339 Naturstein

Europas Erbe bewahren

©  Richard Watzke
Dresdner Frauenkirche: Als Symbol der Versöhnung wurde der von der DDR als Ruine belassene Zentralbau 1993-2005 rekonstruiert. Die dunklen Originalsteine zeugen von den Brandschäden beim Bombardement 1945.
© Richard Watzke

Historische Bausubstanz hat kulturellen, aber auch wirtschaftlichen Wert. Sie ist Teil der Geschichte und Identität einer Region oder eines Landes. Weil jedes Baudenkmal einmalig ist, lässt es sich – einmal zerstört – nicht wiederherstellen. Es gilt daher, diese Zeitzeugen zu pflegen und für kommende Generationen zu bewahren.

von: Richard Watzke

Wo die Vergangenheit auf die Zukunft trifft – so lautet frei übersetzt das Motto des Europäischen Jahrs des Kulturerbes 2018. Ausgerufen von der Europäischen Union soll damit auf die Bedeutung des gemeinsamen kulturellen Erbes, auf die gemeinsame Vergangenheit als verbindendes Element, aber auch auf die regionalen Besonderheiten der Regionen innerhalb Europas hingewiesen werden. Tatsächlich besitzt Europa einen unermesslichen, historisch gewachsenen Schatz. Sitten und Brauchtum zählen dazu, sichtbarstes Zeichen der reichhaltigen europäischen Vergangenheit aber sind die baulichen Zeugnisse, die Einheimische und Reisende zugleich in allen Teilen der EU auf Schritt und Tritt begleiten: Unscheinbare Wegmarkierungen sind ebenso darunter wie Kathedralen, Fassaden von Bürgerhäusern und feudale Schlossanlagen. Allein das Österreichische Denkmalverzeichnis umfasst mehr als 35.000 bauliche Objekte. Laut einer Statistik des Österreichischen Bundesdenkmalamts (BDA) von 2011 befindet sich davon jeweils rund ein Drittel im Besitz der Gemeinden, von Religionsgemeinschaften und in privater Hand. Das BDA charakterisiert diese Denkmale als „gebaute Urkunden, die uns Auskunft über die Lebensweisen der Vergangenheit geben“. Sie bezeugen aber nicht nur die Lebensweisen der Bewohner, sondern auch den Einfallsreichtum, die Kreativität und die Kunstfertigkeit derer, die sie schufen.

Stein überdauert die Epochen
Der überwiegende Teil an Bauwerken früherer Epochen ist uns nicht überliefert. Kriege trugen dazu bei, auch Feuersbrünste und religiöse Konflikte forderten ihren Tribut bei Bauwerken und deren Mobiliar. Meist war es der Werkstoff selbst, der irgendwann abgenutzt oder verwittert war. Bis weit über das Mittelalter hinaus bestand der überwiegende Teil der Städte nördlich der Alpen aus Holz und Lehm. Nur Gebäude wie das Rathaus, die Kirche und die Paläste der Patrizier – und bald auch der zu Rang und Würden aufsteigenden Kaufleute – wurden mit Stein errichtet. Dieser Baustoff war dauerhaft, aber erheblich aufwendiger zu bearbeiten. Um rohe Steine in ein geschichtetes Mauerwerk zu verwandeln, brauchte es versierte Steinhauer und geeignetes Werkzeug. Früh schon etablierten sich die Berufe der Steinhauer, Steinmetzen und Bildhauer. Ohne diese hoch spezialisierten Handwerker wären uns keine eleganten Gewölbe, von Figuren gesäumten Portale und auch keine hoch aufragenden Kirchtürme überliefert. An der Bedeutung versierter Steinhandwerker hat sich bis heute nichts geändert, sind sie doch bei der Erhaltung und Pflege der Baudenkmale als Partner der Denkmalpfleger und Restauratoren unabkömmlich.

Der Druck aufs Denkmal wächst

So kriegerisch die Geschichte unseres Kontinents über Jahrhunderte war, so friedvoll verlief die Phase seit Ende des Zweiten Weltkriegs für weite Teile Europas. Trotzdem haben die Bedrohungen für die überlieferte Bausubstanz nicht nachgelassen. Zusätzlich zu schädlichen Umwelteinflüssen sind steigende Immobilienpreise in den Ballungszonen und Absiedelungen im ländlichen Raum Stressfaktoren für Baudenkmale: Auf der einen Seite wünschen Investoren eine hohe Rendite durch eine möglichst umfassende und uneingeschränkte Nutzung eines Objektes. Dachausbauten und – damit verbunden – Lifteinbauten können massive Eingriffe in ein in seinem Kern aus der Renaissance stammendes Wohnhaus darstellen. Auf der anderen Seite führt der Sparzwang nicht nur der Öffentlichen Hand dazu, dass schützenswerte Bauwerke in abgelegenen Regionen leichter in Vergessenheit geraten und dem schleichenden Verfall ausgeliefert sind.

Die Aufgabe, Denkmale unabhängig von ihrer geografischen Lage und den Besitzverhältnissen zu schützen und für kommende Generationen zu bewahren, obliegt dem BDA. Entscheidungs- und Handlungsgrundlage ist das österreichische Denkmalschutzgesetz. Gemäß Paragraph 1 sind von Menschen geschaffene unbewegliche und bewegliche Gegenstände von geschichtlicher, künstlerischer oder sonstiger kultureller Bedeutung schützenswert, wenn die Erhaltung dieser Bedeutung im öffentlichen Interesse liegt. Unter „Erhaltung“ versteht das Gesetz die Bewahrung vor Zerstörung, Veränderung oder Verbringung ins Ausland. Die gesellschaftliche Komponente wird im Absatz 11 deutlich, demzufolge die Begriffe „Denkmal“ und „Kulturgut“ gleichbedeutend sind.

Gegründet wurde das BDA am 31. Dezember 1850 als „K.K. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale“. Unter Alois Riegl entwickelte sich die Kommission zu einer der damals modernsten Denkmalbehörden Europas. Riegl lieferte mit seinen Untersuchungen zum „Denkmalkultus“ die Basis für die Denkmaltheorie und ebnete der modernen Denkmalpflege den Weg. In Max Dvořáks „Katechismus der Denkmalpflege“ fanden Riegls Ansätze populäre Verbreitung; das erste Denkmalschutzgesetz Österreichs wurde 1923 erlassen.

„Konservieren, nicht restaurieren“

In den Anfängen der Denkmalpflege dominierte der in den 1830ern durch Eugène Viollet-le-Duc geprägte Begriff Restaurierung die Diskussion. Vor dem Hintergrund des aufkeimenden Nationalbewusstseins lag der Fokus einer Restaurierung zunächst auf einem angenommenen Idealzustand eines Denkmals. Auf deutschem Gebiet führte dies zur purifizierenden „gotischen“ Vollendung des über Jahrhunderte unfertig gebliebenen Ulmer Münsters oder des Kölner Doms.
Dieser Auffassung widersprach der Engländer John Ruskin in den 1840ern. Er sah in der Restaurierung die Verfälschung des vorgefundenen Zustands und damit des Denkmalwerts eines Gebäudes, dargelegt in seinem Buch „The Seven Lamps of Architecture“ von 1849. Ruskins Auffassung prägte nachfolgende Kunsthistoriker und Denkmalpfleger: „Konservieren, nicht restaurieren“ war um 1900 die Forderung des Kunsthistorikers Georg Dehio, der maßgeblich am Aufbau der Denkmalpflege in Deutschland beteiligt war. Auf Dehio geht auch der Grundsatz zurück, dass gesicherte historische Substanz und Hinzufügungen oder neue Anbauten voneinander unterschieden werden können. Dennoch setzte sich in der Denkmalpflege die Auffassung vom Werk als historische Quelle nur langsam durch. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Restaurierung allmählich auch als Konservierung verstanden.

Klare Zielvorgaben der Denkmalpflege
Die 1964 verabschiedete „Internationale Charta über die Konservierung und Restaurierung von Denkmälern und Ensembles“, kurz „Charta von Venedig“, hält die Prinzipien der modernen Denkmalpflege auf internationaler Ebene fest: Ziel der Konservierung ist es, den vorgefundenen Bestand zu sichern. Denkmale werden als lebendige Zeugnisse jahrhundertelanger Traditionen aller Völker verstanden. Daraus leitet sich die Verpflichtung ab, die Denkmäler künftigen Generationen im ganzen Reichtum ihrer Authentizität weiterzugeben, einschließlich der geschichtlichen Aussage. Anders als museale Exponate werden Baudenkmale in der Charta als fester Bestandteil unserer Umwelt gesehen. Der beste Schutz für den Fortbestand eines Denkmals ist daher seine Nutzung, ohne allerdings die Struktur und Gestalt durch Veränderungen zu gefährden. Nur nach sorgfältiger Prüfung und Abwägung aller Interessen und in engen Grenzen dürfen durch die Entwicklung gesellschaftlicher Ansprüche und durch Nutzungsänderungen bedingte Eingriffe geplant und bewilligt werden. Indem jedes Objekt in seinem geschichtlichen Kontext zu betrachten ist, kann es somit kein pauschales Rezept für denkmalpflegerische Maßnahmen geben. So einzigartig jeder Mensch ist, sind es auch die Baudenkmale unserer Vergangenheit und Zukunft.


Alle Fotos: © Richard Watzke

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