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Ein Hauch von Paris

Aus „Kummer“ wurde „Motto“. Das neue Boutique Hotel an der Mariahilfer Straße erstrahlt in neuem Glanz. © Monika Nguyen
Alle Fotos: Monika Nguyen, Wien
Der Haupteingang und das Stiegenhaus gehören zu jenen Elementen, die verändert wurden. Sie wurden an das Konzept und die aktuellen Höhenniveaus angepasst und neu gestaltet.
Alle Fotos: Monika Nguyen, Wien

Hotel Motto, Wien / Arkan Zeytinoglu Architects

von: Barbara Jahn

Das ehemalige Hotel Kummer, wohl eines der markantesten Gebäude an der Wiener Mariahilfer Straße, macht seit Kurzem keine grauen Haare mehr. Das historische Palais – übrigens das letzte noch erhaltene Hotel vom Beginn des letzten Jahrhunderts –, errichtet an einer städtebaulichen Position, die als zentraler Schnittpunkt des urbanen Treibens im siebten Bezirk gilt, erstrahlt nach einer kompletten Sanierung und mit neuer Konzeption in altem respektive neuem Glanz.
2014 von der WertInvest-Gruppe erworben, war schnell klar, dass man mit dieser Immobilie nicht leichtfertig umgehen kann und dieses besondere Architekturjuwel als solches auch erhalten bleiben muss. Ebenso klar war, dass hier auch wieder ein Hotelbetrieb einziehen wird, einer, der einerseits mit der Geschichte des Hauses sorgsam und sensibel umgeht und andererseits den Anschluss an das moderne Zeitalter nicht verpasst. Eine spannende wie schwierige Aufgabe, mit der der Wiener Architekt Arkan Zeytinoglu betraut wurde. Er hatte den geladenen Wettbewerb vor den Architekturbüros querkraft, Shibukawa Eder und BWM gewonnen.
Von außen, aus der Perspektive des Fußgängers, wirkt es, als wäre die Zeit stehen geblieben: Das Erscheinungsbild des Gebäudes versetzt in die 1900er-Jahre zurück, in der das Gründerzeithaus gebaut wurde. Der Vorgängerbau von 1870 nach Plänen von Eduard Kaiser und Ludwig Tischler wurde 1872 von Michael Kummer als fünfgeschoßiges Hotel eröffnet und 1905 durch die Architektur von Ludwig Schwartz ersetzt. Die Architektur verging, der Name blieb – bis heute.

Superb, wie der Wiener sagt
Dass es während des Entwurfsprozesses für den Architekten eine gedankliche Verbindung zur französischen Hauptstadt gab, ist nicht weiter verwunderlich. Denn beim neuen Boutiquehotel Motto findet eine inhalt­liche und geschichtlich gewachsene Über­lagerung statt. „In seiner Struktur von der Gründerzeit definiert, wurden sämtliche Elemente der einstigen Vorstadt, der heu­tige 6. und 7. Bezirk, als gestalterische Grundlage herangezogen, weiterentwickelt und Artefakte der jeweiligen Zeit in Form, Farbe und Struktur bis zum Heute Schicht für Schicht überlagert, um ein unverwechselbares Ganzes zu erhalten. Da die Wiener Gründerzeit sich mit jener von Paris einen Abtausch lieferte, sind diese Elemente heute noch spürbar“, sagt Arkan Zeytinoglu.
Die klassizistische Fassade wurde weitgehend erhalten, restauriert und an einigen Stellen wieder ergänzt. Die gusseisernen Geländer, die historisierenden Säulenreihen, die mit Grün geschmückten Balkone und die attraktiven französischen Fenster gehören zu dem charmanten Cocktail an reichen Details, die dem geneigten Architekturfreund sofort ins Auge stechen. Weiter oben jedoch, wenngleich in perfekter Harmonie mit dem Bestand, ist ein neues Zeitalter angebrochen. Architekt Zeytinoglu hat dem altehrwürdigen Haus in Anlehnung an die lokalen Dachformationen eine neue Kuppel aufgesetzt, die in vielerlei Hinsicht ein neues Kapitel aufschlägt. Die kreuzgewölbte Stahlbaukonstruktion mit in sich geknickten rautenförmigen und nach oben hin abnehmenden Öffnungen entwickelt sich aus der Geometrie der reich verzierten Kopffassade und aus den Zäsuren der Fassadenelemente und trägt der sich über den Tag ändernden Sonneneinstrahlung Rechnung. Die transparente Glaskuppel flutet das oberste Geschoß, in dem sich das hauseigene, öffentlich zugängliche Restaurant Chez Bernard und die Bar befinden, mit Licht und einer speziellen Atmosphäre, die kaum in Worte zu fassen ist, und bietet einen herrlichen Ausblick auf die Mariahilfer Straße. Bilder und Fantasien wie ein illustrer Ballsaal kombiniert mit dem Flair eines Palazzo und einem Touch von Fine Dining tun sich auf.

Vom Trottoir bis zum Plafond, vom Teppich bis zum Türgriff
Auch für die neu gestalteten Räumlichkeiten, Seminarräume und die 91 einladenden Gästezimmer hat Arkan Zeytinoglu eine raffinierte Rezeptur angewandt: Eine Brise Japan schwingt hier ebenso mit wie ein Hauch skandinavischer Gemütlichkeit und ein kräftiger Schuss des französischen Savoir-­Vivre. Das neue Wiener Boutique Hotel ist wie Wien selbst und sein berühmter Kaffee – eine gelungene Melange und ein Schmelztiegel der Kulturen. Mit klarem stilistischem Konzept inszeniert und doch fast wie zufällig zusammengewürfelt erscheinen die Interieurs in den einzelnen Räumen und bilden eine eigene Motto-Welt.
Das Programm dafür entstand durch die Reflexion seiner geschichtlich aufgeladenen Position. Aus dieser Motivation heraus wurden sämtliche Möbel, Texturen, Muster, Türgriffe, Fliesen, Keramik und Stoffdesigns aus dem 19. und 20. Jahrhundert modifiziert beziehungsweise eigens für dieses Projekt entwickelt und gefertigt. Was dem Architekten dabei ganz wichtig ist, wird er nicht müde zu betonen: „Es wurden nicht Sammlungen zusammengetragen, kopiert oder nachgeahmt, sondern Eigenständigkeit und Authentizität bewahrt.“
Die gestalterische Vielfalt offenbart sich wie immer im einzelnen Detail: Für die gesamte Inneneinrichtung mit ihrer Mischung aus speziell entworfenen Möbeln und Vintage-Möbeln – einige davon Originale aus dem legendären Hotel Ritz – zeichnet ebenfalls Arkan Zeytinoglu verantwortlich. Nicht nur die Stoffe und Teppiche wurden eigens für das Hotel Motto entworfen, sondern auch die Fliesen in den Bädern sowie die handgefertigten Zementfliesen für die öffentlichen Bereiche. Auch fast alle Möbel und sämtliche Details bis zu den Türgriffen aus Messing sind speziell für das Hotel produziert worden, ebenso die aufwendig aus Messing handgefertigten Liftkabinen. Immer noch ein Match, das sich Wien mit Paris liefert? Nun, in diesem historischen Kontext wurden Geschichte, Tradition und Handwerk wiederbelebt. Neues wurde gebaut, Vergangenes restrukturiert, einiges wurde versetzt und umgestaltet – etwa der Haupteingang in die Schadekgasse oder das Stiegenhaus, das an die Niveausprünge innerhalb des Gebäudes angepasst wurde. Entstanden ist dabei ein vielfältiges Ensemble, das mit seiner Durchmischung von Funktionen mit Restaurant und Bar, Lobby, Geschäftszonen und Schanigärten im Erdgeschoßbereich dem Kommen und Gehen eine reiche Bühne bietet.

Flanieren und parlieren
Einer, der naturgemäß auch besonders stolz auf diesen gelungenen architektonischen Brückenschlag über die Jahrhunderte ist, ist Michael Tojner, Gründer der Wert­Invest, dem es ein großes Anliegen war, die Geschichte des Hauses zu bewahren und sie standesgemäß fortzuschreiben. „Unser Anspruch als Immobilienentwickler ist es, verlässlicher und kompetenter Bauherr zu sein und immer auch ein Stück Verantwortung für die Entwicklung der Stadt zu übernehmen. Jedes Projekt ist ein Herzensprojekt, mit dem wir das Gesicht der Stadt gestalten und einen architektonischen Fingerprint hinterlassen. Viel Energie ist in die Entwicklung geflossen, und wir mussten bautechnisch auch einige große Herausforderungen bewältigen“, streicht er anlässlich der Eröffnung lobend hervor. Die Mühe hat sich ausgezahlt: Wien und die Wiener haben mit dem Boutique Hotel in jedem Fall gewonnen – einen vertrauten Ort, in den man sich jetzt wieder neu verlieben kann.

Projekt
Hotel Motto, Mariahilfer Straße 71A, 1060 Wien

Bauherr
AHL Real KUM GmbH & Co KG, Wien

Betreiber
Hotel Motto BetriebsgmbH, Wien

Architektur/Interior Design
Arkan Zeytinoglu Architects, Wien, arkan.at

Generalplanung/ örtliche Bauaufsicht
FCP Fritsch, Chiari & Partner ZT GmbH, Wien, fcp.at

Statik
Thomas Lorenz ZT GmbH, Graz, tlorenz.at

Technische Gebäudeausrüstung
Mahr + Partner Ingenieurbüro, Purkersdorf

Lichtplanung
LITEstudio OG, Wien

Projektdaten
Grundstücksfläche: 1009 m²
Bebaute Fläche: 1009 m²
Nutzfläche: 6400 m²
Bruttogeschoßfläche: 7600 m²

Projektablauf
Wettbewerb Architektur 07/2014
Wettbewerb Interior 02/2017
Planungsbeginn 2014
Baubeginn 11/2018
Fertigstellung 09/2021

Materialien
Bauweise: Ziegel
Innenwände: Trockenbau
Fassade: Bestand plus Metallbauarbeiten
Fenster/Türen: Holz/Metall
Bodenbeläge:
Zementfliesen Karoistanbul
Keramikfliesen Cevica, Spanien
Holzfußboden
Beleuchtungskörper: Design Arkan Zeytinoglu Architects + Vintage-Leuchten (Hotel Ritz, Paris)
Wettbewerbsdokumentation: ARCHITEKTURJOURNAL / WETTBEWERBE 1/2015 (318)  

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