360 Bauwelt

Es gibt was zum Schauen

Alle Fotos: © Emil Blau
Alle Fotos: © Emil Blau

Nach 40 Jahren – und pandemiebedingten Verzögerungen – erstrahlt das Wiener Volkstheater nach einer sensiblen und selbstbewussten Sanierung durch Dietrich Untertrifaller Architekten gemeinsam mit FCP Fritsch, Chiari & Partner und dem Architekten van der Donk wieder in neuem Glanz.

von: Barbara Jahn

Es ist ein Phoenix, der sich nur langsam aus seiner Asche erhob, dafür umso eindrucksvoller: Nach einem Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg blieb das Wiener Volkstheater bis 1980 ohne Kuppel und Fassaden-
tympanon. Doch war nun auch die originalgetreue Generalsanierung der 80er-Jahre in die Jahre gekommen. Die berühmte Spielstätte an der Wiener Zweierlinie blickt auf eine ereignisreiche Geschichte zurück: 1889 unter der Präsidentschaft des Stuhlfabrikanten Franz Thonet feierlich eröffnet, ging das Wiener Volkstheater im Zuge der Gründung des Vereins des Deutschen Volkstheaters durch den Dichter Ludwig Anzengruber und den Industriellen Felix Fischer hervor. Die Ambitionen waren große, denn das Bestreben war es, ein bürgerliches Pendant zum aristokratischen Hofburgtheater zu schaffen, und zwar mit der gleichen Strahlkraft für die Kunst. Das Konzept ging in jeder Hinsicht auf.
Kaum zu glauben, dass der zu jener Zeit fast schon ein wenig provokativ gewählte Bauplatz direkt neben den dominanten kaiserlichen Stallungen und dem imposanten Palais Trautson günstig zu haben war. In nur zwei Jahren Bauzeit schufen die damaligen Stararchitekten Hermann Hellmer und Ferdinand Fellner einen neuen Theatertypus im Stil des Historismus mit erhabener, zweigeschoßiger Fassade und Kuppel über dem Foyer, der bald in der ganzen Donaumonarchie Nachahmung fand.

Haus der Veränderung
Doch schon ein Jahr nach der Eröffnung gab es die ersten Umbauarbeiten:1890 wurde das Bühnenhaus vergrößert, 1907 wurde das Volkstheater, das als erstes Theater in Österreich ausschließlich elektrisch beleuchtet wurde und konsequent dem demokratischen Gedanken durch die Ausgestaltung mit nur wenigen Logen von Anfang an Rechnung trug, um einen Anbau mit zusätzlichem Pausenfoyer und 1911 um zusätzliche Bühnennebenräume erweitert. Die wohl größten Veränderungen erlebte das Gebäude unter dem NS-Regime und im Zweiten Weltkrieg: Im Rahmen der Renovierung und als künftiges „Kraft durch Freude“-Theater der Deutschen Arbeitsfront wurden sämtliche Verzierungen und der Bühnenvorhang entfernt, die Deckengemälde von Eduard Veith übermalt und die Zahl der Zuschauerplätze fast um ein Viertel reduziert. 1944 wurde das Theater durch den Abwurf einer amerikanischen Bombe schließlich schwer beschädigt.
Nach dem raschen Wiederaufbau 1945 und den Bemühungen ab 1980, alles wieder in den Originalzustand überzuführen, begannen 2019 bei laufendem Spielbetrieb und 2020 dann in der komplett geschlossenen Kulturstätte die Revitalisierungsarbeiten unter der Federführung des  Architekturbüros Dietrich Untertrifaller in Kooperation mit FCP Fritsch, Chiari & Partner und Architekt van der Donk. Vorangegangen war dem Projekt ein Generalplanerverfahren, das die Arbeitsgemeinschaft 2016 für sich entscheiden konnte. Das Konzept war, sich an die Originalpläne des Gebäudes anzunähern, dabei möglichst viel zu erhalten und mit Fingerspitzengefühl sanfte Adaptionen vorzunehmen. Das Ziel der dringend notwendigen Sanierungs- und Umbauarbeiten, den Zuschauern zeitgemäßen Komfort zu bieten, moderne Sicherheitsstandards herzustellen und die Wirtschaftlich­keit zu verbessern, konnte so mit einem Brückenschlag zwischen den Epochen herausragend realisiert werden.

Mehr als ein Facelift
So wie das Volktheater architektonisch immer schon als holistisches Gesamtkunstwerk zu betrachten war, gingen auch Helmut Dietrich und Much Untertrifaller mit ihrem Team an das Projekt heran. Die ersten Arbeiten beinhalteten – nach eingehender Bestandsaufnahme und Analyse – die Instandsetzung der Gebäudeschale. Wasser war über die Jahre in die Fassade eingedrungen und hatte zu beträchtlichen Schäden geführt. So wurde Vorhandenes wie Außentüren, Kastenfenster, Dachterrassen, Gaupen und Laternen neu instandgesetzt, die Kuppeln mit Zementfaserplatten, die sich an das Bild der historischen Schieferschindeln anlehnen, neu eingedeckt. Zur Verbesserung der thermischen Qualität wurde die reich gegliederte Putzfassade des Theaters im Einvernehmen mit dem Bundesdenkmalamt gereinigt und saniert. Für Anlieferung, Aufbau und Umbau der Bühnenkonstruktionen erweiterten die Planer den Bühnenraum Richtung Burggasse und eine neue Seitenbühne mit Anlieferungsportal wurde errichtet. Ein Vorbau mit Hubpodium verbindet nun diese und die Hauptbühne mit der Zufahrtsebene.

Frische Seele eingehaucht
Vor allem aber im Inneren hat sich viel getan. Während die Bühnentechnik auf den modernsten Stand gebracht, die Künstlergarderoben, Sanitäranlagen und Büros saniert, adaptiert und teilweise neu angeordnet wurden, organisierten die Architekten auch die Räume im Zuschauertrakt neu: Im Parterre befindet sich nun eine neue Zentralgarderobe, die Abendkasse wurde ins Vestibül verlegt, die Tageskasse an die Seite zur Neustiftgasse. Anstelle des früheren, nun barrierefreien Bereichs Kartenbüros, Garderobe und Durchfahrt sorgt ein großzügiges Foyer mit Café für ein einladendes Entrée und entlastet den Haupteingang. Im Sinne eines offenen Hauses wurden die vorher verbauten Ausgänge in die Arkaden freigelegt und bieten attraktive Ausblicke. Das neue Foyer erschließt auch die bekannte Rote Bar im ersten Stock, die dadurch unabhängig vom Theaterbetrieb bespielt werden kann. Beides ist durch einen neuen Aufzug im Zuschauertrakt miteinander verbunden. Die Verwaltung gewinnt durch die Anhebung des Daches Raum. Das neue Bühnenfoyer mit Portiersloge bietet einen Zugang in die Kantine.

Fit für die Zukunft
Besonderes Augenmerk legten die Architekten auf die Erneuerung der Beleuchtung. Die Wandkandelaber an den Säulen unter Balkon und Rang, das Licht in den Logen und die zentrale Ausleuchtung des Theatersaals wurden nach historischen Plänen restauriert und ergänzt. Des Weiteren macht die Fassadenbeleuchtung den neuen alten Glanz des Hauses auch außen sichtbar.
Durch den historischen Rucksack voller Theaterbrände – das Ringtheater 1881 und das Ronacher 1884 – waren die Sicherheit sowie die Barrierefreiheit die zentralen Themen der Sanierungsarbeiten. Theatersaal, Garderoben, Fluchtstiegen und Rote Bar wurden als eigene Brandabschnitte ausgebildet, die Saaltüren erneuert und zusätz­liche Brandschutzportale zwischen Gar­derobe- und Foyerflächen eingebaut. Im Bühnentrakt ermöglicht ein Aufzug die barrierefreie Erschließung aller Geschoße. So hat das Wiener Volkstheater an Modernität das Burgtheater wie einst vor 130 Jahren nun wieder überholt: In Zukunft werden hier – im wahrsten Sinne des Wortes – alle „Stückerl“ gespielt. 

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