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Generationenwechsel

© He Shao Hui
Architektin Katharina Bayer
© He Shao Hui

Roland Gnaiger geht, Katharina Bayer kommt. Die junge Architektin und erfahrene Jurorin des Staatspreises Architektur und Nachhaltigkeit folgt dem Professor als Juryvorsitzende nach. Was sie von ihm mitnimmt, worin für sie die Zukunft liegt und was es braucht, damit Dinge einander gut ergänzen und konstruktiv zusammenfließen, hat sie uns im Interview erzählt.

von: Barbara Jahn

Das Wort „Nachhaltigkeit“ hat durch
die intensive Nutzung als Werbemasche in seiner an sich dringlichen und daher besonders wichtigen Bedeutung an Gewicht verloren. Womit kann man denn die Ernsthaftigkeit und Sensibilität für dieses Thema wiedergewinnen?
Ich denke im Gegenteil, dass das Bewusstsein und die Sensibilität bei Architekten für das Thema Nachhaltigkeit, nicht zuletzt durch die Fridays-for-Future-Bewegung, in den letzten Jahren stark gestiegen ist und der Großteil der Planer hier einen ernsthaften Beitrag leisten möchte. Bei manchen früher vielleicht noch ein blinder Fleck oder ungeliebte Fleißaufgabe, kommt heute niemand mehr um das Thema herum. Weil dem so ist, steht Nachhaltigkeit mittlerweile bei so gut wie jedem Wettbewerb und Projekt in der einen oder anderen Form in den Projektzielen und auf den Plakaten. Genau deshalb müssen wir aber genauer hinsehen, denn es besteht schon die Gefahr, dass nur, weil es in den Zielen steht, der Eindruck entsteht, dass wir bereits am Ziel sind. Bewusstsein und Motivation sind sicher der erste Schritt, aber eben nicht alleine entscheidend für ein nachhaltiges Gebäude.

Der Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit engagiert sich unermüdlich für ein stärkeres Bewusstsein für Klimaschutz, Energieeffizienz und Ressourcenschonung. Wird schon genug dafür getan?
Mit dem Staatspreis unter Roland Gnaiger hat das Klimaschutzministerium einen wesentlichen Beitrag zur Bewusstseinsbildung und Aufbereitung des Themas geleistet. Die Pionierarbeit ist getan und der Beweis ist angetreten, jetzt müssen wir in die Breite kommen. Wir stehen erst am Anfang dieses Weges.

Bisher wurden 33 Preise für „Leuchtturmprojekte“ verliehen. Wie bringt man die zukünftigen „Leuchttürme“ noch mehr zum Strahlen, damit die Botschaft ankommt und die ambitionierten Ziele für 2030 erreicht werden können?
Aus meiner Sicht ist die Botschaft bereits angekommen. Trotzdem gilt es, gerade in Zeiten einer Pandemie, in denen vieles andere und leider auch das Thema Nachhaltigkeit aus dem Fokus gerät, das erlangte Bewusstsein wachzuhalten. Die zentrale Frage ist jetzt: Wie kommen wir ins Tun? Was hält uns noch davon ab, unser Ziel zu erreichen? Die Sache ist nämlich: Es gibt viele Gegenkräfte. Allen voran die Gewohnheit. Planen und Bauen sind im Vergleich ja eher träge Branchen. Wesentlicher Gegenwind kommt meiner Erfahrung nach auch aus der ökonomischen Ecke. „Das rechnet sich nicht“ oder „zu teuer“ hört man leider allzu oft, wenn es darum geht, in ökologisches Bauen und nachhaltige Energiesysteme zu investieren. Es stimmt, dass ökologisches Planen und Bauen derzeit noch etwas mehr kosten. Das wird sich auch erst ändern, wenn ökologisches Bauen in die Breite geht. Ein zentraler Feind des nachhaltigen Bauens sind auch das Renditeverspechen und Spekulation mit Immobilien und Grund und Boden.

Sehen Sie auch die Politik mehr gefordert, mehr Menschen für die Wichtigkeit des Themas und gleichzeitig für die Kernbotschaft des Staatspreises mehr zu sensibili­sieren? Und wie könnte das gelingen?
Mit der Klimaneutralität 2040 setzt die Bundesregierung klare Ziele, um den Weg in eine positive Klimazukunft zu ebnen. Zum Erreichen der Klimaneutralität müssen alle Sektoren etwas beitragen, der Gebäudebereich nimmt dabei aber sicher eine Schlüsselrolle ein. Im Rahmen dieses Veränderungsprozesses, den wir vor uns haben, sind die Architekten eine entscheidende Gruppe. Wie gesagt, ich glaube die Sensibilisierung ist hier bereits gut gelungen. Es braucht nun weitere Anschub­unterstützung und Begleitung in der Umsetzung, politisch gesteuerte Anreize, um die Umsetzung nachhaltiger Architektur zum Mainstream zu machen. Förderungen, Bildung, Informations- und Know-how-Transfer sind wichtige Lenkungsmechanismen; ebenso wie die Anerkennung und das Hervorheben von besonderem Engagement und wegweisenden Umsetzungen, die unsere Vision lebendig halten, wie durch den Staatspreis.

Auch als Architektin arbeiten Sie an Projek­ten, die von einer intensiven Aus­einandersetzung mit städtebaulichen und sozialen Aspekten geprägt ist und schließlich in einer integrativen, nachhaltigen Architektur münden. Was bedeutet für Sie persönlich Nachhaltigkeit in der Architektur?
Für mich bedeutet nachhaltige Architektur alle Aspekte der Nachhaltigkeit – also soziale, ökologische und ökonomische genauso wie kulturelle und ästhetische – gleichermaßen in die Entwicklung eines Gebäudes mit einzubeziehen und in Ba­lance zu bringen. Im Idealfall vom Städtebau bis zur Steckdose. Ich denke, es reicht nicht mehr, sich auf Einzelaspekte zu konzentrieren und nur in einem Thema top zu sein. Es braucht den umfassenden Blick und umsichtiges Handeln auf allen Ebenen. Aspekte wie Mobilität, Klimawandelanpassung oder Kreislauffähigkeit der Baustoffe müssen zusätzlich zum integralen Bestandteil des Planungsprozesses werden, um die Ziele der Klimaneutralität 2040 zu erreichen. Und natürlich, das ist mir ein besonderes Anliegen, müssen wir die Menschen auf diesem Weg mitnehmen – mit den Menschen planen und nicht nur für die Menschen. Die nachhaltige Lebensweise muss unser aller Ziel und Einstellung werden, sozusagen ins Unterbewusstsein übergehen.

Neben Ihrer internationalen Vorerfahrung als Jurymitglied sind Sie außerdem begeisterte Teamworkerin und Netzwerkerin. Was ist denn für Sie das Besondere am Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit, an dessen Jury-Spitze Sie jetzt rücken?
Die besondere Verbindung und Symbiose von Architektur und Nachhaltigkeit, die hervorhebt, dass Architektur eine gesellschafts- und umweltrelevante Aufgabe ist und wir Architekten hier unseren Beitrag zur Lösung der drängenden Probleme unse­rer Zeit in den Fokus nehmen.

Sie haben bereits selbst den Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit erhalten. Wie ist das Gefühl, wenn man das entscheidende Gegenüber der Einreichenden ist?
Wir Architekten sind es gewohnt, uns einer Jury zu stellen, also bewertet zu werden und zu bewerten. Ich denke, es ist gut und wichtig, beide Seiten zu kennen. Als Entscheidungsträgerin bin ich natürlich in einer „Machtposition“, mit der ich verantwortungs- und respektvoll umgehe. Und natürlich bin ich nicht allein „die Jury“, sondern Teil eines Juryteams, das unterschiedliche Expertisen, Sichtweisen und Meinungen in die Diskussion einbringt. Das „entscheidende Gegenüber“ ist also ein lebendiger Diskussionsprozess. Auf den Punkt gebracht: Was zeichnet ein Projekt aus, das diese hohe Auszeichnung verdienen will? Umfassende Nachhaltigkeit und qualitätvolle Architektur, die eine Bereicherung für ihre Umwelt und ihre Nutzer darstellt. Preisträgerprojekte müssen aber auch berühren, inspirieren und motivieren.

Auch ein hochkarätiger Award ist ein dynamischer Prozess, der mit der Zeit geht. Was nehmen Sie von Ihrem Vorgänger mit, und was möchten Sie dem in Zukunft hinzufügen?
Vieles werden wir beibehalten, insbesondere den mehrstufigen Prozess und die Jurierung, in dem wir dann auch ausgewählte Projekte vor Ort besuchen. Der persönliche Eindruck und das Gebäude zu sehen und zu spüren, ist auch mir sehr wichtig. Auch das Prinzip der interdisziplinären Jury und die Kriterien, die aber auch laufend erweitert und an die aktuellen Herausforderungen angepasst werden. Was ich von Roland Gnaiger persönlich gerne mitnehme, ist die Leidenschaft für das Thema und die freundliche Ernsthaftigkeit, mit der er diese Position ausgefüllt hat. Hinzufügen kann ich den frischen, vielleicht auch weiblichen Blick einer nächsten Generation auf das Thema und z. B. meine persönliche Erfahrung, die sehr stark aus der partizipativen Praxis kommt.

Der Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit macht Mut. Davon braucht es noch viel mehr. Wann ist für Sie das Ziel erreicht?
Ein Etappenziel ist wohl die Klimaneutralität 2040. Aber das endgültige Ziel ist erst erreicht, wenn wir als Menschheit dauerhaft mit einer Erde auskommen. Nachhaltigkeit ist ein permanenter Kreislauf, eine Einstellung und ist nie am Ziel – genauso wenig, wie Architektur je fertig ist.

 

Die folgenden beiden Fragen sind in der Printversion nicht beinhaltet:

Als bereits bestehendes Mitglied der Jury folgen Sie nun Roland Gnaiger als Vorsitzende nach. Sie haben beide in den Niederlanden studiert, in einem Land, wo schon viel länger über Themen wie Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Optimierung nachgedacht wird. Denken Sie, hat Sie der Studienaufenthalt in dieser Richtung inspiriert?
Es freut und ehrt mich besonders, Roland Gnaiger hier nachzufolgen. Er hat als einer der Väter des Staatspreises, als Architekt und Professor hier einzigartige Pionierarbeit geleistet. Die Niederlande als Verbindung – gute Frage? Das würde ich jetzt gerne mit Roland Gnaiger direkt besprechen. Ich habe erst vor kurzem gesehen, dass er ebenfalls in den Niederlanden studiert hat - allerdings zu einer anderen Zeit und an einer anderen Uni. Für mich als junge Studierende war das Anziehende an einem Studium in den Niederlanden eine junge Architekturgeneration nach Rem Koolhaas, die „Superdutch“, wie Bart Lootsma sie benannte. Eine frische, befreite und auch radikale Architektur, die uns inspirierte. Nachhaltigkeitsaspekte waren dabei weniger im Vordergrund, wobei z.B. der EXPO Pavillon in Hannover von MVRDV ja bereits ein radikales Statement zur Raumknappheit in den Niederlanden war. Vieles von dem, was ich damals bewunderte, sehe ich heute sogar eher kritisch, aber eines habe ich von den Holländern mitgenommen (und ev. auch etwas davon im Blut, als halbe Holländerin) - diese mutige und positive Handlungsenergie angesichts scheinbar unlösbarer Probleme, die man wohl braucht in einem Land, das großteils auf künstlichem Land und unter dem Meeresspiegel liegt. Herausforderungen treiben die Niederländer zu noch größeren Anstrengungen und kreativen Lösungen an. Viel von diesem Mut und der Zuversicht werden wir brauchen, um den Wandel zur Klimaneutralität zu schaffen. 

Im Rahmen Ihrer Lehrtätigkeit arbeiteten Sie eng mit dem Architektur-Nachwuchs zusammen. Was geben Sie den jungen Leuten auf ihrem Weg mit? Welche Perspektive, welche Schwerpunkte, welchen Fokus?
Ich stehe gerne in der Praxis und mache immer wieder Ausflüge in die Lehre. Zuletzt im Rahmen meiner Gastprofessur am Institut für Städtebau und Entwerfen an der TU Wien, in der ich mit den Studierenden zum Thema „Stadtplanung im Klimawandel“ an einer Transformation von fünf Standorten in Wien gearbeitet habe. Was ich den Studierenden dann mitgeben will, ist einerseits der Blick auf und die Verbindung mit der Praxis, aber auch der Blick auf das größere Ganze. Also über den Tellerrand der Profession zu schauen und sich zu überlegen, welchen Beitrag kann ich als Architektin zu den Herausforderungen unserer Zeit leisten? Wo ist meine besondere Verantwortung und wo können wir das Feld auch erweitern und uns neu positionieren? Wichtig ist mir auch ein geändertes Rollenbild: weg vom alleinigen Autor eines Werkes, hin zu Moderatoren komplexer – auch partizipativer – Prozesse. Planen und bauen wird immer komplexer. Wir müssen gute Teamplayer und Moderatoren oft unterschiedlicher Interessen sein, um hier zu bestehen.

 

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