356 Naturstein

Mit Naturstein hoch hinaus

Alle Fotos: © Franken-Schotter
Die Steinlamellen im Bereich der Zugänge schwingen nach innen. Sämtliche Werkstücke wurden vorgefertigt und montagefähig zur Baustel­le angeliefert.
Alle Fotos: © Franken-Schotter

The sky is the limit, möchte man angesichts der steil aufragenden Fassade von 35 Hudson Yards denken. Ein Glasturm, ja, aber ein ganz besonderer. Jurakalkstein aus dem bayerischen Altmühltal erfüllt eine prominente Aufgabe in der außergewöhnlichen Fassadengestaltung.

von: Richard Watzke

Mit einer Höhe von 308 Metern fehlt ihm bis zum Himmel zwar noch ein ganzes Stück, dennoch ist der 2019 fertiggestellte Wolkenkratzer ein erstaunlicher Neuzugang im Reigen der New Yorker Skyline. Auf 72 Stockwerken beherbergt das in einem Neubaugebiet am Hudson River errichtete Bauwerk unter anderem ein Fitnessstudio, ein Hotel und 135 Luxusappartements in den oberen 36 Stockwerken.
Der Entwurf von David Childs reiht sich ein in eine spektakuläre Reihe von Wolkenkratzern des Architektenbüros SOM, die auch für den Burj Khalifa in Dubai und das One World Trade Center verantwortlich zeichnen.
Die Form an sich scheint wenig auf­regend. Die unteren Bereiche sind kubisch gehalten, im oberen Drittel schwingt die Fassade wie ein geblähtes Segel. Allseits mit Glas eingekleidet ist der Turm, damit die Bewohner ungetrübten Blick auf die Welt unter sich haben. Und doch ist dieser Turm anders, werden doch die Fassadenflanken durch rund 25.000 Elemente aus Jurakalkstein gegliedert. Das Beige des Natur­steins bildet einen warmen Kontrast zum kühl spiegelnden Glas und unterstreicht den exklusiven Anspruch des Bauwerks. Keine nüchterne Zweckarchitektur, sondern eine beachtliche Kombination aus dem Industriewerkstoff Glas und dem Natur­baustoff Stein. In der Sockelzone sind die Steine wie flache Lisenen gestaltet, darüber haben sie einen dreieckigen Querschnitt. Wie Profilrippen im gotischen Wandaufbau ragen sie aus der Fensterflucht heraus und leiten den Blick nach oben. Die Auskragung gewinnt an Reiz, betrachtet man die Fassade aus einem seitlichen Blickwinkel. Dann treten die Glasflächen zurück und die Profile verdichten sich optisch zu einer homogenen Steinfläche.

 

„Den Verleger als Influencer sehen“

Den Auftrag für die Produktion der Steinelemente für das Hochhaus 35 Hudson Yards hat das Naturstein­unternehmen Franken-Schotter ausgeführt, das Rohmaterial stammt aus dem eigenen Bruch im Altmühltal. Welche Anforderungen an Steinlieferanten gestellt werden, erläutert Jonah Wurzer-Kinsler von Franken-Schotter.

Welchen Stellenwert hat Naturstein aktuell als Werkstoff für Fassaden und Außenwandbekleidungen?
Jonah Wurzer-Kinsler: Derzeit ist viel Geld am Markt und Bau­herren suchen Investitionsmöglichkeiten. Ebenso spüren wir den Trend zu nachhaltigerem Bauen. Somit ist die Auftragslage für Naturstein nicht nur im Hochbau sehr gut.  

Naturstein versus Glas – wie steht das Rennen momentan?
Jonah Wurzer-Kinsler: Das hängt von der Nutzung des Gebäudes ab. Bei Bürogebäuden wird weniger, bei Wohngebäuden mehr Naturstein verwendet. Beim Büro ist mehr ein offenes, funktionales Design gefragt, ein Natursteingebäude vermittelt Exklusivität, besonders im Wohnbereich. Das mag auch damit zusammenhängen, dass man sich hinter einer klassischen Lochfassade weniger wie auf dem Präsentierteller fühlt als bei einer transparenten, vollflächigen Verglasung.

Aus welchen Gründen entscheiden sich Auftraggeber für Naturstein?
Jonah Wurzer-Kinsler: Die Entscheidung für das Bauen mit Naturstein ist eine Sache der Überzeugung seitens der Bauherren. Die Entscheidung für einen bestimmten Werkstoff wird getroffen, lange bevor Natursteinverarbeiter einbe­zogen werden. Wer auf uns zukommt, ist bereits von Naturstein überzeugt und will nichts anderes. Hier schwingt ein großes Maß an Emotion mit. Naturstein ist eines der ältesten Baumaterialien der Welt und hat das Image von Unvergänglichkeit und Natürlichkeit. Die Herausforderung ist, diese Überzeugung unter Planern und Ge­staltern weiter zu verbreiten und generell früher in den Gestaltungsprozess eines Bauvorhabens eingebunden zu werden. Eine wichtige Rolle spielen hier auch die Montage- und Verlegebetriebe. In einem aktuellen Fall war ursprünglich ein Glas­faser­-Verbundwerkstoff vorgesehen, wurde jedoch auf Initiative des Verlegers durch Naturstein ersetzt.

Was erwarten Architekten oder Planer von Fassadenproduzenten?
Jonah Wurzer-Kinsler: Die Anforderungen am Bau werden immer vielfältiger. Dem Bauherrn und Investor muss es gefallen, dem Architekten ebenfalls. Der ausführende Montagebetrieb, der eigentlich unser Kunde ist, will Genauigkeit, Liefersicherheit und einen vertretbaren Preis. Vor allem bei Großprojekten hat jeder unterschiedliche Erwartungen, und unsere Aufgabe als Steinlieferant ist es, allen gerecht zu werden. Eine Herausforderung ist auch die Homogenität, die manche Planer wünschen. Naturstein ist ein Naturprodukt und hat folglich gewisse Schwankungen in Farbe und Textur. Wer anhand eines Steinmusters erwartet, dass die gesamte Fassade exakt so aussehen wird, hat Naturstein noch zu wenig verstanden.
Genauigkeit aus Sicht des Monteurs bedeutet beispielsweise, dass wir die Anker­löcher kalibrieren, um eine reibungslose und zügige Montage zu ermöglichen. Bei 35 Hudson Yards reden wir von Toleranzen von maximal 0,7 Millimetern, obwohl diese Genauigkeit beim Bauen mit Naturstein nicht die Norm ist. Generell aber vereinfacht Präzisi­on bei der Produktion und der Ver­packung und Logistik anderen Gewerken den Umgang mit dem Baustoff Stein. Wenn wir dem Verleger die Arbeit erleichtern, wird er beim nächsten Auftrag mit größerer Wahrscheinlichkeit wieder Naturstein empfehlen, als wenn er Stein als komplizier­ten Baustoff wahrnimmt.

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