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Ein Zuhause auf Zeit

© Hans Schubert
Befreiung aus dem Dämmerschlaf: Im Hotel Straubinger begegnen einander Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart.
© Hans Schubert

Der Tourismus hat schon bessere Zeiten gesehen. Gleichzeitig erlebt die Hotelarchitektur einen Boom, der fast an die Jahrzehnte erinnert, in denen die neu erfundene Eisenbahn Menschen in die Ferne entführte. Die besseren Zeiten können also wiederkommen.

von: Barbara Jahn

Die Sehnsucht nach dem Reisen – ganz gleich ob privat oder beruflich – wächst sekündlich. Der psychologische Wert einer Luftveränderung sollte keinesfalls unterschätzt werden, sie birgt kreative Frische und die Freude auf das eigene Zuhause. Während die Hoteliers lange gefordert waren, die Nerven zu behalten, sind zahlreiche gebaute „Energietankstellen“ entstanden und bestehende haben die Zeit genutzt, sich herauszuputzen oder sich gar neu zu erfinden.
Gleichzeitig hat in der Zeit des Stillstands und der Stille eine spannende Entdeckungsreise stattgefunden, bei der alte Schätze gehoben wurden, die für viele Jahre oder gar Jahrzehnte in Vergessenheit geraten waren. An dieser gedanklichen Schnittstelle flammt auch eine neue Leidenschaft für das Flair der Sommerfrische auf, eine Erfindung der K.-u.-k.-Zeit, die jede Menge an besonderen Qualitäten in sich birgt. So kommt es, dass an den ehemaligen Schauplätzen des gesellschaftlichen Who‘s who wie beispielsweise Bad Gastein, am Semmering oder im Umkreis von Meran und Bozen, wieder Bewegung hineinkommt. Und das mit dem gebührenden Respekt gegenüber dem, was ist, mit einem modernen Overlay für das, was kommt.

Kunst der Kompaktheit
Schon immer inspirierten die Architekten einander gegenseitig, dem Luxus – damals wohl ein anderes Wort für Komfort – war schließlich keine Obergrenze gesetzt. So recherchierte man in Paris, London, aber auch in New York und brachte die neuen Ideen mit in das Herz Europas, wo sich – entlang des Schienennetzes – die Grand­hotels in der ganzen Monarchie ausbrei­teten. Waren es früher oft noch ganze Apartments mit verschiedenen Zimmern, in die man sich für Tage, Wochen oder gar Monate einmieten konnte, so ist dies ein Punkt, der – Gleiches neu gedacht – ganz klar ein neues Raumkonzept verfolgt. Brachte man früher auf vielen Quadratmetern weniger Funktionen als heute unter (die Sanitäranlagen waren nicht selten gemeinschaftlich auf einer Etage zu benutzen), so findet heute alles in einem Raum statt, mit ineinanderfließenden Bereichen, wo sich sämtliche Grenzen zwischen Wohnen, Schlafen und Bad auflösen.
Waren es früher nur wenige, die sich den Spaß der Sommerfrische leisten konnten, so kam es nach den beiden Weltkriegen und im Windschatten des Wirtschaftswunders zu einer rasant ansteigenden Zahl von Reisenden, die auch immer öfter die Bahn gegen das Flugzeug eintauschten und dafür immer weniger auf die Qualität schauten. Schnell errichtete „Bettenburgen“, möglichst in der Nähe eines Massenstrandes und im Dauerpartyzustand hatten plötzlich Oberwasser. Bis zuletzt nichts mehr ging – und damit eine große Chance, den Tourismus und damit verbunden die Hotellerie neu zu denken, entstand.

Wiedergeburt wahrer Schönheiten
In den einstigen kaiserlichen Kurort Bad Gastein, der in den letzten Jahrzehnten zum bröckelnden Opfer von Immobilien­spekulanten wurde, kommt nun mit einem Projekt des Wiener Architekturbüros BWM der Glanz zurück. Mit der Sanierung, dem Interior Design und Neubau des am Gasteiner Wasserfall gelegenen, zwischen 1791 und 1888 erbauten Ensembles bestehend aus Hotel Straubinger, Badeschloss und Alte Post wird im sensiblen, aber ehrlichen Umgang mit der historischen, denkmalgeschützten Bausubstanz ein neuer, belebter Ortskern etabliert – ein Vorhaben, das weit über das reine Gebäude hinausdenkt. Benannt nach der legendären Gasteiner Familie soll das neue Hotel Straubinger mit seinen knapp 50 Zimmern dem ehemaligen Grandhotel eine Hommage erweisen und wird mit zurückhaltender Eleganz zu neuer Größe erweckt. Im angrenzenden Badeschloss mit rund 100 Zimmern wird gleichsam die Geschichte zelebriert und mit der Badekultur kokettiert. Die Alte Post im Erdgeschoß wurde als Concept Store angelegt. Doch alles bleibt nicht ganz beim „Alten“: Die ursprüngliche Fuge zwischen Hotel Straubinger und Haus Straubingerplatz 1, die erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschlossen wurde, wird wieder geöffnet – in Verbindung mit der Gestaltung einer neuen Pool-Landschaft in Form eines zarten Glaskörpers, in der man künftig in die Landschaft hinausschwimmen kann. Auch das Badeschloss erfährt eine Erweiterung in Form eines schlanken Zubaus hinter dem bestehenden Gebäude, der sich an den Hang lehnt.
Der Grazer Hotelier Florian Weitzer hat mit den Häusern Weitzer, Wiesler, Daniel und Grand Ferdinand schon vielfach bewiesen, dass man aus verwunschenen Architektur-Prinzessinnen großartige, moderne Hotels machen kann. Doch der Hotelvisionär hat sich auch in nächster Zukunft etwas Großes vorgenommen. Seine Leidenschaft für historische Dornröschenbauten flammte erneut auf, als er das berühmte Kurhaus Semmering erwarb, das in den nächsten Jahren wieder frisch rundumerneuert aufsperren wird. Viele Künstler, Regisseure und Verleger gingen hier ein und aus, darunter Arthur Schnitzler, Anna Mahler, Franz Werfel, Egon Friedell und Max Reinhardt. „Fasziniert von dieser Geschichte, möchte ich Regisseur in diesem Haus sein und Menschen zum Träumen anregen“, sagt Florian Weitzer. „Mein Ziel für die kommenden Jahre ist es, mit viel Einfühlungsvermögen dem Kurhaus und damit auch dem Ort Semmering neues Leben einzuhauchen.“

Besuch der alten Damen
Durch alle Krisen bravourös gesteuert wurde das seit 1963 unter Denkmalschutz stehende Looshaus am Kreuzberg, ein 1930 fertiggestelltes privates Landhaus des Wiener Industriellen Paul Khuner, das wie durch ein Wunder beide Kriege unversehrt überstand und sich seit der Übernahme 1959 im Besitz der heutigen Betreiberfamilie befindet. Die kleinen, gemütlichen Hotelzimmer – allesamt in unterschiedlichen Farben gestaltet, in denen früher die Familienmitglieder des Erbauers, deren Gäste und das Personal untergebracht waren, faszinieren durch ihre Schlichtheit und Zweckmäßigkeit, die in Form wohldurchdachter Einbaumöbel genügend Raum schafft – auch für heutige Ansprüche.
Wie eine „Grande Dame in Sneakers“ präsentiert sich eine über 150 Jahre alte Jugendstilvilla, die mitten in Hamburg als stilwerk Hotel Heimhude ihre Pforten öffnete. Das kleine, aber feine Hotel mit 24 Zimmern in der unmittelbaren Nähe der Alster kombiniert seinen altehrwürdigen Charme mit einem spannungsvollen Interior, das auf natürliche Materialien und handgefertigte Manufakturqualität setzt. Das Hotel bietet einen herrlichen Garten, einen kleinen, aber feinen Gym, Bibliothek und Lounge sowie eine Wohnküche mit Bar und Rezeption. Die Gästezimmer wurden individuell und kuratiert gestaltet und mit Einrichtungsgegenständen möbliert, die den Gast einladen, Design mit allen Sinnen zu erleben. Alles, was hier das Gastleben schön macht und man ausgiebig testen und erproben kann, kann man, wenn man möchte, im stilwerk käuflich erwerben.

Vergangenheit neu denken
Seit vielen Jahren schon sorgt das Parc Hotel Florian in Seis am Schlern mit seinen Gästezimmern für besonders naturnahe Urlaubsaufenthalte. Seit Kurzem komplettieren das Ensemble zehn neue Suiten in Form eines eigenständigen Baukörpers, der mit einer eigenständigen, neuen Architektursprache frischen Wind in dieses Setting bringt. Das mit der gestalterischen Weiterentwicklung des Hotels beauftragte Architekturbüro noa* löste die komplexe Bausituation – den Stolz des Hotels, die einzigartige Parkanlage, bestmöglich zu erhalten und sich mit der angrenzenden Einfamilienhausbebauung bestmöglich zu arrangieren, indem sich der Baukörper mit den neuen Zimmern vom eigentlichen Terrain abhebt, um den Park in seinem vollen Umfang zu belassen, möglichst wenig Fläche dafür zu versiegeln und gleichzeitig die Gäste der neuen „Floris Green Suites“ im Park wohnen zu lassen. 

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