Ein Jubiläum mit Verpflichtung

© Christian Probst
Kunsthaus Graz – Peter Cook & Colin Fournier 2003: Im Vordergrund die Welterbe-Straßenbahn – Design der Beklebung: Herms Fritz 2019
© Christian Probst

Die historische Grazer Altstadt wurde vor 20 Jahren zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt, später folgte die Erweiterung der Welterbezone um Schloss Eggenberg. Das Jubiläum ist gleichzeitig Grund zu feiern und ein Auftrag.

Angesichts des Alters der meisten Kulturstätten mit UNESCO Welterbesiegel steckt das Welterbe Graz mit seinem 20. Geburtstag in den Kinderschuhen. Im Vergleich zur knapp 900-jährigen Geschichte der Stadt aber ist die bauliche Entwicklung zwischen der Welterbeernennung am 1. Dezember 1999 und dem jetzigen Jubiläum ein Sprung in eine neue Ära der Baukultur. Die Anforderungen der UNESCO an bestehende und künftige Welterbestätten sind mit den Jahren seit Bestehen der Konvention 1972 enorm gestiegen und seit der Auszeichnung von Graz noch intensi­viert worden.

Welterbebeauftragter mit Verantwortung
Ein wesentliches Kriterium für die Durchsetzbarkeit manchmal auch unpopulärer Erhaltungsmaßnahmen ist dabei jene Position, die dem Welterbebeauftragten zukommt. Die Aufgabe als Baudirektor und Welterbebeauftragter der Stadt Graz ist für Bertram Werle vielschichtig. Denn der Welterbebeauftragte hat die Qualitätsmerkmale der historischen Entwicklung von Graz zu bewahren, die über Jahrhunderte komprimiert auf knapp vier Prozent der Stadtfläche entstanden sind und die Auszeichnung begründen. Die Forderung von UNESCO und ICOMOS (International Council on Monuments and Sites), die Position des Welterbebeauftragten in der Hierarchie der Stadtverwaltung möglichst an der Spitze anzusetzen, hat sich in Graz bewährt. Denn sowohl Erhaltungs- als auch Entwicklungsstrategie der Welterbezone und Pufferzone greifen bei Bauprojekten aller Funktionen und Inhalte ineinander und setzen einen hohen Informationsgrad über alle Projekte voraus. Unterstützt durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Welterbestelle aus den Fachbereichen Kunst­geschichte und Architektur und bis 2018 auch Rechtswissenschaften, erfolgt das Management des Welterbes in Graz prospektiv.

Der Ausgangspunkt
Die historisch-wissenschaftliche Doku­mentation des Grazer Welterbes durch Wiltraud Resch war vor über zwei Jahrzehnten Basis des erfolgreichen Antrages bei der UNESCO. Der Antrag resultiert aber auch aus den Erfolgen einer seit 1974 auf Grundlage des Grazer Altstadt­erhaltungsgesetzes (GAEG) vollzogenen Altstadterhaltung, die im steirischen Baugesetz verankert wurde. Die aktive Altstadterhaltung, die von einer unabhängigen Sachverständigenkommission innerhalb der Schutzzonen des GAEG als Gutachter für die Stadt Graz ausgeübt wird, schuf noch lange vor der Welterbeauszeichnung eine Erhaltungsstrategie, die Land Steiermark und Stadt Graz einbindet. Die Schutzzone 1 nach dem GAEG und die Kernzone des Welterbes der Altstadt decken sich, die Schutzzonen II und III bilden sich weitgehend in der Pufferzone ab. 2007 wurde vom Gemeinderat der erste UNESCO Managementplan (mit Masterplan) der Stadt Graz beschlossen, der 2013 überarbeitet und von der UNESCO mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen wurde.

20 Jahre Planungskultur
Für die Erhaltung und Entwicklung der Grazer Altstadt waren die vergangenen 20 Jahre Meilensteine: Im öffentlichen Raum, der für das UNESCO Welterbe außerordentliche Bedeutung hat, wurden sechs Plätze (Hauptplatz, Schloßbergplatz, Freiheitsplatz, Karmeliterplatz, Lendplatz und Joanneumsplatz) neu gestaltet sowie der Mehlplatz und der Kaiser-Josef-Platz saniert und barrierefrei gestaltet. Der Lendplatz – in der Pufferzone gelegen – entwickelt sich zunehmend zu einem Motor für die Entwicklung der Nord-Süd-Achse über den Südtirolerplatz bis in die Griesgasse. Insbesondere das Kulturhauptstadtjahr 2003 hat auch in der Welterbezone der „Historischen Altstadt“ und der Pufferzone bauliche Veränderungen gebracht, das Kunsthaus wurde zu einem neuen Wahrzeichen von Graz. Der „Friendly Alien“ funktioniert als Identifikationspunkt jedoch nur, wenn die historische Dachlandschaft rundum erhalten wird, denn die rote Ziegeldachlandschaft und die blaue Blase leben vom Kontrast sowohl in Form, Farbe als auch Material. Trotzdem schlagen sie eine Brücke zwischen historischer Bauqualität mit Meisterwerken aus vielen Jahrhunderten, die sich aneinanderreihen, und zeitgenössischer Architektur, die höchsten Ansprüchen genügen muss.

Neue Projekte mit höchster Qualität
Eine vitale Stadt als „Weltkulturerbestätte“ zu erhalten setzt aber auch voraus, dass unterschiedliche Bauaufgaben, die nicht selten einen Funktionswandel beinhalten, mit höchsten Qualitätsmaßstäben umgesetzt werden können. Aktuell reihen sich unter diese Aufgaben das in Umsetzung befindliche „neue Schloßbergmuseum“ auf der Stall- oder Kanonenbastei des Schloßbergs, das Stadtbootshaus am ­Marburger-Kai, das die Stadt näher ans Wasser der tief eingegrabenen Mur bringen soll, und der Neubau der für den öffentli­chen Verkehr wichtigen Tegetthoffbrücke.

Erweiterung um Schloss Eggenberg
Seit 2010 ist auch das Schloss Eggenberg mit seinem Park UNESCO Welterbekernzone. Beide Kernzonen werden durch eine Pufferzone miteinander verbunden, die sich weitgehend mit den Schutzzonen des GAEG deckt. Wo die Pufferzone außerhalb des Wirkungsbereiches des GAEG liegt, begutachtet der Fachbeirat für Baukultur Bauprojekte über 2000 ­Quadratmeter Bruttogeschoßfläche. So ist gesichert, dass der Anspruch der Welt­erbestadt Graz, zur historischen Bausub­stanz zeitge­nössische Architektur in höchster Qualität zu fügen, gut verankert ist. Das UNESCO Weltkulturerbe der Stadt Graz ist ein ­„lebendiger Organismus“, der sich ständig ändert. Es ist auch ein maßgebliches Ziel für den Erhalt eines Welt­kulturerbes, dass dieses gepflegt und belebt wird. Folglich muss sich die Stadt weiterentwickeln können. Es ist jedoch unumgänglich, dass diese Entwicklung auf höchstem Niveau stattfindet. Zahlreiche positive Beispiele der letzten 20 Jahre sehen wir als Bestätigung unseres Welt­erbe-Status. Werle: „Daher sind wir überzeugt, dass der UNESCO Welterbetitel einen nachhaltigen Nutzen für Graz erbringt und auch Garant ist für den Erhalt unserer Einzigartigkeit – unseres Out­standing Universal Values.“

Informationen
graz.at

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