Naturstein

Naturstein in seiner schönsten Form

© Norbert Kienesberger
Wie aus einem Block: „Carina“ ist drei Meter lang, über einen Meter breit und 75 Zentimeter hoch.
© Norbert Kienesberger

Gutes Steindesign hängt von vielen Faktoren ab. Im Idealfall bringen Gestalter Formgebung und Materialeigenschaften ­ des Naturwerkstoffs in Einklang. Computergesteuerte Maschinen erlauben Projekte, die früher undenkbar waren.

von: Richard Watzke

Dem Universalgenie Michelangelo wird der Ausspruch zugeschrieben, dass jede Skulptur bereits im rohen Steinblock fertig vorhanden ist, man müsse sie nur vom überflüssigen Material befreien. Das gilt bis heute, geändert haben sich über die Jahrhunderte nur die Werkzeuge, zu denen in der modernen Steinbearbeitung diamantbelegte Sägeblätter, Diamantfräser oder auch der Hochdruck-Wasserstrahl zählen. Dank leistungsfähiger Konstruktionsprogramme wird jedes Detail bereits beim Entwurf berücksichtigt und auf sogenannten CNC-Maschinen in höchster Präzision umgesetzt. Monolithische Kücheninseln oder Innenraumgestaltungen mit durchlaufender Steintextur sind beinahe Alltag für die Verarbeiter. Design umfasst die Auseinandersetzung mit der Funktion eines Objekts sowie dessen Interaktion mit Benutzern. Im Entwurfsprozess ist somit neben ästhetischen Gesichtspunkten auch die langfristige Nutzbarkeit eines Objekts zu berücksichtigen. Gutes Steindesign beinhaltet all diese Faktoren.

Form und Material in Harmonie
Als Naturbaustoff besitzt jeder Stein ein charakteristisches Erscheinungsbild. Berühmtes Beispiel ist Carrara-Marmor: In seiner weißen Grundmasse aus Calcit-Kristallen formen farbige Mineralien individuelle Adern, Wolken oder Bänder. Je nach Abbaustelle sind diese mehr oder weniger ausgeprägt und auch innerhalb eines Rohblockes weist jedes Stück eine eigene Maserung auf. Indem Designer diese Eigenschaft in den Entwurf einbeziehen, schaffen sie zeitlose Unikate. Die von Achille und Pier Giacomo Castiglioni 1962 entworfene Stehlampe Arco mit dem markanten Fuß aus Carrara-Marmor ist ein prominenter Vertreter, denn jeder Fuß ist individuell gezeichnet. Niemals also kann es zwei identische Exemplare der Arco geben. Noch etwas belegt der wohl bekannteste Lampenfuß der Welt: Gutes Steindesign berücksichtigt eine wesentliche Materialeigenschaft, denn Stein ist als Werkstoff nicht nur schön, sondern besitzt ein hohes Eigengewicht. Damit vermag der schlanke, hochformatige Fuß die weit auskragende Leuchte sicher zu tragen. Die Herausforderung für die Designer besteht somit darin, Formgebung und Materialität zu einem harmonischen Ganzen zu vereinen. Jeder Naturstein besitzt eine spezifische Ausstrahlung, die von seiner Textur und Farbe sowie dem Porenanteil bestimmt wird. Ein wesentliches Merkmal ist auch die Größe der Kristalle. Ein lebhafter Granit mit ausgeprägten Kristallen erfordert ein anderes Design als unifarbene, feinkörnige Kalksteine. Daraus leitet sich ein elementares Prinzip ab: Je ruhiger ein Naturstein wirkt, desto feiner können Form und Ornamentik sein, und je lebhafter das Material ist, desto zurückhaltender geht der Gestalter mit der Form um, indem er die natürliche Maserung und Struktur für sich selbst sprechen lässt. Gespiegelte Wandbekleidungen faszinieren durch das Gesamtbild, das sich durch die aufgeklappte Anordnung der Platten ergibt. Ähnlich funktioniert das Prinzip bei Bädern, bei denen die Textur der Platten über Ecken weiterläuft.

Form und Funktion im Einklang
Einer der innovativsten Protagonisten im Steindesign ist der italienische Industriedesigner Raffaello Galiotto. Seine Objekte muten wie eine Mischung aus mathematischen Experimenten und Wunderkabinett an. Betrachter mit einer ungeahnten Formenvielfalt in Staunen zu versetzen ist aber kein Selbstzweck. Hinter jedem Projekt steht auch eine Fragestellung – wie die Her­stellung statisch hoch belastbarer Steinobjekte bei möglichst geringem Materialeinsatz.
Das Projekt „Agave“ zeigt Galiottos Ansatz: Mit der Wasserstrahl-Schneidanlage wurden drei Zentimeter hohe Scheiben aus grünem Marmor ausgeschnitten. Aufeinandergestapelt bilden diese eine elegant geschwungene Kontur. Um Gewicht zu sparen, sind die Scheiben innen ebenfalls schräg eingeschnitten. Auf diese Weise ergibt jede Scheibe mit nur wenigen Millimetern Verschnitt mehrere konzentrische Steinringe. Am Ende genügt ein 30 Zentimeter dicker Stapel von Rohplatten für eine drei Meter hohe Figur. Überträgt man diese Erfahrungen auf Anwendungen in der Architektur und im Ingenieursbau, eröffnen sich nicht nur im Fassadenbau und dem hochwertigen Innenausbau neue Einsatzfelder für den ökologischen Naturwerkstoff.

Abstimmung zwischen Designer und Steinmetz
In Österreich gilt der Grieskirchener Steinmetzmeister Norbert Kienesberger als führend in der Umsetzung anspruchvollster Entwürfe. Auf seinen CNC-Maschinen fertigt er tonnenschwere 3D-Massivarbeiten. Erfolgsrezept für ein gelungenes Projekt ist die möglichst frühe Abstimmung zwischen Designer und Ausführendem, um Anforderungen an das Design mit den Materialeigenschaften in Einklang zu bringen. Nur so werden mögliche Fehler von vornherein vermieden, sei es durch falsche Vorgaben bei der Realisierung oder ein weniger ansprechendes Design, wenn sich der Ausführende zu stark auf rein technische Aspekte konzentriert. Der Fokus primär auf das Design wiederum kann technische Probleme nach sich ziehen, wenn beispielsweise potenzielle Kältebrücken in der Planung nicht erkannt werden, erklärt Kienesberger. Ein weiterer Aspekt ist das Gewicht des fertigen Stückes. Beim von Kienesberger produzierten Marmortisch „Carina“ wünschten die Londoner Designer Klauser & Carpenter eine massive Anmutung bei transportfreundlichem Gewicht. „Carina“ besteht daher aus vier mittels CNC-Fräsungen ausgehöhlten Einzelteilen, die vor Ort zu einem monolithischen Ganzen zusammengefügt werden. Stehen Form, Ausführung und Anmutung beim Steindesign dermaßen im Einklang, ist nichts mehr hinzuzufügen.


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