352 Naturstein

Mit Herz und Seele für den Stein

© Richard Watzke
Massive Platten geben Sicherheit: Die Kärntner Straße ist ein international beachteter Meilenstein für Poschacher.
© Richard Watzke

Der promovierte Jurist und Steinmetzmeister Anton Helbich-Poschacher war bis zu seiner Pensionierung 2020 Geschäftsführer der Poschacher Natursteinwerke im oberösterreichischen Langenstein. Für regionale Natursteine sieht er eine vielversprechende Zukunft.

von: Richard Watzke

Herr Helbich-Poschacher, wie lange waren Sie in der Steinbranche aktiv?
Das Steinmetier habe ich im Anschluss an meine Promotion an der Universität Salzburg von der Pike auf erlernt. Den Beginn machte ich 1979 mit der Steinmetz-Lehrabschluss­prüfung, 1982 trat ich in die elterliche Firma ein, 1984 legte ich die Steinmetzmeister­prüfung ab. Durch die Mitarbeit in allen relevanten Stationen – vom Steinbruch bis zur Endfertigung – habe ich den gesamten Produktions­ablauf aktiv kennengelernt.

Wie hat sich die Natursteinbranche seitdem entwickelt?
Seit den 1980er-Jahren bis heute gab es weitreichende Veränderungen. Zunächst wandelte sich das Preisgefüge durch das Auftreten der italienischen Serizzo-Gneise. Nach wenigen Jahren drängten die sardischen Granite wie Bianco Sardo oder Rosa Sardo in den Vordergrund, gefolgt von spanischen Hartgesteinen. Die Preisspirale drehte sich unaufhörlich weiter, als die chinesischen Billig­importe den Markt überschwemmten. Seit eini­gen Jahren findet eine Rückbesinnung auf die Vorteile regionaler Natursteine statt. Zugleich hat sich die Verarbeitung von Rohblöcken in Länder wie China, Indien oder Brasilien verlagert, wo die Blöcke aufgesägt und als Plattenware per Container nach Europa verschifft werden. Auch wenn der Steinhandel nur einen geringen Anteil am globalen Warenverkehr hat, muss ein Architekt entscheiden, ob er einen Baustoff wählt, der um die ganze Welt reist oder ob er sich lieber für einen regionalen Naturstein mit niedrigem ökologischem Fußabdruck entscheidet. Viele Importmaterialien waren nur deshalb so billig, weil Abbau und Verarbeitung massiv durch staatliche Subventionen in den Erzeugerländern gefördert wurden. Dass sich diese staatlich gestützte Handelspolitik negativ auf unsere heimischen Unternehmen ausgewirkt hat, ist leicht nachvollziehbar. Im Jahr 2000 führte eine Anti-Dumping-Kampagne dazu, dass die staatlichen Förderungen in China zumin­dest zeitweise ausgesetzt wurden. Ein Faktor sind die enormen Unterschiede in den Lohnkosten, die eine Produktion in Europa gegenüber Fernost benachteiligen. Durch den steigenden Lohnindex in China und die Investitionen in den Umweltschutz verringert sich der Preisvorteil der Fernostimporte. Ich bin daher optimistisch, was die Zukunft der Natursteinproduktion in Europa angeht, wo auch die Vorkommen sind.

Was waren bedeutende Projekte während Ihrer Zeit als Geschäftsführer der Poschacher Natursteinwerke?
Eine wesentliche Aufgabe bestand in der Siche­rung von Ressourcen. Dazu wurden mehrere Steinbrüche im Wald- und Mühlviertel für die Poschacher Granitwerke akquiriert und das Materialspektrum vom Neuhauser und Perger Granit durch zusätzliche Sorten, vor allem Herschenberger und Gebhartser Granit, erweitert. Neben der Rohstoffsicherung wurden zahlreiche Großprojekte in Öster­reich und Deutschland realisiert, darunter Fassaden, Platzgestaltungen, Bahnhöfe und U-Bahn-Stationen. Herausragende Meilensteine waren 2004 die Lieferung von 30.000 m2 Granit für den Neubau des Berliner Hauptbahnhofs und vier Jahre später 20.000 m2 Bodenplatten für die Neugestaltung der Kärntner Straße in Wien. Neben meiner Funktion als Geschäftsführer habe ich mich auch in der Innungsarbeit aktiv eingebracht, zum Beispiel bei der Erarbeitung gemeinsamer Sicherheitsstandards und Normen am Friedhofssektor.

Welche Bedeutung hat Stein heute?
Die Anforderungen sind vielfältiger geworden. Wurde der Bodenbelag einer Fußgängerzone früher vor allem nach technischen Aspekten geplant, ist er heute auch optisch anspruchsvoll gestaltet. Ein Beispiel ist die Kärntner Straße, bei der dunkle und helle Steine in Verbindung mit unterschiedlichen Formaten ein rhythmisches Bild ergeben. Neben den gestalterischen Anforderungen muss ein zeitgemäßer Bodenbelag ökologisch und nachhaltig sein. Um objektive Kriterien hierfür im europäischen Kontext zu schaffen, haben wir während meiner Euroroc-­Präsidentschaft von 2008 bis 2010 die EPD – die Umwelt-Produktdeklaration – für Naturstein initiiert. Diese EPD ist die Voraussetzung dafür, die Umweltverträglichkeit von Gebäuden zu bewerten. Im Rahmen der in der Europäischen Union geltenden Bauproduktenverordnung muss ein natürlicher Werkstoff wie Naturstein zwingend anhand von klaren Kriterien mit anderen Baustoffen vergleichbar sein, um von Architekten und Planern als Baustoff herangezogen werden zu können. Dank der Studien im Zusammenhang mit der EPD konnten wir die ökologischen Vorteile, die Naturstein gegenüber anderen Bau­stoffen immer schon gehabt hat, nun auch wissenschaftlich nachweisen. Nun wissen wir zum Beispiel, wie viel CO2 in einem Kubik­meter umbautem Raum steckt, wenn er mit Naturstein bekleidet wird oder wenn ein Industriebaustoff eingesetzt wird. Diese Quantifizierbarkeit hat es auch ermöglicht, zu zeigen, wie groß die Umwelteinflüsse einer Glasfassade und einer Fassade mit Naturstein sind, sobald man den gesamten Lebenszyklus eines Bauteils von der Rohmaterialerzeugung bis zum Rückbau oder zur Entsorgung betrachtet. Damit waren die vermeintlich modernen Glasfassaden entzaubert. Naturstein hingegen wurde deutlich aufgewertet. 

Wie sehen Sie die Zukunft für den Werkstoff Stein?
Der allgemeine Trend zugunsten nachhaltiger Werkstoffe wird anhalten. Daher erwarte ich eine noch stärkere Besinnung auf eine regionale Gewinnung und Verarbeitung. Das gilt für Lebensmittel, aber auch für Naturbaustoffe wie Stein, von dem wir in Österreich ein großes Spektrum zur Verfügung haben. Vor allem bei größeren Projekten wie einer Platzgestaltung im öffentlichen Raum ist der Einsatz regionaler Ressourcen konkurrenzlos ökologisch. Der Trend zum lokalen Baustoff ist aber auch bei privaten Projekten spürbar. Auswirkungen hat das auf das Projekt ReConstruct 2050, das sich dem klimaneutralen Bauen der Zukunft widmet. Ein Aspekt ist das Verhalten von Werkstoffen beim Rückbau eines Gebäudes. Hier sehe ich Naturstein gut positioniert. Werkstücke aus Naturstein lassen sich unkompliziert recyceln oder sogar an anderer Stelle weiterverwenden. Denken Sie nur an das Kolosseum in Rom, dessen Mauer­steine in der Renaissance und im Barock als Baumaterial für den Palast- und Sakralbau genutzt wurden.

Was ist Ihr Rat an Architekten und Bauherren?
Wünschenswert wäre, langfristiger zu denken. Faktoren wie Ökologie, Authentizität und Nachhaltigkeit sind ebenso wichtig wie Kosten­effizienz und Funktionalität. Bei einem Gebäude heißt das, nicht primär auf die Gestehungs­kosten, sondern auf die gesamte Nutzungsdauer zu achten und zu bedenken, welche Auswirkungen ein bestimmter Bau­stoff für die Bewohner und die Umgebung in der Zukunft hat. Wir alle tragen Verantwortung für unsere Umwelt und die Lebens­bedingungen unserer Kinder. 

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