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Gewissenhafte Heizungsplanung

© ATP/Kuball
Im von ATP Architekten geplanten Seminar- und Veranstaltungszentrum werden Daten mit einem neuen CO2-Tool gesammelt.
© ATP/Kuball

Die Abwendung von fossilen Brennstoffen erfordert neue Ansätze. Gebaute Beispiele und neue Konzepte zeigen den Weg in eine Zukunft möglichst ohne Kohlendioxidemission.

von: Peter Matzanetz

Klimaschutz kann über zwei Wege erreicht werden, entweder durch Energieeffizienz oder durch weniger Einsatz fossiler Energie. Auf jene Kurzformel bringt es ein aktueller Bericht zu „Klimaschutz und Energiewende“ von der zur Wien Holding gehörenden Urban Innovation Vienna.
Dass es in der derzeitigen Situation auch noch den dritten Weg mit reduzierten Raumtemperierungen gibt, wird gerade den öffentlich Bediensteten klargemacht. Im Bundesländervergleich ist Wien beim Verbrauch von Energie für Raumwärme und Warmwasser vergleichsweise schonend unterwegs. Zugeschrie­ben wird das im Bericht den funktionierenden Programmen zur Gebäude­sanierung, dem Ausbau der Fernwärme und dem steigenden Anteil der Neubauten. Die Pro-Kopf-­Emissionen sind hier im Sinken begriffen und die Rede ist von 17 Prozent in den letzten 15 Jahren. Andere Bundesländer mit weniger dichten Bauten und mehr Wohn­fläche pro Kopf hinken nach.
In der Steiermark, in Kärnten und im Burgenland hat man die Trendwende zu weniger Verbrauch gar noch nicht geschafft. Einzelwohneinheiten, die in Summe rund 30 Prozent der Wohnfläche im Land ausmachen, haben einen unverhältnismäßigen CO2-Ausstoß im Ausmaß von rund 45 Prozent am Gesamtaufkommen. Zu dem Schluss kommt die Studie „Heizen 2050“ und Mitautor Peter Biermayr vom Institut für Energiesysteme an der TU Wien erklärt: „Geringere Gebäudevolumina, weniger kompakte Formen und größere Brutto­geschoßflächen pro Wohneinheit sind Nachteile.“

Die Sanierungsaufgabe
Wiener Gebäudeeigentümerinnen und -eigentü­mer werden neuerdings online über die Initiative hauskunft.at angesprochen, ob die Heizung noch passt. Dezentrale Geräte, also die Gasthermen in den einzelnen Wohnungen, sollten laut dieser auf eine zentrale Heizungsanlage umgestellt werden. Der größte Vorteil hierbei läge neben den Effizienzgewinnen darin, dass für die Beheizung des Hauses nur eine Anlage in Betrieb gehalten werden muss. Je nach Heizsystem könne man im Idealfall die bestehen­den Heizkörper nach einer Umstellung weiterverwenden.
Selbiges geschieht auch mit den E-Boilern zweier 1970er-Jahre-Wohnblöcke der GIWOG in der Grazer Liebenauer Straße mit in Summe 137 Wohneinheiten. Zwecks dezentraler, elektrischer Warmwasserbereitung wird Solarstrom an der Fassade gewonnen. Eine Senkung des Energiebedarfs für die Warmwasserbereitung um 50 Prozent wird damit erzielt. Vorgesetzte verglaste Solar-Wabenpaneele fangen außerdem die Sonnenstrahlung in der kalten Jahreszeit ein und im Sommer wird gegen diese abgeschirmt. Dezentrale Lüftungs­geräte mit Wärmerückgewinnung sowie werks­seitig eingebaute, hochisolierende Verbundfenster runden die Komplettlösung ab. Eine Senkung des Heizwärmebedarfs um 93 Prozent oder jährlich 100.000 Euro wurde gleich verzeichnet und heute dürfte es doppelt so viel sein.

Alternative fossile Energieträger
Von der Initiative „Raus aus Öl und Gas“ des Klimaschutzministeriums wird als Alternative zum Ölkessel auf Nah- und Fern­wärme verwiesen oder auch auf Biomasse. Letztere sei eine Option für hochdämmende Gebäudehüllen oder bei hohen Vorlauftemperaturen. Wärmepumpen als dritte Alternative haben sich mittlerweile etabliert, gelten aber auch als problematisch, wenn Erdsonden verlegt werden sollen. Bei einem Zinshaus in der Wiener Hockegasse, das aus dem Jahr 1926 stammt, hatten die Planer von Bogenfeld Architektur demonstriert, wie man über kontrollierte Wohnraumlüftung, Solarthermie sowie Erdwärme ­einen Altbau sogar auf Niedrigst­energie­niveau sanieren kann. Als Bedarfsheizung steht hier jeweils ein Kaminofen zur Verfügung. „Ziel des dafür entwickelten Haustechnikkonzepts war es, sich einem Passiv­haus so gut als möglich anzunähern und die CO2-Emission für Raumwärme und Warmwasser auf null zu bringen“, ver­meldet das Architekturbüro.
Über die breite Anwendbarkeit von Wärmepumpen im Altbau­segment äußert sich Energiesystemforscher Biermayr zurückhaltend: „Die sind nur etwas für auf einen modernen Standard sanierbare Gebäude.“ Rund 300.000 Anlagen seien davon in Österreich bereits in Betrieb. Als Gründe, warum nicht schon vor dem aktuellen Energiepreis­auftrieb in alternative Heiz­systeme investiert wurde, werden die bis vor Kurzem „zu niedrigen“ Energiepreise sowie paradoxerweise die Klimafolgen selbst genannt: „Die milden Winter haben den Leidensdruck reduziert“, so Biermayr.

Energie und Gemeinschaft
Weil sie ihre Kosten an Mieter nicht einfach weitergeben können, stellt ein notwendiger Heizungstausch gemeinnützige Bauträger vor Herausforderungen. Herwig Pernsteiner, Obmannstellvertreter des Verbands Gemeinnütziger Bauvereinigungen Österreichs (gbv) sieht bei der Dekarbonisierung daher die Regierung mit den Förderbudgets in der Pflicht: „Für den Energieumbau ist eine bedarfsgerechte Zusatzförderung sinnvoll.“ Dies im Rahmen der bestehenden Förderungen zu bewerkstelligen, sieht er als kaum möglich an. Von einer Beratergruppe rund um den Wohnbauforscher Wolfgang Amann wurden für die Sanierung von Siedlungsbauten im Rahmen einer Veranstaltung der ARGE Eigenheim praktische Herangehensweisen vorgestellt: „Ziel ist es, das Konzept auf 80 Prozent aller Bestandsgebäude anzuwenden“, so Amann. Eine Niedertemperaturheizung in Kombination mit Dämmmaßnahmen wurde vorgeschlagen. Die Raumwärme gekoppelt mit Photovoltaik am Dach soll von einer Wärmepumpe kommen und auch die Warmwasseraufbereitung soll dezentral über „Miniwärmepumpen“ funktionieren. Beim plus-Energiequartier Pilzgasse mit 270 Wohneinheiten stellt die Anbindung an eine Energiegemeinschaft eine zukunftsträchtige Besonderheit dar. Über sie werden Spitzen­lasten von benachbarten Wind­energie­systemen eingespeist.

Daten und Fakten
Von reduzierten Energielasten gibt es hingegen beim Zubau der neuen, von Burtscher Durig Architekten geplanten Mittelschule am Enkplatz zu berichten. Die Turnsäle sind im Untergeschoß angeordnet, wo die konstante Temperatur ein Heizen oder Kühlen ganz obsolet macht. Die Kollektorfläche mit 350 Quadratmetern sorgt gemeinsam mit Geothermie mit einer Vorlauftemperatur von 13 Grad dafür, dass ein Null­energiegebäude errichtet werden konnte.
Werkzeuge und Messungen sollen bei ATP architekten ingenieure mehr Planbarkeit in die Sache bringen. Mit einem selbst entwickelten CO2-Tool könne man auch bereits in frühen Phasen richtungsweisende Entscheidungen treffen. Nach Fertigstellung werden Wasser- und Energiebedarf, externe Wärmeeinträge und interne Kühllasten einem Monitoring unterzogen. Geschehen ist das aktuell bei einem Seminar- und Vertriebscenter, das ein Plus­energiegebäude ist. „Wir wollen durch neue Denk- und Hand­lungsweisen klimafreundliches Bauen als Standard etablieren“, sagt ATP-Partner Horst Rainer und freut sich über den Energy Globe Award für das Projekt.
Steuernde Sensorik und die Temperaturträgheit der Gebäudehülle spielen dafür bei einem aktuellen Büroprojekt von Baumschlager Eberle Architekten in der Seestadt Aspern eine Rolle. Permanent gemessen werden Raumtemperatur, CO2-Gehalt der Luft sowie Luftfeuchtigkeit. Je nach Wert werden Fensterelemente geöffnet oder geschlossen. Durch die extrastarken Ziegelwände soll ein durchgehend komfortables Raumklima von 22 bis 26 Grad gewährleistet sein. Wärme entsteht dabei durch die Menschen im Gebäude, durch techni­sches Equipment und Beleuchtung. In Ausnahme­fällen mit Temperaturspitzen kommt eine Deckenkühlung zum Einsatz, die autark mit dem eigens produzierten Strom der Photovoltaikanlage am Dach betrieben wird. Eine CO2-­Emmissionsersparnis von rund 40 Prozent und weniger Aufwand bei der Haustechnik soll das bringen. Der Projektbetreiber darf sich indessen über die Aussicht auf niedrige Betriebskosten und beste Verwertungsaussichten freuen. Darin dürfte auch der Schlüssel zur Umsetzung von technischen Klimaschutzmaßnahmen liegen. Klimawandel hin oder her, Investitionen werden für Gebäudeeigentümer wirtschaftlich nur Sinn machen, wenn Kosteneffizienz auch für sie selbst einen Nutzen abwirft. Sonst könnte es am Ende so kommen, dass alles beim Alten bleibt und lediglich die Heizungen gedrosselt werden. 

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