357 Bauwelt

Ein Deckel für die Schatztruhe

© Certov / Winkler+Ruck Architekten
Ein Pavillon als städtebauliche Betonung des bestehenden Haupteingangs.
© Certov / Winkler+Ruck Architekten

Vor genau einem Jahr begannen die Bauarbeiten für die Erweiterung des Wien Museums von Certov/Winkler+Ruck Architekten. Zeit für einen Baustellenbesuch.

von: Roland Kanfer

„Oh, ein Dachbodenausbau!“ – mit zynischen Kommentaren begrüßten architektur­affine Beobachter in den Social-Media-Foren das 2015 gekürte Siegerprojekt des Architekturwettbewerbs für das Wien Museum Neu. Für die Jury war es jedoch ein ebenso naheliegender wie bestechender Gedanke für den Umgang mit dem vom österreichischen Architekten Oswald Haerdtl geplanten, 1959 eröffneten Pavillon am Karlsplatz: Die Erweiterung für das Museum kommt aufs Dach. Die Idee sei einfach und einprägsam – und in diesem Fall überzeugend gelöst, lautete das Urteil. Als Bild ausgedrückt könne man von einem Deckel sprechen, der auf eine bestehende Truhe gesetzt wird.

Für die Sanierung und Erweiterung des unter Denkmalschutz stehenden Baus wurden 274 Entwürfe aus 26 Ländern eingereicht, 14 davon kamen in die zweite Runde. Gewonnen hatten den Wettbewerb die Architekten Roland Winkler und Klaudia Ruck aus Klagenfurt sowie Ferdinand Certov aus Graz. Ihren Vorschlag, den Haerdtl-­Bau als Sockel zu betrachten, auf den zwei Geschoße – ein geschlossener Baukörper, voneinander getrennt durch ein transparentes Fugengeschoß – gesetzt werden, würdigte die Jury als große kompositorische Geste.

Dieses „schwebende Geschoß“ war für die Planer die größte Herausforderung. Bereits das bestehende Gebäude ist über Bohrpfähle auf eine Zehn-Meter-Aufschüttung des alten Wienflusses im Boden verankert. Nun ruht das Museum auf rund 90 Bohrpfählen, bis zu 40 Meter tief und vier Meter dick. Sie stellen teilweise das Fundament der statisch entkoppelten Hängekonstruktion dar: Das gesamte Schwebe-
geschoß ist an vier Stahlbändern aufgehängt, die an einer in der Innenhofhalle stehenden, in den Boden geleiteten Stahlbetonkonstruktion gelagert werden. Dieses eigenständige, 40 Meter lange Tragwerk berührt nicht den Bestand und das Erweiterungsgeschoß ist stützenfrei.

Zweifel ausgeräumt
Für die Jury unter dem Vorsitz des Schweizer Architekten Emanuel Christ waren einige Fragen offen geblieben. So wurde etwa die Frage der Erschließung, der Haustechnik und der Lichtführung als nicht schlüssig beantwortet gesehen. Diese Bedenken seien im Lauf der Planung weitgehend ausgeräumt worden, erläutern die Architekten: Die bestehenden vertikalen Schächte in der Fassade wurden integriert, mit der Nutzung der Innenhofhalle als Ausstellungsbereich konnte auch die Lichtführung in den Ausstellungsräumen optimiert werden. Als wesentlich erachtete die Jury die städtebauliche Freistellung des benachbarten Winterthur-Gebäudes, die nach langen Verhandlungen und einem Gestaltungs­wettbewerb sichergestellt werden konnte. Das von Georg Lippert Anfang der Siebzigerjahre geplante Versicherungsgebäude wird nach Plänen von Henke Schreieck Architekten baulich vom Wien Museum abgetrennt und so aufgestockt, dass es sich höhenmäßig diesem und den anderen benachbarten Gebäuden anpasst.

Nicht überzeugt hatte die Jury außerdem der geplante Pavillon als städtebau­liche Betonung des bestehenden Haupt­eingangs. In der Weiterbearbeitung des Wettbewerbsprojekts wurden die vorgeschlagenen Funktionen wie der Infobereich und die versenkbare Fassade schlussendlich fallen gelassen. Mit der Errichtung des Pavillons soll im kommenden Jahr begonnen werden. Auf Anregung der Jury wurde außerdem der Veranstaltungssaal vom Erdgeschoß in das Fugengeschoß verlegt. Dieses wurde von Ausstellungsräumen befreit und ist umlaufend verglast, womit es transparenter wird und die Trennung des auskragenden obersten Geschoßes vom Bestand optisch verstärkt.

Geringer Eingriff in die Umgebung
Vor einem Jahr, im Sommer 2020, begann man damit, das Wien Museum zu entkleiden. Zunächst wurde die nicht mehr originale Natursteinfassade abgetragen. Die ursprünglichen, nicht witterungsbeständigen Platten aus hellem Muschelkalkstein mit leichtem Rosastich mussten bereits wenige Jahre nach der Museumseröffnung entfernt werden, sie wurden in den Achtzigerjahren ersetzt. Mit dem Kalkstein „White Shell“ aus einem Steinbruch im kroatischen Split hofft man, wieder näher am Original zu sein. Auch das Stiegenhaus wird wieder in den Originalzustand übergeführt: Die von Haerdtl verwendeten Glasbausteine, die der Belichtung des Stiegenhauses vom Innenhof her dienten, waren ebenfalls im Lauf der Zeit durch eine simple Glaswand ersetzt worden und kommen nun originalgetreu wieder. Angepasst an zeitgemäße Bauvorschriften müssen außerdem etwa die Streben des Stiegengeländers in engerem Abstand zueinander neu versetzt werden. Der Keller wurde auf rund 1200 Quadratmeter erweitert und dient als Depot.

Dafür musste lediglich ein Baum geopfert werden – für das gesamte Projekt, im Unter­schied zum zweitplatzierten Wettbewerbsbeitrag, dessen Umsetzung das Fällen von 22 Bäumen mit sich gebracht hätte, wie Wien-Museum-Projektleiter Heribert Fruhauf betont. Wie überhaupt das Projekt von Winkler+Ruck und Certov einen relativ geringen Eingriff in die Umgebung bedeutet. Die zweit- und drittplatzierten Projekte sowie einige der Anerkennungen hätten massive Solitärbauten im Bereich des Karlsplatzes geplant, welche die Bedeutung des Haerdtl-Gebäudes in den Schatten gestellt hätten. Eine Erweiterung des Bestandes in die Vertikale wurde von zwei Beiträgen vorgeschlagen und mit Anerkennungen belohnt: Die Schweizer Architekten Fiechter und Salzmann schlugen einen dem Siegerprojekt nicht unähnlichen Aufbau vor, während querkraft Architekten einen flakturm­ähnlichen Hochbau auf den Haerdtl-Pavillon setzen wollten.

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