359 Naturstein

Klimaschutz mit Naturstein

© Richard Watzke
Verkehrsdenkmal: Adneter Marmor prägt die Pfeiler im Wiener Westbahnhof.
© Richard Watzke

Reparieren statt wegwerfen – mit diesem Postulat wendet sich das Europäische Parlament gegen die Wegwerfgesellschaft. Auch beim Thema Bauen ist es höchste Zeit für ein Umdenken. Bauwerke an neue Nutzungen anzupassen statt abzureißen und daneben neu zu errichten schont kostbare Ressourcen. Ist Naturstein im Spiel, gelingt die Kombination von alter Substanz und neuer Nutzung besonders klimafreundlich.

von: Richard Watzke

Weiter geht es immer, aber nicht wie bisher. Recycling, Lifecycle-Analyse und andere Begriffe sind in aller Munde, doch was bewirken sie wirklich? So lange schnell und günstig die obersten Prämissen sind, wird sich wenig ändern, auch nicht beim Bauen als einem der Hauptverursacher in Sachen CO2-Ausstoß. Daran ändern auch internationale Mammutveranstaltungen wie jüngst die COP26 in Glasgow wenig. Ein Klimagipfel folgt dem nächsten, man ringt miteinander, möchte dem Planeten etwas Gutes tun, umweltschädliche Sackgassen verlassen, und am Ende hofft jeder Staatenlenker doch wieder auf eine florierende Volkswirtschaft. Florieren wird gleichgesetzt mit Wachstum, und das beruht (derzeit noch) auf Konsum. Wie ein Wandel ohne Mehrverbrauch konkret aussehen kann, zeigen Bauprojekte im privaten und öffentlichen Raum, bei denen Re-Use und Upcycling unspektakulär und ganz pragmatisch in die Tat umgesetzt wurden. Allen Beispielen gemein ist der Ansatz, bestehende Substanz so weit als möglich zu erhalten, ressourcenschonend zu ertüchtigen und die Gebrauchstauglichkeit zu gewähren. Dies geht einher mit der Erkenntnis, dass der beste Schutz eines Bauwerks seine fort­laufende Nutzung ist.

Sanieren statt entsorgen
Werden im Laufe dieser Nutzung Reparaturen, Ergänzungen oder Umgestaltungen erforderlich, erweisen sich Baukonstruktionen mit Werkstoffen wie Naturstein als besonders vorteilhaft. „Moderne“ Verbundwerkstoffe erlauben zwar einen raschen Baufortschritt, die daraus errichteten Bauwerke enthalten aber aus Sicht des Umweltschutzes problematische Materialkombinationen, die am Nutzungsende kostspielig getrennt werden müssen.
Anders Naturstein: Eine schadhafte Fassade oder ein Boden aus Naturstein werden nicht als Sondermüll entsorgt, sondern mit dem Originalmaterial saniert. Dabei werden die betroffenen Partien ausgebaut und durch neue Teile ersetzt. Ein Paradebeispiel hierfür ist der Wiener Westbahnhof, dessen große Halle mit Adneter Marmor ausgestattet ist. Bei der Sanierung wurden die bestehenden Platten von den raum­hohen Pfeilern abgenommen und saniert.  Fehlerhafte Platten wurden durch neues Material aus den Original-Steinbrüchen in Adnet ergänzt.
Was sich in Innenräumen bewährt, funktioniert natürlich auch bei Fassaden­bekleidungen im Außenbereich. Sofern es sich um ein regionales Gestein handelt, ist das Material in aller Regel nach wie vor verfügbar und schadhafte Partien können ausgewechselt oder ergänzt werden. Handelt es sich um massive Werkstücke, kommt die Methode der Vierung zum Einsatz. Dabei werden die betroffenen Partien steinmetzmäßig ausgearbeitet und durch ein pass­genaues Stück Stein gefüllt. Abschließend gleichen die Steinmetze die neue Ober­fläche handwerklich exakt an die Umgebung an. Der Hauptvorteil der Vierung ist der größtmögliche Erhalt der bestehenden Substanz. Für viele Bodenbeläge, beispielsweise in Fußgängerzonen, gilt dasselbe: Sollen schadhafte Platten ersetzt oder Arbeiten an der darunter liegenden Infrastruktur durchgeführt werden, entnimmt man die einzelnen Platten und vervollständigt den Bodenbelag nach Abschluss der Maßnahmen wieder mit den entnommenen oder mit neu angefertigten Platten aus Originalmaterial. Dieses Vorgehen erzeugt nur sehr wenig Abfall und verhindert zugleich Flickenteppiche, wie sie bei Reparaturarbeiten in Asphaltflächen entstehen.  

Gut für die Stadterneuerung
Wie gut neue und alte Steine harmonieren, ist bei den „Schwimmenden Gärten“ im Donaukanal ersichtlich. Die 1908 errichtete Kaiserbadschleuse wurde 2020 durch Carla Lo Landschaftsarchitektur und die Gmeiner Haferl Bauingenieure ZT GmbH von einem von der Öffentlichkeit kaum beachteten Verkehrsdenkmal zu einer öffentlich zugänglichen Freifläche mitten in der Wiener Innenstadt umgewandelt. Das Denkmalpflegeprojekt errang beim 35. Stadterneuerungspreis der Stadt Wien einen Sonderpreis. Die massiven, großformatigen Platten entlang der Außenkanten der Schleuse wurden partiell durch neue Granitplatten ergänzt. Kleinstein-Granitpflaster bei den neu geschaffenen Sitzflächen bildet den passenden Gegenpol dazu.

Alt und Neu unter einem Dach
Auch im großen Stil passen historische und neue Natursteine vortrefflich zueinander, wie die Integration einer Bestandsfassade in einen Neubau in der Düsseldorfer Innenstadt zeigt. Das nach dem LEED Gold Standard zertifizierte Büro- und Geschäftshaus Fürst & Friedrich wurde 2019 nach Plänen des Düsseldorfer Büros slapa oberholz pszczulny | architekten errichtet. Verantwortlich für die Natursteinarbeiten – die Restaurierung der Bestandsfassade sowie den Neubau – war das Bamberger Natursteinwerk Hermann Graser. Im Zentrum der Gestaltung steht eine sechsachsige, klassizistische Bestandsfassade, hinter der einst der Landeshauptmann der Rheinprovinz residierte. Die reich ornamentierte Sandsteinfassade gilt als Identifikationsobjekt für Düsseldorf und Orientierungspunkt in der Stadt. Wie ein Rahmen umfasst der mit weiß-grauem Mainsandstein bekleidete Neubau die historische, ockergelbe Fas­sade. Diese wird ihrerseits vor einer in der Gebäudeflucht zurückspringenden Glasfront als freigestellter Baukörper wahrgenommen. Eine massive Gebäudekante umran­det das verglaste Foyer sowie die historische Fassade. „Da sich Naturstein materialgerecht nicht auf Gehrung verarbeiten lässt, haben wir die spitzwinkelige Gebäudeecke in den unteren beiden Geschoßen massiv ausgeführt, um eine steingerechte haptische Wirkung zu erzeugen“, erläutert Geschäftsführer Hermann Graser. In den darüber liegenden Geschoßen ist die Gebäudekante mit gestoßener Eck­ausbildung ausgeführt.
Um die Anforderungen eines modernen Büro- und Geschäftshauses zu erfüllen, wurde das Bestandsgebäude hinter der historischen Fassade zurückgebaut und durch einen siebengeschoßigen Neubau ersetzt. Anschließend erfolgten die erforderlichen Sanierungsmaßnahmen sowie Steinergänzungen an der gesicherten, kartierten und schonend gereinigten Bestandsfassade. Für den Anschluss der historischen Fassade an den Neubau musste die Kontur der Bestandsfassade um die Ecke geführt werden. Hierfür wurde zunächst der durch den Abbau des Rückgebäudes entstandene Anschluss zurückgearbeitet, um einen sauberen Übergang herzustellen.
Als seitlicher Übergang von der historischen Bestandsfassade zur neuen Fassade dient ein glatter Mauerstreifen aus König­grätzer Sandstein, der ins Innere des Neubaus hineingeführt wird. Für die rund 3200 Quadratmeter große, hinterlüftete Fassadenfläche des Neubaus kam weiß-grauer Mainsandstein zum Einsatz. Als Kontrast zur geschliffenen Oberfläche sind die schräg gestellten Fensterlaibungen „liniengespalten“ ausgeführt. Dabei wird die Steinoberfläche zuerst maschinell eingesägt und die entstehenden Grate werden händisch abgeschlagen.

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