Interior Design

Identitätskrise? Nicht unbedingt!

© B&B Italia
Unverkennbar und nahe an der Architektursprache zeigen sich stets die Kreationen von Zaha Hadid – nur der Maßstab ist ein anderer.
© B&B Italia

Ein guter Architekt denkt ganzheitlich. Holistisch, wie man heute sagt. Das bedeutet, dass Projekte von innen nach außen und umgekehrt gedacht werden oder werden sollten. Geht es allerdings um ein singuläres Designobjekt statt um ein Gebäude, sieht die Sache manchmal ganz anders aus.

von: Barbara Jahn

Sind Architekten die besseren Designer? Eine Frage, die man sich berechtigt stellen kann. Das Gefühl für Proportion und Räumlichkeit wird spätestens – wenn es nicht schon im Blut liegt – mit dem Studium aufgesaugt. Was gibt es schließlich Schöneres, als ein Projekt von oben bis unten komplett durchzukomponieren, um es schließlich wie aus einem Guss aussehen zu lassen und mit der eigenen, unverkennbaren Handschrift zu versehen? In den Genuss solcher in der Maßstäblichkeit grenzüberschreitender Projekte kamen die Architekturgrößen aus der neuen Moderne. Bei den Grand Seigneurs der Architektur funktionierte das Prinzip „Gesamtkunstwerk“ wunderbar: Gerrit T. Rietveld, Charles Rennie Mackintosh, Josef Hoffmann beispielsweise mit dem Palais Stoclet in Brüssel oder Arne Jacobsen beim SAS Hotel in Kopenhagen haben die Brücke von der Architektur zum Möbel geschlagen. Da wurde über die Einteilung der Fassade ebenso viel nachgedacht wie über das Teelöffelchen zum Service oder den Ohrensessel samt Holzwiege vorm Kamin.

Die Triebfeder bei solchen Aufträgen ist selbstverständlich eine andere. Die Motivation aber, die architektonische Formensprache auf den Innenraum samt seiner Ausstattung übergehen zu lassen, ist für alle Architekten gleich. Oft liegt es daran, dass die Dinge aus dem Zusammenhang gerissen sind – und die Angst, das Werk könnte durch die Eigenmacht des künftigen Bewohners zerstört werden, lässt sich nicht einfach ausradieren. Architekten sind zwar gewohnt, mit der Anonymität der Nutzer umzugehen. Trotzdem arbeiten manche an den Ansprüchen – sei es intellektueller oder praktischer Natur – vorbei. Es ist ja kein Geheimnis, dass jeder Architekt die Projekte, die er erschaffen hat, am liebsten auch einrichten würde, weil derjenige, der dann darin wohnt, das Werk im Sinne des Architekten oft „zerstört“.

Architektur im Miniformat
Gesamtkunstwerke dieser Art sind selten geworden. Einige wittern dennoch die Chance der Stilerrettung durch die Erschaffung eigener Möbelkreationen, die allerdings nicht den Anspruch einer einzigartigen Schöpfung für ein individuelles Projekt erheben können, sondern einem breiteren, zahlungskräftigen Publikum zugänglich sind. So halten immer mehr zeitgenössische Architekten – gefeiert und gelobt in ihrem ursprünglichen Metier – Einzug in die Welt des Möbeldesigns, das die dankbare Eigenschaft hat, sich in jede beliebige Form bringen zu lassen, ohne statisch groß herauszufordern. Wenn man es kritisch betrachten möchte, gibt es inzwischen eine Art Möbel-Minimundus, die auf das Konto sämtlicher Baukünstler geht. Zaha Hadid etwa hinterließ ein gar nicht so kleines Oeuvre. Auf ihr schöpferisches Konto gehen zum Beispiel übergroße Vasen für Serralunga, ein fließendes Sofa für B&B Italia und eines für Established & Sons, LED-Leuchten und zahlreiche Sitzmöbel für Sawaya & Moroni, ein Luster für Slamp, eine Küche für Ernestomeda, Accessoires für Alessi, Türdrücker für Olivari oder ein Armlehnstuhl für Cassina. Die Liste ist lang, aber die Initialen ZH sind ein Garant für Interesse und wirken wie ein Magnet. Auch einige Zunftkollegen versuchten sich in dieser Disziplin, etwa Sir Norman Foster, der eine Mini-Gherkin für den Leuchtenhersteller Kundalini, eine Badserie für Duravit und eine Sitzmöbelserie für Vitra erschuf. Santiago Calatrava, der wohl beste spanische Exportartikel in Sachen Architektur, versuchte sich mit einem klappmesserartigen Liegemöbel für de Sede, Jean Nouvel bereichert die Szene mit sehr gelungenen Entwürfen wie dem Loungechair Skin für Molteni & C., das Schweizer Architektenduo Jacques Herzog und Pierre de Meuron macht mit der Leuchte Pipe für Artemide von sich reden und der Belgier Michel Boucquillon, Architekt des Europäischen Parlaments in Brüssel, begeistert mit einer Gartenmöbelkollektion für Serralunga.

Von Kunst und Können
Unterm Strich wesentlich gelungener sind die Versuche anderer Zunftgenossen mit alten-neuen Materialien. Der finnische Architekt Alvar Aalto etwa, der seine organische Formensprache aus der Architektur auf eine Vase übertrug, die aus Glas und aus Formholz gefertigt wurde und so zum Designklassiker wurde. Er war einer derjenigen, die daraus wieder Schlüsse für die Architektur zogen, denn am kleinen Objekt lotete er die Fähigkeiten der Materialien aus. In gleicher Manier agierten die Kollegen der deutschen Architekturbewegung des deutschen Bauhauses Marcel Breuer und Mart Stam. Sie perfektionierten die Stahlrohrmöbel und lösten damit eine Revolution der Einrichtungsindustrie aus. Keiner aber brachte je ein Möbelstück so sehr in Einklang mit der Architektur wie Ludwig Mies van der Rohe. Sein Barcelona Chair aus dem Jahr 1929 spricht dieselbe Sprache wie sein deutscher Pavillon zur Weltausstellung in Barcelona, für den er das Möbel seinerzeit eigens entworfen hat. Diesem voran ging der Freischwinger Weißenhof-Stuhl für die Weißenhofsiedlung in Stuttgart, wo er als Architekt maßgeblich beteiligt war, und es folgte der Brno-Stuhl für die private Villa Tugendhat in Brünn. Auch Jean Nouvel verknüpfte seine Sitzmöbelkollektion Vienna für Wittmann mit dem Nouvel-Tower in Wien. Oft drückt sich die Verbundenheit des jeweiligen Möbels zur architektonischen Hülle, zu einer Person oder zu einem Ort schon in den Bezeichnungen aus. Unter diesem Aspekt wirkt alles gleich viel authentischer. Zwei große Namen der Gegenwart können auf diesem Niveau jedenfalls unangefochten mithalten: Antonio Citterio und Piero Lissoni – beides renommierte Architekten, jedoch seit vielen Jahrzehnten mehrheitlich als Designer wahrgenommen und nicht aus der Möbelszene wegzudenken – lassen immer wieder aufhorchen und bleiben seit Jahrzehnten ihrer eigenen Designlinie bewundernswert treu. Ihre Handschrift ist tatsächlich unverkennbar, auch entkoppelt von Architekturprojekten, und die Objekte spiegeln ihre glasklare Haltung wider, sich nicht von Moden blenden zu lassen. Das Verhältnis Architekt zu Designer ist bei diesen beiden Ausnahmeerscheinungen fast umgekehrt proportional, wobei sie gerade in Italien sicherlich nicht die einzigen sind. Stellt sich hier schon fast die Frage: Wer war zuerst – der Architekt oder der Designer?


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