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Grau, Rot oder Gelb – Klinkerfassaden sind lebendig

© Lukas Roth
Erweiterung und Altbau bilden eine Einheit: Philosophisches Seminar der Universität Münster von Peter Böhm
© Lukas Roth

Die Preisträger des Deutschen Ziegelpreises 2019 zeigen eindrucksvoll die Möglichkeiten, die Architekten mit dem Einsatz von Sichtziegeln zur Verfügung stehen.

von: Roland Kanfer

Dass das Bauen mit Klinkerfassaden vor allem in den Ländern Tradition hat, die am oder in der Nähe eines Meeres liegen, hat mit den Klimabedingungen zu tun. Vor allem in Nord- und Nordosteuropa konnte sich die Putzfassade aufgrund der salzhaltigen Meeresluft, die den Putz angreift, nicht durchsetzen. Die Klinkersteine hingegen sind hart gebrannt, damit nicht porös und wasserabweisend. Eine Klinkerfassade bietet somit Schutz gegen Umwelt- und Witterungseinflüsse und ist nahezu wartungsfrei und langlebig. Und sie ist nach­haltig. Im Unterschied zu Wärmedämmsystemen kann das Material recycelt werden.

Auch aus gestalterischer Sicht ist der Baustoff interessant. Klinkerziegel gibt es in den unterschiedlichsten Farbtönen, von Grau über Rot bis Gelb. Minimale Farb­abweichungen der Klinkerziegel erzeugen aus jedem Blickwinkel interessante Kontraste. Anschauungsmaterial liefert die im Februar 2019 stattgefundene Verleihung des Deutschen Ziegelpreises im Haus der Architektur in München. Die preisgekrönten Projekte geben ein eindrucksvolles Bild der Bandbreite an Möglichkeiten, die Architekten mit Ziegeln zur Ver­fügung stehen.

Verbindung zwischen Alt und Neu
Einer der beiden Hauptpreise ging an die 2017 fertiggestellte Erweiterung des Philosophischen Seminars der Universität Münster. Das von Peter Böhm Architekten aus Köln im klassisch-modernen Stil geplan­te Gebäude besteht aus einer mehrschaligen Wandkonstruktion mit vertikalen Lisenen in Sichtziegelbauweise. Gemeinsam mit den an der Fassade sicht­baren horizontalen Decken bilden sie den strengen Raster, der durch die zurückversetzte Ebene der bodengleichen Fenster noch verstärkt wird. Der Zubau bildet mit dem Altbau eine Einheit, verbunden durch eine Glashalle als Fuge. Der einheitliche Charakter wird durch das unverputzte Ziegelmauerwerk gestärkt, das mit einem hellen, an der Fassade sandfarbenen Kalk-­Zement-Mörtel geschlämmt wurde, der die Struktur der Ziegelsteine jedoch durchschimmern lässt. Die Fassadenfarbe bildet auch einen Kontrapunkt zum gegen­über gelegenen historischen Fürstenberghaus mit seiner roten Klinkerfassade.

Die Verbindung zwischen Alt und Neu gelang auch dem Architekturbüro Lorenzen Mayer aus Berlin, das mit dem Einsatz einer Klinkerverkleidung den Neubau des Wohn- und Geschäftshauses „Rheinkai 500“ am Zollhafen von Mainz an das Erscheinungsbild der frühe­ren Hafenspeicher anlehnt. Die plastisch hervortretenden einzelnen Schichten der braunen Fassadenziegel ergeben gemeinsam mit den schachbrettartig verteilten Balkonauskragungen und den vertikalen Fenstersprossen ein spannendes und lebendiges Erscheinungsbild, das der Jury des Ziegelpreises einen Sonderpreis in der Kategorie „Gelungene Konversion“ wert war.

Vielfältige Ziegelbauten
Die große Zahl an bemerkenswerten Einreichungen bewog die Jury zur Schaffung von insgesamt sechs Sonderpreisen. Den Sonderpreis „Nachwuchs“ erhielt das junge Weimarer Architekturbüro Naumann Wasserkampf für den sorgfältig detaillierten Neubau eines Wohnhauses. Das zweigeschoßige, mit rot changierendem Klinker verkleidete Haus hebt sich von der heterogenen Nachbarbebauung ab. Es ist im Erdgeschoß räumlich weitestgehend offen und durch geringe Höhen­unterschiede zoniert.

Der Sonderpreis „Kostengünstiger, energieeffizienter Geschoßwohnungsbau“ ging dieses Jahr an Braunger Wörtz Architekten aus Ulm mit einem Wohn­gebäude der Neu-Ulmer Wohnungsbaugesellschaft. Der Neubau von 31 öffentlich geförderten, barriere­freien Mietwohnungen in einem sechsgeschoßigen Baukörper ist als KfW-Effizienzhaus 70 konzipiert. Alle Wohnungen sind mit Loggien ausgestattet und mit Holzfenstern und -böden komplettiert. Es gelang den Architekten, den kubischen, mit niedrigen Baukosten erstellten Baukörper in den leichten Hang neben den historischen Befestigungsanlagen aus dem 19. Jahrhundert einzufügen. Die unkomplizierte Ausführung mit monolithischen Ziegelaußenwänden, die mit einem Weißzement-Kratzputz versehen sind, der keinen Anstrich benötigt, gewährleistet diesem Wohngebäude ein wartungsarmes, langes Leben.

Den Sonderpreis „Bauen im Bestand“ erhielten die deutschen Wandel Lorch Architekten für die Erweiterung und Sanierung einer Kirche in Überlingen. Die Architekten erweiterten die ursprünglich als einschiffige, im neogotischen Stil erbaute Auferstehungskirche in Längsrichtung und fügten ein neues Portal und einen Vorraum hinzu. Das neue Portal besteht aus weiß geschlämmten Ziegeln, die mit gläsernen Elementen durchsetzt sind und sich nach innen abtreppen. Im Inneren bilden die Steine durch Vertiefungen und Auslassungen ein nach innen wie außen lichtdurchlässiges Ornament.

Ein Sonderpreis „Soziales Engagement“ ging an die Hilfsorganisation „Ingenieure ohne Grenzen“, die in Simbabwe eine Schule mit schattenspendenden Arka­den und schmalen Fensterschlitzen in Sichtziegelbauweise errichtete. Nach einer Erkundungsreise wurde ein modulares und einfach erweiterbares Konzept entwickelt, das bis zum Jahr 2022 auf dem Schul­campus rund 1000 Schülern Platz bieten soll.

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