverkleidung eine Hauptrolle. Etwa bei den futuristischen Lichtspieltheatern vulgo Kino, die wie der Bauch  eines Raumschiffes anmuten. 

In den Theatern und Opernhäusern  war Stein schon immer ein großes Thema,  warum also nicht auch im Kino. Das sah man bereits in den zwanziger Jahren so. Heute sieht das Interior zwar anders aus,  jedoch das Material der Wahl ist Naturstein, der sich durch seine Masse, Haltbarkeit und Steifigkeit auszeichnet. Das sind Eigenschaften, die auf den ersten Blick nichts mit dem Medium Film zu tun haben. Die Gründe für die Wahl liegen jedoch in den Wünschen des Kunden: „Unsere Kunden schätzen die geringe Wartung und die Dauerhaftigkeit des Projekts. Zudem bieten diese Steine Sorten nach Muster und Farbgebung, die viel zur Schaffung einer differenzierten Atmosphäre beitragen“, begründet Oft Interior sein klares Bekenntnis zu Stein.

Stein-Reich

Schnell ein Sprung über den großen Teich. Das Kaufmann House Above Waterfall in Pennsylvania von Frank Lloyd Wright ist ein Klassiker, auch wenn es um die Natur im Haus geht. Nicht nur, dass das Gebäude wie der Name schon sagt über einem Wasserfall thront, eingepackt in eine romantische Naturkulisse, hat der Architekt auch die Natur ins Haus geholt. Als Kunststoffe zum König und als neues „Wunder“-Material gefeiert wurden, widersetzte sich Frank Lloyd Wright diesem Trend und schrieb „The Natural House“. Das 1954 erschienene Buch war voll von Ideen, die der Architekt jahrzehntelang praktiziert hatte. Beginnend mit dem 1934 Willey House, in vielerlei Hinsicht. Wright legte seine Theorie der „organischen Architektur“ dar, wo „die Natur des Materials, der Methode und des Zwecks alle einstimmig sind“. Er appellierte an die Architekten, Materialien für deren intrinsische Natur und ihr Design entsprechend zu respektieren. Im Falling Water House ist das Konzept durch gängig. Die Materialien sind der umgebenden Natur entnommen – nachhaltig, denn dort wo Platz für das Haus geschaffen wurde, blieb der Stein für die Gestaltung. Nicht nur an der Fassade, sondern überall im Haus findet man rauen und gebürsteten Stein – ein roter Faden, der sich durch alle Räume zieht. Wright zitiert hier mit gedrungenen Räumen, die manchmal ob der Materialität dunkel wirken, die Höhle für das Urbedürfnis des Menschen, den Schutz.

Stein-Block

Dass Stein nicht unbedingt schwer wirken muss, zeigt ein anderes Beispiel aus den Vereinigten Staaten. Die Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University in New Haven, erbaut 1962 von Skidmore, Owing and Merill und benannt nach den Stiftern Edwin J., Frederick W. und Walter Beinecke, besteht im Kern aus einem sechsstöckigen Turm mit Bibliotheksregalen, der von einem fensterlosen, recht-eckigen Bau umgeben ist. Die Außenwände sind aus lichtdurchlässigem, weiß-grau-geadertem Vermonter Danby-Marmor gefertigt, der zwar eine indirekte Beleuchtung erlaubt, doch gleichzeitig vor direktem Tageslicht und schädlicher ultra-violetter Strahlung schützt. Die Marmorpaneele sind jeweils ungefähr drei Zentimeter dick und von grauem Vermont-Granit umrandet. Auf einen ähnlichen Effekt setzt ein zukünftiges Theater am World Trade Center. Das Ronald O. Perelman Performing Arts Center, dem keine Geringere als Barbra Streisand vorsitzen wird, begibt sich in illustre architektonische Gesellschaft. Das Gebäude ganz aus Marmor, geplant vom früheren OMA-Partner Joshua Price-Ramus, der sein Büro unter dem Namen REX führt, soll bis 2020 fertig sein. Beim Projekt eingesetzt werden soll exakt derselbe Natur-stein aus Vermont wie schon beim U.S. Supreme Court und beim Thomas Jefferson Memorial in Washington, D.C. Hier wird Geschichte geschrieben, die auch ein Stück der amerikanischen Geschichte und jene des Ground Zero in sich birgt. Wie bei der Beinecke Library in New Haven, zu der es zweifellos eine gedankliche Affinität gibt, sind transluzente Marmor platten vorgesehen, die das Licht in den Innenraum dringen lassen und gleichzeitig ein brillantes Gestaltungselement darstellen.

Stein-Alt

Zum Abschluss noch ein Abstecher nach Paris. Dort manifestiert sich wieder einmal die ewige Schönheit des Steins, der in der richtigen Umgebung auch über Jahrhunderte nichts von seinem Glanz verlieren muss. Die im 17. Jahrhundert gegründete Bibliothèque Nationale de France in Paris wurde von Bruno Gaudin mit viel Fingerspitzengefühl restauriert. Der 1666 von Labrouste errichtete Bau, der sich allerlei Werkstoffe bedient, zeigt besonders in dem im neuen Glanz erstrahlenden Vestibül Naturstein als reines Dekorelement, dazu in all seinen nuancenreichen Facetten im Detail.  •


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