356 Thema

Der Himmelsstürmer

© Santiago Calatrava LLC

Er hat es wieder einmal geschafft: Architekt Santiago Calatrava hat sich ein weiteres Mal an die Spitze katapultiert. Und zwar so richtig.

von: Barbara Jahn

Skelettbau war schon immer seine Domäne: Santiago Calatrava taucht immer wieder ein in die Welt des Körperbaus, um daraus elegante und vor allem logische Baukörper abzuleiten. Auf der ganzen Welt befinden sich seine architektonischen Ikonen, die heute wie damals faszinieren – durch Leichtigkeit, manchmal sogar Beweglichkeit und vor allem durch Einzigartigkeit. Er selbst macht sich die physischen Prinzipien zunutze.

Architekt aus Leidenschaft
1951 in Valencia geboren, studierte der junge Spanier, der eigentlich Künstler werden wollte, zunächst Architektur und dann Bauingenieurwesen. Der Kauf eines Buches über Le Corbusier, das er zufällig in einem kleinen Laden entdeckte, war der ausschlaggebende Moment für seine Entscheidung, die sich als goldrichtig erweisen sollte. „Ich sah Bilder von den Treppenhäusern in der Unité d'Habitation, und ich dachte bei mir, was für ein außerordentliches Formgefühl!“, sagt er rückblickend. Heute füllt er selbst gedruckte Werke, die wiederum die nachkommenden Generationen in ihren Bann ziehen. Das jüngste ist die über 600 Seiten starke Edition „Calatrava. Complete Works 1979 – Today“, soeben erschienen im Taschen Verlag. Philip Jodidio nimmt den Blätternden mit auf eine faszinierende Reise durch 40 Jahre Entstehungsgeschichte futuristischer, organischer, komplexer wie raffinierter Gebäude, die sich immer wieder dem Gesetz der Schwerkraft widersetzen zu scheinen und staunen lassen. Der Überraschungseffekt ist bei Calatrava immer garantiert.

Inspiration Natur
Doch nicht nur fertige Projekte wie Frühwerke, etwa das Vertriebszentrum von Ernsting's Family oder die Bahnstation in Stadelhofen, bis hin zum Bahnhof Lyon Saint-Exupéry TGV oder den World Trade Center Transportation Hub in New York, begleitet von kunstvollen Zeichnungen, die an Raffael, Leonardo und Rodin erinnern, sind in diesem Buch zu bewundern, sondern es gibt auch einen Vorgeschmack auf Projekte, die sich gerade im Bau befinden, wie den Dubai Creek Tower, der bis 2024 fertiggestellt werden soll. In Auftrag gegeben hat das künftig höchste Gebäude der Welt Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum, der dem Dubai Creek Harbour damit ein neues Wahrzeichen bescheren will. Calatravas monumentaler Entwurf, der aus sechs Vorschlägen konkurrierender Büros ausgewählt wurde, ist von den natürlichen Formen der Lilie beeinflusst und erinnert an die Form eines Minaretts, ein charakteristisches architektonisches Merkmal in der islamischen Kultur. „Das Design des Gebäudes ist von der islamischen Tradition inspiriert und erinnert an die gleiche Geschichte, die der Welt die Alhambra und die Moschee von Cordoba bescherte. Diese architektonischen Wunderwerke verbinden Eleganz und Schönheit mit Mathematik und Geometrie“, sagt Santiago Calatrava. „Das Design des Turms von Dubai Creek Harbour ist in der klassischen Kunst und der Kultur von Dubai selbst verwurzelt. Er ist auch eine große technologische Leistung. Während meiner gesamten Karriere habe ich Technologie und Ingenieurwesen als Mittel für Schönheit und Kunst eingesetzt. Dieses Projekt ist eine künstlerische Leistung, inspiriert von dem Ziel, diesen Ort zu einem Treffpunkt für die Bürger zu machen, nicht nur aus Dubai und den VAE, sondern aus der ganzen Welt. Es ist ein Symbol für den Glauben an den Fortschritt.“

Inspiration Natur
Das ikonische Bauwerk verbindet modernes, nachhaltiges Design mit der reichen Kultur und dem Erbe der Vereinigten Arabischen Emirate. Die zahlreichen Aussichtsplattformen des Gebäudes sind Teil einer lang gestreckten, ovalförmigen Knospe an der Spitze des Turms. Der schlanke Stiel dient als Rückgrat der Struktur und die Kabel, die das Gebäude mit dem Boden verbinden, erinnern an die zarten Rippen der Lilienblätter. Die Struktur bietet auch ein Leuchtfeuer in der Nacht, mit einer Beleuchtung, die das Blütenknospen-Design des Gebäudes betonen wird. Calatrava entwarf den Creek Tower jedoch auch mit einem großen Fokus auf Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Der Turm wird ein hocheffizientes Kühlsystem verwenden und das von diesem System gesammelte Wasser wird die Fassade des Gebäudes reinigen. Elegante Landschaftsgestaltung und Vegetation werden den Sonnenschutz fördern. Ein integriertes Beschattungssystem und Flügeltüren werden ebenfalls zur Energieeffizienz beitragen. Das Gebäude wird über zehn Aussichtsplattformen verfügen, darunter der Pinnacle Room, der einen noch nie dagewesenen Ausblick – ein 360-Grad-Blick über die Stadt und darüber hinaus – bietet. Unter den verschiedenen Decks befinden sich auch zwei VIP-Aussichts- Gartendecks, die die Pracht der Hängenden Gärten von Babylon, eines der sieben Weltwunder der Antike, nachempfinden sollen. Das Gebäude wird auch zahlreiche Balkone umfassen, die sich  außerhalb der Fassade des Turms drehen. Auf einer der drei öffentlichen Aussichtsplattformen wird es ein Café geben und zahlreiche Räume im Gebäude können für Veranstaltungen genutzt werden. Die ebenerdige Central Plaza des Turms wird als belebtes Nachbarschaftszentrum mit erstklassigem Einzelhandel, einem Museum, Bildungseinrichtungen und einem überdachten Auditorium dienen.

Die Kunst im Blut
Das monumentale Bauwerk stellt die vorläufige Amplitude von Calatravas Ingenieurskunst dar. Der zweifellos stets vorhandene rote Faden bei all seinen Arbeiten ist eine optische Dynamik, die er den statischen Körpern verleiht, indem er sie in filigrane, skelettöse Strukturen auflöst, gepaart mit ondulierenden Silhouetten, die – oft weithin sichtbar – den Ort intensiv mitprägen und die Fantasie des Betrachters dahingehend anregen, wie es wohl wäre, würde sich alles zu bewegen anfangen. So gesehen hat Santiago Calatrava auf jeden Fall den Künstlerstatus erreicht, ohne die von ihm einst angestrebte klassische Ausbildung dafür zu machen. Ähnlich wie Carlo Scarpa, der mit großer Leidenschaft seine Gedanken mit atemberaubend schönen Skizzen zu Papier brachte – „ich zeichne, weil ich sehen will“ –, nehmen auch bei Calatrava die Projekte über den Bleistift Form an. Allein die grafische Sammlung würde selbst schon ganze Bücher füllen.

Skulpturen
Die Leichtigkeit seiner Architektur ist legendär: Museen werden selbst zur Skulptur, Bahnhöfe erinnern an Zugvögel, die zum Flug ansetzen, und seine Brücken und Türme sind wie filigrane, emporragende Nadeln, die an feinen Fäden hängen. Die Erdanziehungskraft scheint hier überhaupt keine Rolle zu spielen. Doch Santiago Calatrava macht sich gerade diese zunutze und setzt sie raffiniert, wenn auch im Verborgenen, für seine architektonischen Kreationen ein. Bis heute blitzt seine ingenieurswissenschaftliche Diplomarbeit mit dem Titel „Zur Faltbarkeit von Fachwerken“, die sich intensiv mit geometrischen Kompressionsmodellen im Raum auseinandersetzt, in seinen Werken durch. Die Ableitung von natürlichen Verknüpfungen und Schnittstellen spielt dabei die zentrale Rolle. Ans Aufhören denkt Calatrava, der dieses Jahr 70 wird, noch lange nicht. Denn er ist noch nicht angekommen: „Ich habe mir vorgenommen, bis zum Ende meines Lebens zu arbeiten, wenn mir das vergönnt ist.“

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