Haus + Wohnen

Die Zukunft des Wohnens

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Tiny Houses: Trend zu Minimalismus und ­Konzentration aufs Wesentliche zwischen 15 und 45 Quadratmetern.
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Wohnraum soll mehr können als Fläche bieten – mehr und mehr muss diese Fläche vielseitig verwendbar sein, dann kommt sie auch mit weniger Quadratmetern aus. Wichtig ist, dass man sie leicht an veränderte Lebensbedingungen anpassen kann. Projekte konzentrieren sich daher mehr auf Nachhaltigkeit und Ideen des Teilens – etwa von Küchen oder Arbeitsräumen.

von: Susanne Karr

Lebensstile und Wünsche einer urban geprägten Gesellschaft verlangen nach einer Erweiterung der Vorstellung von Wohnen. Oft vermischen sich etwa Lebens- und ­Arbeitsräume. Räume für gemeinschaftliche Aktivitäten werden mehr gefordert als noch vor einiger Zeit, als der Trend ausschließlich in Richtung Individualismus zu weisen schien. Mobilität und Weltgewandtheit sind häufig woanders untergebracht als in der klassisch konventionellen Miet- oder Eigentumswohnung oder dem Reihenmittelhaus. Der Aufruf zu verdichtetem Bauen, Um- bzw. Nachnutzung und Nachhaltigkeit bringt verschiedene Spielarten neuen Wohnens auf den Plan.

Mehr Durchmischung
Ein immer häufiger auftauchendes Wohnmodell bietet Mischnutzung: Beispielsweise bedeutet das ein Angebot fix vergebener Wohnungen, kombiniert mit Wohngemeinschaften für Studenten und/oder Asyl­suchende. Dazu könnte es Gemüseanbau auf der Dachterrasse geben, wie etwa in der „VinziRast-mittendrin“ in der Währinger Straße in Wien. Das beispielhafte Konzept des Architekturbüros Gaupenraub sieht mehr Durchmengung als klaren Vorteil, als Belebung durch verschiedene soziale und ethnische Herkunft, Generationen und Hintergründe. Wichtig ist bei diesem Ansatz auch das Arbeiten mit dem, was bereits vorhanden ist. Überprüfen, was schon besteht, ob man es erweitern oder aufwerten kann, und welche Teile man vielleicht entfernen muss. Das wäre ein Upcycling im architektonischen Kontext. Diese Vorgangsweise hat etwas Natürliches, das auch der Intention einer größeren Lebendigkeit entspricht. Anstatt ausschließlich auf Gewinne zu schielen, etwa durch Miete oder Verkauf nach Überrenovierung, geht es darum, zu sanieren, was brauchbar ist, Spuren der Zeit sichtbar zu lassen und so eine
Geschichte weiterzuerzählen.

Mehr Flexibilität
Eine herausragende Qualität von Altbauten ist oft ihre vielseitige Nutzbarkeit – Wohnungen lassen sich ebenso einrichten wie Büros, Ordinationen oder Yogastudios. In neuen Entwürfen spiegelt die Verwendung leicht versetzbarer Wände diesen Gedanken wider. Räume lassen sich nach Bedarf verkleinern oder vergrößern, etwa nach Bedarf ein Gästezimmer einrichten oder eine Wand für den Arbeitsplatz einziehen. Dazu sind innovative und flexible Grund­risse nötig. Großzügige, offene Räume
können in funktionale kleinere Einheiten verwandelt werden, um zeitgenössischen Lebensentwürfen zu dienen. So kann man mit durchdachten Grundrissen Wohnungen leicht zusammenlegen. Barrierefreie Zu­gänge gehören zum Status quo.

Geteilte Unterkünfte
Es gibt aber auch das Konzept, von vorn­herein ein gemeinschaftlicheres Leben einzuplanen. Dabei geht es nicht nur um die klassische Wohngemeinschaft, die auch für ältere Semester immer wieder reizvoll wirkt. Vor allem wenn es sich dabei um größere geteilte Anwesen handelt wie einen Bauernhof, den man dann etwa nur am Wochen­ende nutzt. Auch die Idee „Alters-­WG“ wirkt auf Menschen nicht mehr so abschreckend wie noch vor einiger Zeit.

Eine Vorstellung von mehr Gemeinsamkeit steht Pate für die Entwicklung von geteil­ten Räumen: gemeinsames Arbeiten und Zusammenleben, Co-Working und Co-Living, ermöglichen es, eine Mischung aus privatem Rückzugsort im eigenen Haus mit einem einladenden Zugang zur Gemeinschaft zu verbinden. Es bleibt den Bewohnern überlassen, ob sie ihre Zeit in Gemeinschaft oder zurückgezogen verbringen wollen. Möglicherweise zeigt sich hier ein neues Bewusstsein für Gemeinschaft, die als wertvoll betrachtet wird.

Weniger Wohnraum
Der Trend zu kleineren Wohnungen zeigt sich auch bei den Tiny Houses. Die Idee stammt ursprünglich aus den USA. Der Begriff Tiny House ist nicht streng definiert, meist wird darunter ein kleines Haus mit Wohnfläche zwischen 15 und 45 Quadratmetern verstanden, das Small House kann bis zu 90 Quadratmeter haben. Es gibt viele Varianten, oft in Form eines Anhängers, der sich auch bewegen lässt. In Österreich ist die rechtliche Lage dieser Tiny Houses noch nicht zu Ende diskutiert. Oft als Zwergenunterkunft verspottet, erfreut sich diese Wohnform vor allem in den USA und Skandina­vien schon seit einiger Zeit großer Beliebtheit. Ein Trend zu Minimalismus und Konzentration aufs Wesentliche mag hier mitspielen. Selbst wenn diese Art Lifestyle durchaus nicht immer freiwillig gewählt ist, zeigt sich hier eine wachsende Anhängerschaft. Auch die Variante „Hobbit House“, ein höhlenartiger, in die Erde eingelassener Ökobau, entspricht einer Tendenz zu Naturverbundenheit und der Abkehr von einer Lebensweise, die hauptsächlich durch Konsumieren geprägt ist. Außerdem hat es für sich, dass es zu großen Teilen selbst errichtet wird und dadurch ein Gefühl vermittelt, etwas mit eigenen Händen geschaffen und persönlich etwas erreicht zu haben.

Schrebergarten als Bleibe
Seit Schrebergartenhäuser in Wien als ganzjährig bewohnbare Unterkünfte erlaubt sind, werden die Häuschen buchstäblich aufgemöbelt, gedämmt, auffrisiert. Oftmals wechseln sie zu hohen Preisen die Besitzer – die Lage ist dabei häufig beneidenswert, im Grünen, mit wenig Straßenverkehr in der Nähe. Die Idee vom alten, nörgelnden Nachbarn mit Gartenzwerg-Manie macht zunehmend einer Realität Patz, in der junge Familien – nicht selten temporär – ins Schrebergartenhaus einziehen. Fluktuation und Flexibilität steigen auch hier.

Mehr Energieeffizienz
Ab und zu hört man von energieautarken Wohneinheiten, etwa beim Schmalen Haus in Tirol von Geri Blasisker. Die benötigte Energie kann, wie hier, mithilfe von Wasserkraft oder durch Geothermie und Solartechnik erzeugt werden. Gebäude als Kraftwerke einzusetzen klingt mittlerweile nicht mehr utopisch. Es gibt auch zahlreiche Projekte für größere Einheiten und viel Forschung zu dieser Thematik, denn urbane Zentren gehören mit ihren Gebäuden eindeutig zu den größten Energieverbrauchern. Wenn sie nun stattdessen zu Energie­produzenten werden, lassen sich möglicherweise umliegende Gebäude mitversorgen. Gerade im Hinblick auf erwartetes Städtewachstum ist dieser Ansatz ­richtungweisend. Verkehrskonzepte werden ebenso mitgedacht wie ein gezielter Einsatz von Frisch- und Brauchwasser.

Mehr Pflanzen, mehr Grün
Dass der Wandel zu mehr Umweltbewusstsein von den Städten ausgeht, mag erstaunen, wird aber immer wieder betont. Zu diesem Detail passt auch, dass, entgegen gängigen Vermutungen, die Artenvielfalt, sowohl von Tieren als auch Pflanzen (von der menschlichen abgesehen), in Städten oft größer ist als auf dem Land. Einsatz von Pestiziden und „Flurbereinigungen“ beeinträchtigen Lebensqualität für Pflanzen und Tiere. In Städten hingegen finden sich zahlreiche Biotope. Das Projekt Nordbahnhof in Wien geht explizit auf diesen Umstand ein und plant, bei der Bebauung einen wilden Mittelpunkt zu belassen, wo jetzt schon die Natur ihren Platz fordert und zahlreiche Pflanzen und Tiere ein sozusagen urbanes Zuhause gefunden haben, anstatt einen durchdesignten Park anzulegen.
Diese Idee spiegelt sich auch in der inzwischen weit verbreiteten Verwendung urbaner Brachflächen zum Obst- und Gemüseanbau. Urban Gardening wird längst nicht mehr verstanden als reine Freizeit­beschäftigung weltfremder Gutmenschen, sondern auch als ein Beitrag zu mehr Gemeinschaft und Naturbezug. Das Graben in der Erde und das Beobachten einer wachsenden Pflanze vermittelt sinnliche Erfahrungen, auf die viele Menschen nicht mehr verzichten wollen – auch und gerade in einem eher urban geprägten Umfeld.

Mehr Lebendigkeit
Verschiedene Möglichkeiten, einander im öffentlichen Raum zu begegnen, Angebote für Freizeit, Gastronomie und Unterhaltung, kleine Geschäfte für den täglichen Bedarf: Die Stadtutopie klingt oft wie ein Rückgriff auf die frühere übersichtliche Stadt. Das ist weniger erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Modellstädte, die heute immer noch für den Beweis der urbanen Leistungsfähigkeit und Kreativität herange­zogen werden, wie etwa die Renaissance­städte Florenz oder Antwerpen, nur um die 100.000 Einwohner hatten und also im heutigen Sinne äußerst überschaubar waren. Die Möglichkeit, viele wichtige Orte zu Fuß erreichen zu können, bot – und bietet – ­einen klaren Vorteil.

Mobilität
New York brüstet sich damit, eine Wiederbelebung der Stadt durch Fußgängerzonen und Radwege quasi „erfunden“ zu haben. Jedenfalls gehen die New Yorker mit bewundernswerter Konsequenz in der Um­setzung dieser Idee vor. Außerdem gehört es zur Charakteristik des erstrebenswerten Wohnraums, dass er sich in einer angenehmen Entfernung von Orten befindet, die man täglich aufsucht. Anbindungen an den ­öffentlichen Nahverkehr bzw. gut ausgebaute Radwege schaffen eine Umgebung, die weniger lärm- und stressintensiv ist. Wer in Amsterdam oder Kopenhagen unterwegs ist, erkennt den Unterschied. Insgesamt Trends, die in Richtung Entschleunigung, Begegnung und Naturnähe weisen.

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