353 Architektur

Herz, Hirn und Hand

© iStock SireAnko
Obwohl Architektur heute nicht mehr auf dem Reißbrett, sondern am Computer entsteht, stirbt die Leidenschaft für händisch konstruierte Perspektiven nicht aus.
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Was das Herz des Architekten fühlt, bringt seine Hand zum Ausdruck: Es gibt wohl kaum eine emotionalere Beziehung in einem technischen Beruf. Doch diese Kunstfertigkeit, oft nur mit wenigen Strichen vieles auszudrücken, scheint in Vergessenheit zu geraten. Oder doch nicht?

von: Barbara Jahn

„Wer Schönes schaffen will, muss zeichnen können.“ Mit dieser Aussage ließ Architekt Henner Herrmanns, Professor am Fachbereich Architektur der FH Koblenz, aufhorchen. Für ihn gehört das Freihandzeichnen zweifellos zur Grundausstattung eines Architek­ten. „In einer manuellen Entwurfszeichnung spiegelt sich die Kreativität des Augenblicks unmittelbar wider, der spontan entstandene Strich des Entwerfers, der seiner Eingebung folgt, seine ganz persönliche Handschrift.“ Doch die Realität ist eine andere. Von Studenten und Absolventen eines Architekturstudiums wird genau das Gegenteil erwartet, nämlich absolute Fitness auf der Tastatur, freihändig skizzieren zu können ist da eher Nebensache.

Liebe auf den ersten Klick?
Warum das so ist, ist nicht schwer zu erraten und gießt Öl ins Feuer jener These, die die vollständige Auslöschung des Handzeichnens in der Architektur prophezeit. Zunächst einmal ist festzustellen, dass die heutige Welt fast vollständig digital arbeitet. Das Verwenden entsprechender Software ist dem Anschein nach einfacher, praktikabler und zeiteffizienter und damit für viele die bessere Option. „Die Leistungsfähigkeit eines Computers bietet eine hohe Genauigkeit und die Möglichkeit, eine Reihe von Funktionen zur Unterstützung des Zeichenprozesses zu nutzen, wie zum Beispiel Linienstärken und Linienstile zur Kommunikation verschiedener Elemente eines Gebäudes“, beleuchtet der Journalist und Filmemacher Nathan Bahadursingh diesen Trend. „Wenn es um technisches Zeichnen geht, kann der Einzelne mit CAD im Vergleich zum Handzeichnen viel schneller arbeiten, eine Methode, die einen sorgfältigeren und anstrengenderen Arbeitsablauf erfordert. Darüber hinaus ermöglicht CAD die Zusammenarbeit mehrerer Personen an einer einzigen Zeichnung, und wenn Fehler gemacht werden, kann man ihre Arbeit bearbeiten, ohne Angst haben zu müssen, von vorne anfangen zu müssen.“

Kunst kommt von Können
So sauber, reversibel und fehlerfrei die digitale Zeichnung auch sein mag, so sehr verkörpert die Handzeichnung eine zeitlose Kunstform, die sich weit über den Bereich der Architektur hinaus erstreckt. Nathan Bahadursingh ist sich sicher: „Egal, ob es sich um eine einfache Skizze oder eine detaillierte Illustration handelt: Die Handzeichnung verleiht einem Werk eine einzigartige, menschliche Qualität, die mit CAD nicht ganz erreicht werden kann. Befürworter der Handzeichnung argumentieren, dass es mehr Möglichkeiten gibt, Emotionen und Atmosphäre in eine analoge Zeichnung einzubringen. Das Handzeichnen zwingt den Einzelnen zum Nachdenken und zur Strategie, was ein umfassendes Verständnis des Themas, der Materialien und Techniken erfordert.“ So muss man zugeben: Sowohl die CAD-Zeichnung als auch die Handzeichnung haben ihre Vor- und Nachteile.

Begegnung auf Augenhöhe
Doch es regt sich Widerstand und die Handzeichnung gibt wieder kräftige Lebenszeichen von sich. Zwar ist das Handzeichnen weniger populär als früher, aber es gibt definitiv einen Platz sowohl für das Handzeichnen als auch für das CAD-Zeichnen in der Architektur. Mit dem Wettbewerb „One Drawing“, initiiert von der Plattform architizer, findet eine hochqualitative Auseinandersetzung beider Disziplinen statt. Schon der hohe Level der Einsendungen zum Bewerb lässt erahnen, dass es noch lange nicht vorbei ist mit dem freihändigen Gestalten. Im Mittelpunkt der Werke stehen einzigartige Geschichten rund um die Architektur und die Menschen, die in ihr leben werden. Hier bekommen beide Darstellungsansätze eine große Bühne, obwohl aufgrund der wachsenden Digitalisierung klar ist, dass die CAD-Zeichnung als Entwurfsmethode immer mehr an Bedeutung gewinnt, die Handzeichnung jedoch nicht als unzeitgemäß infrage stellt. 2020 fand die internationale Challenge für Architekten und Architekturstudenten bereits zum zweiten Mal statt, die auch diesmal wieder deutlich macht, dass jede dieser Möglichkeiten bemerkenswerte Arbeiten hervorbringen kann.

Von der Skizze zur Architektur
„Müssen Architekten noch zeichnen können?“, fragte sich berechtigterweise das Architekturmagazin Baumeister. Die Antwort darauf ist eindeutig Ja: „Zeichnen ist der direkteste Weg, seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen.“ Zahlreiche Leser meldeten sich zu diesem Thema zu Wort. Auch hier war die einhellige Meinung, dass eigene Skizzen der beste Weg seien, um Räume und Ideen frühzeitig sichtbar zu machen. Dabei steht die Handzeichnung nicht isoliert, sondern ist eine Vorstufe zu den technischen Zeichnungen, die später am Rechner entstehen. Ein klares Bekenntnis zur dieser Lebensberechtigung erteilt auch das private Museum für Architekturzeichnung, das die Tchoban Foundation am Berliner Pfefferberg errichten ließ. Schon das Gästebuch verrät viel über den Enthusiasmus der Besucher, die mit großer Begeisterung für die Sache viel Zeit mit der Entdeckungsreise in einem fensterlosen Baukörper verbringen, der auch mit seiner Fassade zu beeindrucken versteht. Diese zeigt Ausschnitte aus Architekturzeichnungen, die in den Strukturbeton geprägt wurden. Auch wenn heute kaum noch eine Diplom­arbeit per Hand gezeichnet und der Arbeitsalltag eines Architekten durch die digitale Zeichnung stark geprägt ist, eines sollte man dabei nicht vergessen: Herz, Hirn und Hand sprechen in der Architektur eine Sprache. Was Sänger auf der Zunge tragen, das lassen Architekten mit Fingerfertigkeit auf das Papier fließen. Wenn man sie lässt.

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