349 Thema

Mehr als Barrierefreiheit: Design for All

© Museum Arbeitswelt / C. Zachl
Das Museum Arbeits­welt Steyr setzt den Ansatz ­Design for All weitestgehend um.
© Museum Arbeitswelt / C. Zachl

Während Barrierefreiheit in Österreich angekommen scheint, gewinnt der Begriff „Design for All“ (oder: Universal Design) immer mehr an Bedeutung. Was steckt dahinter und wie wirkt er sich auf unser gebautes Umfeld aus?

von: Barbara Kanzian

Im Jahr 2005 kaufte die Architektin Sandra Careccia eine Wohnung in Innsbruck. Einen Tag später passierte der Unfall und seitdem ist sie Rollstuhlfahrerin. Die bereits gekaufte Wohnung war aber nicht barrierefrei und für Careccia unbrauchbar. Sie musste sich auf die Suche nach einer geeigneten Wohnung machen. Es dauerte lange, bis ihr eine Erdgeschoßwohnung in einer ehemaligen Schnapsbrennerei eines Klosters angeboten wurde. Eine Notlösung, die sie – bis zu ihrem Umzug in eine barrierefreie Wohnung im Jahr 2011 – bewohnte.

Was hat sich in diesen 15 Jahren im Bereich Barrierefreiheit verändert? „Es ist ein riesengroßer Unterschied. Damals war gar nichts möglich. Man hat nicht einmal Informationen über barrierefreie Wohnungen bei Maklern bekommen“, erzählt Careccia. 2007 wurde es in Tirol zum Gesetz, dass in Wohnanlagen mit mehr als fünf Wohnungen „anpassbarer Wohnraum“ und ein Lift eingeplant werden müssen. Gleichzeitig wurde dem Thema „Barrierefreiheit“ ein eigener Paragraf in den Tirol-Technischen Bauvorschriften (TBV) gewidmet.

Gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen
In den letzten Jahren hat sich in Österreich der „anpassbare Wohnraum“ weitestgehend etabliert. Dabei wird bei der Planung der Grundrisse auf mögliche spätere Einschränkungen Rücksicht genommen. Die Wohnungen sind so zu gestalten, dass sie ohne erheblichen Aufwand für die Benutzung durch Menschen mit Behinderung anpassbar sind. So werden beispielsweise Bad und Toilette räumlich mit einer Wand getrennt, die keine Installationen führt oder statische Funktion übernimmt. Diese Wand könnte später entfernt werden, um den Wendekreis des Rollstuhls zu ermöglichen. Und schon im Vorfeld werden ausreichende Türlichten, Gangbreiten oder das Vorhandensein eines Aufzugs im Gebäude definiert, um auf spätere teure Umbaumaßnahmen zu verzichten.

Sandra Careccia, die heute als zertifizierte Sach­verständige für Barrierefreiheit arbeitet, benötigte vor ihrem Umzug in eine für sie angepasste Wohnung viel Assistenz. „Das hat auch dem Land Tirol mehr Geld gekostet.“ Und sie konnte viele ihrer Freunde nicht mehr besuchen, weil bauliche Barrieren im Weg waren.

Barrierefreies Bauen reicht nicht
Obwohl anpassbarer Wohnraum auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben deutlich verbessert, hat Careccia erlebt, wie es ist, als Rollstuhlfahrerin einen einsamen Umweg fahren zu müssen. Am Beispiel der umgebauten Schule, die ihre Kinder besuchten. Während alle Mamas zusammenstanden und gemeinsam auf die Kinder warteten, musste sie den barrierefreien Weg fahren und wartete allein auf ihre Kinder. Oder bei Schulveranstaltungen konnte sie nicht dabei sein. Gebäude für die größtmögliche Gruppe von Menschen einfach zu erschließen und ohne fremde Hilfe nutzbar zu sein, daran knüpft Design for All. Es richtet sich nicht an eine spezifische Zielgruppe, sondern es soll Erleichterungen für alle bringen. Barrierefreies Planen und Bauen spiegelt sich somit stark im Design for All wider.

Wenn Ende dieses Jahres die Europäische Norm EN 17210 gültig wird, dann liegt damit ein Kompendium vor, das sich an eine große Gruppe dieser Gesellschaft wendet. Neben Personen mit Behinderungen geht es beispielsweise auch um ältere Menschen, die so lange wie möglich in ihrem vertrauten Umfeld leben wollen. „Es geht aber auch um den Dreijährigen, der den Lichtschalter eigenständig bedienen möchte“, erklärt Peter H. Spitaler. Der international zertifizierte Exper­te für barrierefreies Bauen leitet am Austrian Standards Institute den Lehrgang zum Thema „Barriere­freiheit/Universal Design“ und arbeitet als Universal Designer in interdisziplinären Planerteams. Warum Universal Design bei uns noch nicht angekommen ist und inwiefern wir alle davon profitieren können, erklärt er im folgenden Interview.

Hat Barrierefreiheit etwas mit Design for All oder – international – mit Universal Design zu tun?
Peter H. Spitaler: Mit Barrierefreiheit wenden wir uns an 20 Prozent der Menschen. Das sind Personen mit Langzeitbehinderungen. Zusätzlich ergänzt sich diese Gruppe noch um Menschen mit temporären Einschränkungen. Unser ganzes Denken in Österreich hat sich in den letzten Jahren auf diese Gruppe konzentriert. Design for All ist aber das große Ganze: Es schließt die 20 Prozent ein, beachtet aber genauso die Bedürfnisse des Dreijährigen oder jene der älteren Frau mit gebücktem Rücken, die mit dem Rollator unterwegs ist. Beide haben das gleiche Ziel, nämlich den Lichtschalter in einer gewissen Höhe zu bedienen. Mit Design for All schaffe ich Lösungen für beide.

Ist eine barrierefreie Wohnung automatisch eine Design for All-Wohnung?
Nicht automatisch, sie sollte es aber sein. Design for All geht weit über den Baufokus hinaus: Da gehören Straßen und Spielplätze, die Geräte und Ausstattungen sowie Serviceprozesse dazu. Bei uns in Österreich ist dieses Thema deswegen auch noch nicht angekommen, weil jede Profession zu sehr auf ihren eigenen Bereich schaut: Der Architekt auf die Bauplanung, der Elektrotechniker auf seine elektrischen Lösungen. Beim Design for All ist es aber wichtig, dass die einzelnen Experten interdisziplinär arbeiten und sich vernetzen. Ich würde es begrüßen, wenn in meinen Lehrgängen Architekten, Akustiker, Physiotherapeuten und andere drinsitzen.

Gibt es in Europa ein Land, das sich mit Design for All beschäftigt?
Irland, Großbritannien und Skandinavien sind da sicher federführend. Norwegen beispielsweise hat sich vorgenommen, Universal Design durchgängig umzusetzen. Derzeit wird an einer Bestandsaufnahme über den öffentli­chen Raum gearbeitet: Wie sieht es mit Geh­steigen und Straßenübergängen aus, wie mit Rampen, Stolperfallen und Kontrasten? Man schließt auch Verkehrsmittel mit ein – von der Stadt bis ins kleinste Dorf.

Wie kann ich mir Design for All in einem Gebäude vorstellen?
Schauen wir uns zum Beispiel einen Kindergarten an: Wir haben dort einerseits die Kinder, deren Selbst­ständigkeit gefördert werden soll. Wir haben das Kinder­gartenpersonal und wir haben Begleitpersonen der Kinder; das können auch ältere Leute sein, die auch gern ihrem Enkel bei der Weihnachtsvorstellung zusehen möchten. Das heißt, ich muss diesen Leuten auch geeignete Sessel mit einer guten Rückenlehne und Armstütze anbieten. Es macht auch keinen Sinn, nur putzige, kleine WCs zu machen, weil die Nutzergruppe nicht nur aus Kindern besteht. Oder ein anderes Beispiel: Architekt Wolfgang Tschapeller hat uns 2012 beim Wettbewerb für die Erweiterung der Universität für angewandte Kunst Wien als Universal Designer ins Team geholt. Wir haben „Personas“ der Nutzergruppen erstellt. Eine der entstandenen Personas ähnelte zufällig einer sehr bekannten Professorin. Sie unterrichtete damals noch an der Angewandten und mehr als drei Stufen waren für sie aufgrund ihres Alters und der damit verbundenen motorischen Einschränkungen nicht bewältigbar. Sie hat eben ganz etwas anderes benötigt als der 20-jährige dynamisch-sportliche Student. Im Zuge dieser Arbeit stießen wir ebenso auf eine Gruppe von hochintelligenten Studenten mit außer­gewöhnlichen kognitiven Fähigkeiten. Für diese ist oft eine besondere Umgebung notwendig, die Stress­situationen reduziert. Und wer kommt bei der Sponsionsfeier? Meistens die ganze Familie.

Was erwarten Sie sich von der EN 17210?
Diese Norm beschreibt sehr schön, wie der Mensch funktioniert. Leider ist das Verständnis für seine Bedürfnisse in der letzten Zeit verloren gegangen. Wie hebe ich etwas auf? Wie bewege ich mich in einem Gebäude? Was brauche ich für die Orientierung? Der Mensch muss wieder im Mittelpunkt stehen. Und er definiert die Anforderungen. Wenn das ankommt, dann be­wegen wir uns in Richtung gutes Design.

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