358 Naturstein

Im natürlichen Einklang

© Alle Fotos: Richard Watzke
Schnittstelle der Elemente: Fjordlandschaft aus Granit in Norwegen
© Alle Fotos: Richard Watzke

Feuer, Erde, Wasser und Luft. Der Vier-Elemente-Lehre widmeten sich Philosophen, Mystiker und Mediziner seit der Antike. Welches Element genau der Urstoff allen Seins ist, beschäftigt Gelehrte bis in die Neuzeit.

von: Richard Watzke

Vom rituellen Tauchbad bis zum repräsentativen Waschtisch: Beim Wasser kommt man zusammen, trifft sich, rastet, sucht Kühlung oder pflegt den Körper. Das war schon vor Tausenden von Jahren so, als die Bauherren der Antike die Eigenschaften von Naturstein für ihre Zwecke nutzten. Mit traditionellen Methoden und viel Sinn fürs Praktische erschufen findige Handwerker und Baumeister nicht nur Becken oder Brunnen, sondern ganze Wellnesslandschaften. Neben den bekannten Kaiserthermen in Rom entstanden im gesamten Römischen Reich Thermenanlagen, von denen etliche in ihren Dimensionen und in ihrer Ausstattung manche moderne Thermenwelt in den Schatten stellen. Die weitläufige Hadrians­therme im römischen Leptis Magna im heutigen Libyen besaß unter anderem Tauchbecken, deren Marmorbekleidung weitgehend erhalten ist. Hierzulande zeugte besonders die Bäderkultur der Neuzeit vom hohen Stellenwert, den der Hof und private Auftraggeber dem Naturstein beimaßen. Besonders in der k. u. k. Zeit wurde Naturstein nicht nur als dauerhafter und repräsentativer Werkstoff geschätzt, sondern diente durchaus auch als politisches Statement. In den Prachtbauten entlang der Ringstraße kamen Steine aus dem gesamten Herrschaftsgebiet der Monarchie zum Einsatz. Noch heute zeugen das Stiegenhaus im Kunsthistorischen oder im Naturhistorischen Museum von der unerschöpf-
lichen Vielfalt der Steine, über die die Erbauer verfügen konnten.

Steinige Verwandte
Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine Gerade. In der Geometrie ja, in der Natur gilt das nur bedingt, wie sich am Beispiel eines österreichischen Chloritschiefers zeigen lässt. Der grün-graue Naturstein mit seinen charakteristischen hellgrünen und gelben Texturen wird im Burgenland als Pannonia Grün gewonnen, in Osttirol heißt das zur selben Gesteinfamilie zählende Material Dorfergrün. Die Ähnlichkeit ist kein Zufall, denn die von Geologen als Rechnitzer Fenster bezeichnete Region am Ostende der Alpen besitzt eine ähnliche tektonische Position und Entstehungsgeschichte wie das sogenannte Tauernfenster in den Zentralalpen, in dem der Steinbruch vom Dorfergrün liegt. Während Letzterer im großen Stil für die Bodenbeläge und Wände im Wiener Hauptbahnhof verwendet wurde, erfreut sich der burgenländische Verwandte steigender Beliebtheit für private Aufträge im Wellnessbereich. Im Zuge einer Neugestaltung im Sommer 2021 erhielt der Hochfeldhof im Zillertal eine umfangreiche Ausstattung aus dem burgenländischen Stein. Für die Auftraggeber gab neben der optischen Erscheinung vor allem die Vielseitigkeit von Naturstein gegenüber anderen Baustoffen den Ausschlag. Der Naturstein wurde nicht nur als Bodenbelag im Innen- und Außenbereich rund um den Pool eingesetzt, sondern verleiht dem Familienhotel auch als rustikale Fassadenbekleidung in Form geschichteter Riemchen ein rustikales Äußeres. Um den homogenen Eindruck der gesamten Anlage zu verstärken, sind auch der Innenhof und die Frühstücks­terrasse durchgängig mit demselben Material belegt. 

Langfristig lieferfähig
Gelungene Beispiele von Wellnessanlagen aus und mit Naturstein finden sich in ganz Österreich. Für Auftraggeber hat die Entscheidung für ein regionales Gestein viele Vorteile. Neben der optischen und technischen Qualität punkten Steine aus Österreich oder dem nahen Umland auch ökologisch und wirtschaftlich. Kurze Transportwege erzeugen bei der Erstlieferung weniger CO2. Darüber hinaus lassen sich Bodenplatten oder andere Bauteile auch lange nach der Eröffnung aus Originalmaterial nachproduzieren. Während Muster von Keramikbelägen bei einem Sortimentswechsel nicht mehr verfügbar sind, bleiben Werkstücke aus Naturstein deutlich länger lieferbar. Vorteilhaft ist zudem die Gestaltungsfreiheit von echtem Stein. Passend zu Bodenplatten werden Becken und andere massive Bauteile aus ein und demselben Rohmaterial produziert. Im Sanitärbereich gibt es keinen anderen Bau­stoff, der repräsentativ und derart vielfältig ist.

Brunnen mit politischem Auftrag
Über die Erfrischung hinaus reicht der Auftrag des Yunus-Emre-Brunnens im nördlichen Teil des Türkenschanzparks im 18. Wiener Gemeindebezirk Währing. Der im osmanischen Stil gestaltete Brunnen aus türkischem Marmor ist rund vier Meter hoch und 2,4 Meter breit. Das Fundament besteht aus Granitpflaster in dem für Wien charakteristischen Würfelformat.
Der 1991 errichtete Brunnen ist dem Volksdichter und Mystiker Yunus Emre gewidmet und dient als Zeichen für Völker­verständigung und Freundschaft. Die Hauptkosten für den Brunnenbau selbst trug die Republik Türkei. Facharbeiter und Baumaterial wie Marmor und Fayence-Keramiken kamen dafür eigens aus der Türkei nach Österreich. Die Kosten für Fundament, Sockel und die technische Infrastruktur übernahm die Republik Österreich. Mit seinem prominenten Standort auf dem Areal einer Schanze des osmanischen Belagerungsheers von 1683 zeugt der Brunnen auch 30 Jahre nach seiner Errichtung davon, dass Naturstein viel mehr vermag, als nur nachhaltig und gestalterisch unverwechselbar zu sein. 

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