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Konstruktion des Sublimen

© Architekturpreis BETON 21 / Foto: Giuseppe Micciché
© Architekturpreis BETON 21 / Foto: Giuseppe Micciché

Der Schweizer Architekturpreis BETON wird seit 1977 für beispielhafte Bauten aus Beton verliehen. Der mit 50.000 Franken dotierte Preis ging heuer an Bearth & Deplazes Architekten für ihren Neubau des Unterhaltsstützpunktes Berninapass. Dieses Projekt erfüllt die Anforderungen in exemplarischer Weise. Im Folgenden die Laudatio der Jurypräsidentin Elli Mosayebi, Professorin für Architektur und Entwurf an der ETH Zürich.

Wir fuhren im März vom Tessin hoch Richtung Norden. Die südlichere Schweiz war schon in Frühlingslicht getaucht, im Aufstieg verwandelte sich die blühende Landschaft in ein weißes Schneefeld, die Tempera­turen auf der Passhöhe waren winterlich kalt, das gleißende Sonnenlicht aber entfaltete schon seine Kraft. Erst seit 2005 ist die Kantonsstraße über den Berninapass offiziell ganzjährig offen – bis in die Sechzigerjahre war sie im Winter nicht befahrbar. Heute ist die Bernina-Strecke mit über 37 Kilometern die höchste ganzjährig offene Passstraße der Schweiz.
Wir stiegen auf dem Vorplatz des neuen Unterhaltstützpunktes aus dem Bus aus. Der linsenförmige Platz ist nach Westen ausgerichtet, der offene Kreisbogen der Architektur vervollständigt den Horizont – gegenüber türmte sich majestätisch der Piz Cambrena auf, dazwischen liegt der Lago Bianco, dessen Wasser nach Süden in die Po-Ebene abfließt. Von diesem Ort geht ein eigener ursprünglicher Zauber aus. Darüber hinaus stehen die Landschaft und das Bauwerk für die spezifische Geschichte der Schweiz als Infrastrukturland; bereits 1910 wurde die Berninabahn als höchstgelegene Alpentransversale erstellt und hundert Jahre später von der UNESCO auf die Liste des Welterbes gesetzt.
Wie baut man heute in einer solchen Landschaft? Der Unterhaltsstützpunkt ist zunächst ein Zweckbau, er dient dem Straßen­unterhalt am Berninapass. Dafür braucht es Siloanlagen für die Lagerung von Salz und Splitt. So prägten Parkierungsflächen für große Fahrzeuge, schwere Maschinen und Geräte das Programm. Die Auslober hatten nach einem Werkhof gefragt. Die Architektur spiegelt diese Notwendigkeiten wider und schafft – darüber hinaus – mit einfachsten Mitteln ein Projekt, das sich kraftvoll in die alpine Landschaft einfügt: Die nach Westen gebogene Front schiebt sich in die Topografie hinein und ringt dem schweren Gelände einen Vorplatz ab. Das Gebäude profitiert so von den solaren Einträgen, die das Haus erwärmen. Bei Sonnenschein wandern die Schatten der Schotten auf der Front und versinnbildlichen den Verlauf der Zeit. Die bogenförmige Setzung erlaubte es zudem, eine Geländekammer zu nutzen und so wenig Fels oder Aushub wie notwendig zu entfernen. Alle Räume, die hinter der geschwungenen Front liegen, sind erdüberdeckt. Im Bauch der Anlage liegen die tiefsten Räume, gegen die Ränder nimmt die Kubatur ab. In den letzten Schotten im Norden wie im Süden des Kreisbogens ist je eine Wohnung eingebracht, so wird der menschliche Maßstab in den der Maschinen integriert.
Der Beton in Schottenbauweise bildet hier eine wasserdichte Struktur, die dem gewaltigen Hangdruck widersteht. Das raue Klima, Eis und Schnee prädestinieren den Beton als Material, das widerstandsfähig und dauerhaft ist. Die sägerohe Schalung des Betons nimmt die raue Umgebung auf und scheint darauf zu warten, vom Wetter noch tiefer gegerbt zu werden.
Dank der Progression zur Mitte im Grundriss konnte die Topografie mit der Überschüttung nahtlos wiederhergestellt werden und das gesamte Gelände wurde erfolgreich renaturiert. Von Osten erscheint das Bauwerk reduziert: Einzig der mächtige zylindrische Siloturm sowie die konkave Front der Dammkrone erscheinen im Landschaftsbild. Der Turm durchstößt die Erd­überdeckung und hängt in der Dachkon­struktion der unteren Halle. Dieser Turm ist begehbar, im Sommer von der oberen Ebene und im Winter von der Passstraße herkommend.
Wir stiegen im Bauch des Hauses auf die Spiraltreppe, sie führte hoch in den Turm bis in den obersten Raum des Silos, einer begehbaren Camera obscura. Selbstverständlich wussten wir, was uns erwarten würde, dennoch saßen wir ein paar Minuten still im Dunkeln, bis sich das Bild der majestätischen Landschaft entfaltete. Nach einer Weile erblickten wir auf der – erneut – konkaven Innenwand des Zylinders das Panorama und wie es sich langsam veränderte. Die Welt stand auf dem Kopf. Mit dem Projekt am Berninapass habt ihr vorgeführt, dass die Konstruktion des Sublimen noch immer gelingen und verführen kann. Im Namen der Jury gratuliere ich herzlich zum diesjährigen Architekturpreis Beton. 

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