341 Naturstein

Naturstein ist Emotion

© Roland Kanfer
Centro Cultural de Belém: Ehemaliger Sitz der portugiesischen EU-Ratspräsidentschaft aus portugiesischem Kalkstein
© Roland Kanfer

Bauen mit Naturstein gilt als eine Sache der Vernunft. Stein ist dauerhaft, nachhaltig und ökologisch. Alles richtig, diese Zuschreibungen begrenzen den Naturbaustoff aber auf seine rationale Komponente. Der Umgang mit dem Naturbaustoff bietet mehr als die Erfüllung technischer Werte. Wie Bauwerke aus und mit Naturstein Emotionen transportieren und sogar polarisieren, zeigen internationale Beispiele.

von: Richard Watzke

Neulich bei einem Architektenevent in Tulln: Zwei international bekannte Architekten referieren über Materialität. Thema des Abends ist Naturstein. Beide Sprecher preisen die Ästhetik und Kraft des natürlichen Steins. Es wirke geradezu beglückend, Gebäude und Räume mit einem solchen Ur-Werkstoff gestalten zu dürfen. Zitiert wird der Barcelona-Pavillon mit seinen gespiegelten Wandbekleidungen, auch die transluzenten Steine in Loos’ American Bar erscheinen auf der Leinwand. Die Architekten, Innenraumgestalter und Produktdesigner im Publikum lauschen gebannt, wie die Vortragenden ihre Reise in einen Steinbruch schildern. Emotion pur auf über 2.000 Metern Seehöhe, die Auswahl von tonnenschweren Rohblöcken für einen Designwett­bewerb bleibt ihnen ein unvergessliches Erlebnis. Diese Begeisterung überträgt sich auf die Zuhörer im Saal. Steine als Auslöser und Träger von Emotion – niemand will an diesem Abend über Biegezugfestigkeit und CE-Prüfzeugnisse sprechen. Der Clou an der Geschichte: Gastgeber der Steinbruchexkursion und des Events ist ein Natursteinverarbeiter, Veranstaltungsort dessen mit exklusiven Steinen opulent gefüllter Schauraum.

Für die unter den Gästen ebenfalls anwesenden Steinmetze sind Steinbrüche bekanntes Terrain und Rohblöcke mehr technische Herausforderung als Inspiration. In diesem Vortrag aber erleben sie, wie viel Sinnlichkeit für ihre Zielgruppe – Architekten und Gestalter – bereits im rohen, unbearbeiteten Stein steckt. Für beide Gruppen bietet der Abend somit eine Überraschung: Die Steinproduzenten betrachten ihren Werkstoff aus einer emotionalen Perspektive und die Architekten erfahren, dass Naturstein für sie selbst und ihre Auftraggeber Sinnlichkeit und Ästhetik im Überfluss bereithält.

 

Von Dauer: Kulturzentrum Belém
Zugegeben, Emotion allein genügt nicht in der verantwortungsvollen, nachhaltigen Architektur. Ein schönes Gebäude kann und muss auch praktisch sein, sonst wird es schwerlich Bestand haben. Für Fassaden, Treppen und Böden werden Steine nicht nur nach ästhetischen Kriterien ausgewählt, denn wie alle übrigen Elemente eines Bauwerkes müssen auch sie in erster Linie dauerhaft und sicher sein, sonst sind sie im Hochbau fehl am Platz. Aus gutem Grund unterliegen Werk­stücke aus Naturstein Normen. Zu den rationalen, vernunftbetonenden Argumenten für Naturstein hat sich ein Faktor hinzugesellt: Steine sollen immer öfter aus der Region sein, anstatt um den halben Erdball herbeigeschafft zu werden. Das war schon früher Usus: Man nahm den Stein vom Ort, weil der Transport von weit her zu mühsam war. Als – aus unserer Sicht – positiver Nebeneffekt prägte der heimische Stein die Region, gab ihren Städten ein charakteristisches Gesicht.

Heute sind die Vorzeichen anders, der Effekt aber ist derselbe. Regional gewonnene und verarbeitete Bau­stoffe erzeugen weniger Schadstoffe durch kurze Transportdistanzen. Zugleich knüpfen die regionalen Steine an lokale, historische Bautraditionen an und verankern Bauwerke vor Ort. So geschehen bei Peter Zumthors Therme in Vals, prominente Beispiele gibt es aber auch anderswo. Das Centro Cultural de Belém ist ein 1993 eröffnetes Kulturzentrum in Lissabon. Anfangs nur als Sitz der portugiesischen EU-Ratspräsidentschaft 1992 erbaut, steht das Kulturzentrum im Stadtteil Belém seitdem im Mittelpunkt des Kulturlebens von Lissabon.

Als Sieger in einem Architektenwettbewerb mit 57 Einreichungen setzte sich der mit lokalem Naturstein bekleidete Gebäudekomplex der Architekten Vittorio Gregotti und Manuel Salgado durch. Verarbeitet wurde der portugiesische Kalkstein Lioz aus der Nähe von Lissabon, der bereits im 17. Jahrhundert im großen Stil für repräsentative Aufträge der portugiesischen Krone genutzt wurde. Durch die Verwendung des regionalen Natursteins am Sitz der Ratspräsidentschaft setzte Portu­gal damit ein unübersehbares Zeichen.

Exemplarisch: Hauptquartier von Bloomberg
Ähnliche Signale sendet auch das Hauptquartier des Informationsdienstleisters Bloomberg von Foster + Partners in London. Das Bürogebäude ist der Gewinner des RIBA Stirling Preises 2018 für den besten Neubau in Großbritannien. Besonders die Nachhaltigkeit des Bauwerks überzeugte die Jury des Royal Institute of British Architects: Das Bloomberg-Gebäude erhielt die beste BREEAM-Zertifizierung, die jemals an ein Bürogebäude vergeben wurde; darüber hinaus gilt es neben der St. Paul’s Cathedral als größtes Steingebäude Londons. Die in beinahe klassischer Manier horizontal dreigeteilte Fassade ist aus 84.000 Kubikmetern Derby­shire Sandstein errichtet, der nur knapp 200 Kilometer vom Standort entfernt gewonnen wurde. Für eine Rhythmisierung sorgen bronzene Flügel, die je nach Sonnenstand zur Belichtung oder Verschattung der Büros ausgerichtet werden. Bauherr ist der Medienunternehmer und frühere Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg, der seit 2017 auch als UN-Sonderbotschafter für Klimawandel aktiv ist.

Umstritten: Clerkenwell Close
Bleiben wir auf der Insel: Während das Bloomberg-Hauptquartier das derzeit Machbare in Sachen klima­schonender Gebäudetechnik auslotet und die Steinfassade aus ästhetischen und rationalen Gründen aus regionalem Naturstein besteht, wählte der britische Architekt Amin Taha für sein sechsstöckiges Büro- und Wohngebäude im Londoner Stadtteil Clerkenwell ein Exoskelett aus bruchrauen Balken und Pfosten aus regionalem Kalkstein. Die Steine gliedern die Fassade in ein strenges Raster aus Quadraten. Was von Weitem wie zufällig zusammengestückelt erscheint, ist in Wahrheit raffinierte Steinmontage. Im Steinbruch wurden die Quader abgebohrt und gesägt, die Sägespuren und Reste der Bohrlöcher sind ein wesentliches stilbildendes Merkmal der Fassade. Die Meinungen der Architekturkritik gehen auseinander, es überwiegt aber die Anerkennung für den außergewöhnlichen Zugang von Amin Taha. Ob das umstrittene Bauwerk von längerer Dauer sein wird, ist ungewiss. Dem Architekten ging jüngst bereits der zweite Bescheid der Lokalverwaltung zum Abriss des gesamten Gebäudes zu. Begründet wird die Aufforderung zum Abriss mit Formfehlern bei der Einreichung der Fassadengestaltung. Das RIBA jedenfalls verlieh dem Gebäude 2018 einen National Award. 

Politikum: CEU Universität Budapest
Zurück auf dem Kontinent: Die Central European Univer­sity CEU ist eine im Jahr 1991 gegründete Privatuniversität mit Sitz in New York und einem Campus in Budapest. Finanziert wird die CEU maßgeblich vom Investor George Soros, und gerade dessen liberales Gedankengut ist dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán ein Dorn im Auge: 2017 veränderte die rechtskonservative ungarische Regierung das Hochschulunterrichtsgesetz; welches Schicksal der CEU in Ungarn droht, ist seitdem ungewiss. Was das mit Naturstein zu tun hat? Der 2016 eröffnete CEU-Campus in Budapest gilt als einer der 20 besten Neubauten der Welt. 2018 erhielt das Gebäude von O‘Donnell + Tuomey einen RIBA International Award for Excellence und war in diesem Jahr einer von vier Finalisten für den RIBA International Prize. Die Gebäudehülle besteht aus acht Zentimeter starken Platten aus einem ungarischen Süßwasserkalkstein, der nur rund 50 Kilometer entfernt gewonnen wird und auf eine lange Bautradition in Bu­da­­pest zurückblickt.

Ob Lissabon, London oder Budapest – allen Beispielen gemeinsam ist das Bekenntnis zu regionalem Naturstein in einer kraftvollen Formensprache, die nichts mit den flachen Steintapeten früherer Jahrzehnte zu tun hat. Beeindruckend, wie der traditionelle Naturbaustoff an Bauwerken mit höchsten umwelttechnischen Standards eine mehr als gute Figur macht: Ohne Zweifel eine Bestätigung für Architekten, die bereits mit Naturstein planen und bauen. Alle anderen mögen sich dazu ermutigt fühlen.


Alle Fotos: © Richard Watzke

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