359 Naturstein

Die Stadt lebt von der Pracht

© NHM Wien
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Architektur erfindet sich gerade naturnah neu. Dass sie dabei wieder die Bedeutung von Naturstein, der schon mal ein paar Hundert Millionen Jahren gewachsen ist, erkennt, ist nur logisch.

von: Reinhard Bimashofer

Eine der schlimmsten Befundungen unserer Zeit ist wohl der Satz: „Kein Stein wird auf dem anderen bleiben.“ Damit ist Umbruch gemeint, Revolution, eine Erschütterung unserer gesellschaftlichen Grundfesten. Zuletzt fast Alltagsgeschehen.
Da ist es beruhigend, dass es Bereiche gibt, wo schon durch die Materialwahl genau das Gegenteil gilt: Im Bauwesen und der Jahrhundert-Architektur wird seit jeher auf Naturstein gesetzt. Wir erleben gerade die Wiederentdeckung der natürlichen Schätze in Österreich. Mit verlässlicher Verfügbarkeit, kurzen Transportwegen, minimalem CO2-Abdruck und nachhaltig beeindruckender Langlebigkeit. Hunderte Millionen von Jahren ist Marmor in der Erdkruste gewachsen, um uns, umsichtig gewonnen, das Leben zu verschönern. Für Jahrhunderte. In der Schönheit von Naturstein-Lösungen liegt ein besonderer Zauber. Architekten sowie Bildhauer entwickelten schon immer geniale Einsatzmöglichkeiten. Wohl wissend, dass dieses Erscheinungsbild oft ewig-zeitlich attraktive Konstruktionen schafft.
Der französische Kardinal de Lagraulas beauftragte 1497 Michelangelo, eine Pietà zu schaffen, die alle damals in Rom reichlich vorhandenen Marmorkunstwerke an Schönheit übertreffen sollte. Der etwa 25-jährige Michelangelo erhielt umgerechnet 50.000 Euro für dieses Vorhaben. Noch heute ist das unübertroffene Ergebnis im Petersdom in Rom zu bewundern. Eine seiner phänomenalsten Arbeiten. Wobei die Marmorplatten im Hintergrund des Kunstwerks auf mich wie Vergrößerungen von Zellen wirken. Naturstein ist stets eine Fundgrube für Fantasie und Entdeckungsfreude.

Dem Schönen schlägt nie die Stunde! Es erhebt uns, weckt Ehrfurcht und Bewunderung, ja, es ist eine Art Wunder, ein Augenöffner im Alltag. Der Zauber des Lebens entfaltet sich erst richtig in der Schönheit. Diese offenbart sich bei Makroaufnahmen von fürs Auge unsichtbaren Zellen genauso wie bei jenen von Käfern, Insektenaugen oder eben im Schöpfungszauber, der im Naturstein so mannigfaltig zum Ausdruck kommt.
Die Stadt lebt von der Pracht. Sie zieht nicht nur Touristen magnetisch an. Naturstein hat eine andere Energie, sorgt für anderes Wohlbefinden. Manche sprechen von einem fast magischen Effekt. Anziehung. Wir wollen ihn berühren. Als ich vor vier Jahren in den chinesischen Millionenmetropolen Chengdu und Chongqing war, beeindruckte mich der so generös eingesetzte Marmor in den großen Hotels und Einkaufszentren. Die Chinesen streben mit aller Macht zur Pracht. Die Architekten verwenden Natursteinlösungen als natürlichste Verbündete, um einzigartige Erscheinungsformen zu erreichen. Doch Paradebeispiele der Schönheit und der Langlebigkeit von Marmorlösungen finden wir auch in Wien. Im November machte ich einen Ausflug mit den Söhnen eines Freundes nach Wien. Ein Pflichtbesuch war das 1889 eröffnete Naturhistorische Museum. Nicht nur wegen der großartigen Dinosaurier-Schau. Jährlich pilgern mehr als 500.000 Besucher in dieses Haus des Staunens. In meinen Augen eine Schlüsselerfahrung liegt für alle Besucher in der allgegenwärtigen Schönheit, die in den Exponaten zum Ausdruck kommt. Allein die Vielfalt in der mineralogischen Sammlung, die etwa die Natursteine präsentiert, die bei wichtigen historischen Bauten in Wien verwendet wurden. Schätze aus dem Erdreich bis zum Mondgestein.
Das Naturhistorische Museum ist eine Art Partnervermittlung in Sachen Schöpfungsverantwortung. Wobei der Eingangsbereich schon so gestaltet ist, als wäre das der Eingang zum Himmel. Dieser gestalterische Gigantismus, von Karl Hasenauer in Kooperation mit Gottfried Semper ersonnen, ist mit seiner Rundumperfektion etwas vom Schönsten, das meine Augen je verzücken konnte. Boden und Säulendekor aus Marmor. Seit mehr als 130 Jahren ist dieses Entree ein Ort der Meisterlichkeit. Hier hat jeder Beteiligte sein offensichtlich Bestes gegeben. Naturmaterialien und heilige Geometrien. Schönheit, zelebriert in berauschender und gottvoller Nächstenliebe. Als Erbauungsort zugänglich für die Bevölkerung. Mit jeder Minute, die wir im Naturhistorischen Museum verbringen – tatsächlich dauert es Tage, bis man halbwegs durch ist –, wächst unser Bewusstsein für die Notwendigkeit, unseren Beitrag zum Schutz des Planeten zu liefern.
Auch die weltberühmte Albertina weiß ihre Besucher würdig mit Marmor zu begrüßen. Nobel und würdig zugleich für eine Schatzpräsentation der kulturellen Leistungen der größten Künstler der letzten sechs Jahrhunderte. Es liegt in der Natur der Sache, dass langlebig begeisternde architektonische Lösungen nach Marmor, also Naturstein, rufen. Wenn wir die Augen öffnen, begegnet uns dieses Phänomen vom Petersdom in Rom über die Prachtbauten in Wien bis nach China überall. Sogar im für mich so nahen Klagenfurt, wo ich zuletzt vor dem wunderschönen Brunnen „Der Gesang“ von Kiki Kogelnik stand. Wie imposant im Kärntner Land. Kiki Kogelnik wählte Sölker Marmor, da er mit seiner zarten Zeichnung mit der Umgebung so wohlig harmoniert.
Bei allen Reisen begleitete mich der omnipräsente Leitsatz unserer Zeit: Mit der Natur zu bauen, Licht und Wärme sorgsam einzusetzen, den CO2-Abdruck des Bau­sektors (40 Prozent!) erheblich zu reduzieren, Langlebigkeit und Robustheit der Bau­materialien zu forcieren, Verantwortlichkeit gegenüber künftigen Generationen besonders bei der Wahl der Materialen zu zeigen. Architektur erfindet sich gerade naturnah neu. Dass sie dabei wieder die Bedeutung von Naturstein, der schon mal ein paar Hundert Millionen Jahren gewachsen ist, erkennt, ist nur logisch. Denn nicht nur die Stadt, jedes Bauwerk lebt von der Pracht (und Funktionalität), die aus ihm lacht. 

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