Haus + Wohnen Projekte

Individuelle Formensprache in Sichtbeton

Alle Fotos: © Daniel Hawelka
Alle Fotos: © Daniel Hawelka

Einfamilienhaus Gallneukirchen, OÖ / skyline architekten

Beton ist ein natürlicher Baustoff, bestehend aus Zement, Wasser, Sand und Kies. Dank seiner großen Lebensdauer und Festigkeit, seiner Fließfähigkeit und Formbarkeit sowie seiner Witterungsbeständigkeit in allen Bereichen menschlicher Bautätigkeit ist Beton weit verbreitet. Der Baustoff ist aufgrund seiner hohen Materialdichte ein hervorragender Wärmespeicher. Diese Eigenschaften hat sich die Industrie zunutze gemacht und mit der sogenannten „Thermischen Bauteilaktivierung“ (TBA) eine einfache Methode entwickelt, das ganze Jahr hindurch ein optimales Wohlfühlklima im Haus zu erzeugen: Bei der Errichtung eines Gebäudes werden in großflächige Bauteile – ideal eignen sich Geschoßdecken – Rohrregister einbetoniert, durch die je nach Bedarf warmes oder kühles Wasser geleitet wird. Die aktivierten Betonbauteile werden zu Flächenkollektoren, die Strahlungs­wärme oder -kälte abgeben.

Moderne Formen
In der modernen Architektur übernehmen Betonflächen eine in höchstem Maße gestalterische Funktion. Mit Sichtbeton kann auch einem Einfamilienhaus eine eigene Formensprache gegeben werden. Die Möglichkeit, durch reine Konstruktion moderne Formen darzustellen, ist faszinierend. Jede Oberflächenstruktur einer gewollten Ausprägung ist durch Variation von Schalung, Matrize, Farbe und Oberflächenbearbeitung realisierbar. Jede Ansichtsfläche ist hinsichtlich des Aussehens ein Unikat.

Ein beeindruckendes Beispiel für ein Einfamilienhaus in Sichtbetonbauweise steht im oberösterreichischen Gallneukirchen. Peter Todorov von skyline architekten entwarf eine repräsentative Villa mit klaren Formen, gezielten Ausblicken in die Landschaft und einer präzisen Planung bis ins kleinste Detail. Die Bauherren hatten zunächst Bedenken, ein Haus komplett in Sichtbeton zu errichten, sie fanden den Baustoff „sehr brutal“. Die Qualitäten des Materials, dessen Purismus, zeitlose Ästhetik und Haptik sowie gebaute Beispiele konnten sie aber letztlich überzeugen.

Selbstbewusster Monolith

Der massive Sichtbetonkörper besteht aus zwei sich überschneidenden Kuben unterschiedlicher Größe, wobei der klei­nere durch eine leichte Drehung die Kompaktheit des Bauvolumens auflöst. In Richtung Süden öffnet sich der Bau mit großflächigen Verglasungen, die übrigen Fassaden sind allseitig identisch mit gezielt orientierten, sparsamen Öffnungen ver­sehen. Allein die Schnittstelle der beiden Volumina wird im Norden durch eine haushohe Verglasung unterbrochen, die den Zugang zum Gebäude kennzeichnet. Für die Garage wurde entlang der ostseitigen Grundstücksgrenze ein selbstständiger Baukörper errichtet, damit das Haus durch den Haupteingang betreten werden kann. In Anlehnung an den italienischen Platz wird hier das Betreten des Hauses über eine „Piazzetta“, einen Vorplatz, förmlich zelebriert.

Raum als Luxus
Mit rund 250 Quadratmetern Wohnfläche bietet der Bau reichlich Platz, was durch die Offenheit der Räume zusätzlich unterstrichen wird. Im Erdgeschoß bilden Küche, Ess- und Wohnbereich eine einheitliche Fläche. Garderobe, Wirtschaftsraum und Haustechnik sind im nordseitigen geschlossenen „Rücken“ des Gebäudes untergebracht. Der Wellnessbereich mit Bad und Sauna öffnet sich nach Westen, eine Terrasse bildet hier den Übergang in den Park. Über eine Galerie mit zusätzlicher Fläche für flexible Nutzung erreicht man im Obergeschoß den Schlafbereich, einen loftartigen Raum und hintereinander angeordnet Schlafzimmer, Ankleideraum und Bad. Die komplett verglaste Südfassade mit mobilen Glaselementen erlaubt es, den Schlafbereich in eine offene Loggia umzuwandeln. Ein großer Luftraum verbindet die beiden Stockwerke miteinander. Der sechs Meter hohe Wohnraum ist der wahre Luxus dieser Villa. Eine überdachte Terrasse in der gesamten Breite von Wohn- und Essbereich ergibt einen Zwischenraum zum Garten mit Pool. Mit allseits angebrachten, mobilen Screens lässt sich dieser Bereich schließen und unterstreicht dabei zusätzlich die Kompaktheit des Gebäudes. Dreifach isolierte Schiebefenster mit minimalster Ansichtsbreite der Profile verbinden den Innenraum mit außen fast nahtlos.

Edle Materialien
Ein minimalistisches Gebäude mit raffinierten Details war den Bauherren ein besonderes Anliegen. Unbehandelter Sichtbeton für alle vertikalen Elemente, gebürsteter Travertin für den Boden im Erdgeschoß und Holz für Galerie, Treppenaufgang und Türen ergeben im Zusammenspiel ein klares und ruhiges Gesamtbild. Die reduzierte Formensprache erforderte Präzision bis ins kleinste Detail. So gibt es beispielsweise keine Attikaabdeckungen und keine Fensterbänke, was für die Schalung des Betons eine große Herausforderung darstellte. Um eine einheitliche Textur der Betonoberfläche zu erreichen, wurden die Ankerlöcher der Schalungselemente mit Beton verdichtet und von einem Betonrestaurator mit akribischer Genauigkeit überarbeitet.

Plusenergie und Hightech
Nach dem Vorbild eines Plusenergiehauses wurde das Haus nach einem der aktuellsten Standards – Minergie-P – gebaut. Die Gebäudehülle besteht aus einer äußeren Betonschale von 20 Zentimetern, einer Dämmschicht mit sechzehn Zentimetern und einer inneren Betonschale von 25 Zentime­tern Dicke. Diese ist nordseitig im Obergeschoß, ostseitig in Küche und Schlafzimmer sowie im Wohnzimmer westseitig bauteilaktiviert. Ebenso die vertikale Wandscheibe, welche im Erdgeschoß teils Küche und Wohnzimmer, im Obergeschoß den Schlafbereich abtrennt. Damit wird das Gebäude beheizt und im Sommer bei Bedarf gekühlt. Eine Fußbodenheizung ergänzt das Heizsystem. Eine – von außen nicht sichtbare – Photovoltaikanlage liefert den Strom, Erdgas ergänzt die Primärversorgung. Eine Retentionsanlage sammelt das Regenwasser, die Granitpflaster der „Piazzetta“ sind mit einer offenen Fuge verlegt und ermöglichen das Versickern des Wassers. Die automatisierte Steuerung von Licht und Beschattung erfolgt durch eine zentrale Anlage in den beiden Geschoßen.

Projekt
Einfamilienhaus Gallneukirchen

Bauherr
Privat

Architektur
skyline architekten ZT GmbH, Wien
skyline-architekten.at

Projektleitung
Arch DI Peter Todorov

Statik
Schindelar ZT GmbH, Grieskirchen

Projektdaten
Planungsbeginn: 10/2015
Baubeginn: 04/2016
Fertigstellung: 01/2018
Grundstücksfläche: 2850 m²
Nutzfläche: 255 m²
Kubatur: ca. 1498 m³
Materialien: Beton, Holz
Böden: gebürsteter Travertin (Casa Sasso)
Möbel: B + B Italia
Beleuchtung: Erco
Fenster: Minimal Windows

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