Thema
© Hotel Daniel Vienna
In das erste Bürogebäude mit Curtain Wall Fassade von Georg Lippert (1962) ist das Hotel Daniel der steirischen Weitzer Gruppe eingezogen.
© Hotel Daniel Vienna

Das zweite Leben

© 25hours Hotel Company
Die architektonische Konzeption des 25hours stammt von BWM Architekten und Partner, das Interior vom Designteam dreimeta.
© 25hours Hotel Company

Gestern, heute, morgen kann man architektonisch sehr gut auf einen Nenner bringen. Was es dazu braucht? – Die Chancen erkennen. Und ergreifen.

von: Barbara Jahn

Sie waren einst die Superstars der Architektur: unbegrenzte räumliche Möglichkeiten, wirtschaftlich, schnell errichtet, und sie brachten mit ihren Vorhangfassaden einen neuen Stil, der die Zukunft verkörperte. Wer etwas auf sich hielt, begehrte ein Büro in einem solchen Skelettbau, der mit seiner Rasterung und Transparenz eine ganze Generation begeisterte. Es gab aber schon Zeiten, in denen man die im Eilzugstempo aufgestellte und damals revolutionäre Nachkriegsarchitektur der 1950er, 1960er und 1970er Jahre gar nicht mehr goutierte. In den Augen vieler stellten sie teilweise einen Schandfleck dar, den man am besten wieder korrigieren sollte. Jedoch kam es wieder anders, als man dachte, die Zeit überrollte die Kritiker und der Platz wurde einfach gebraucht.

Die Vorläufer
Besonders in Wien ist vielerorts zu be­obachten, dass Gebäude aus dieser Zeit gern nachgenutzt werden, in der Mehrzahl wohl als Hotel, weil sich die Rasterung in der Bauweise geradezu als prädestiniert für die Unterteilung in einzelne Kompartments herausstellte. Das vermeintlich aus ästhetischer und funktionaler Sicht Verpönte wird jetzt als schick und hipp empfunden, einhergehend mit einer gewissen Leichtigkeit, mit der man heute Architekturprojekte betrachtet. Doch es gab auch die Zeiten, in denen man stolz war auf den Baustil der Fünfziger, der elegant, solide und seiner Zeit voraus war. Oft inspiriert von Ludwig Mies van der Rohe – große Verglasungen, Offenheit und vor allem ein hoher Grad an Flexibilität. Eines der schillerndsten Beispiele dieser nachgenutzten Hotel-Gattung ist die Cité Radieuse von Le Corbusier in Marseille. Das zwischen 1947 und 1951 errichtete Gebäude erinnert an einen gestrandeten Passagierdampfer und befindet sich heute auf der Liste des UNESCO Welterbes. Ursprünglich der Versuch eines  neuen Wohnsystems mit insgesamt 337 Wohnungen, teilweise in Maisonette-Form mit 23 verschiedenen Grundtypen und
einer Reihe gemeinschaftlich zu nutzender Zonen wie Geschäfte, Schule und Turnhalle sowie Freilufttheater, wohnen auch heute passionierte Anhänger dieses Systems vor Ort. Ein Teil wurde in Form eines kleinen Hotels namens Hotel le Corbusier jedoch dem Tourismus geöffnet. Das Konzept des Vorläufers der legendären Plattenbauten wurde in drei weiteren französischen Städten und in Berlin kopiert. Der originale Betonskelettbau wurde bereits 1986 unter Denkmalschutz gestellt.

 

Die Qualität der Geschichte
In Salzburg, einer Stadt, die komplett unter der Patronanz des UNESCO Welterbes steht, befindet sich das Hotel Stein, ein Haus mit bewegter Geschichte. Seine Bestimmung war zwar immer schon, für das Wohl von Gästen zu sorgen, aber hier gab es Zwischenstationen, die das Gebäude seinem Zweck nicht nachkommen ließen, nämlich als es von 1945 bis 1950 von amerikanischen Truppen besetzt wurde. Erst nach 1951 nahm das 1399 als Aus­gabestelle von Speisen und Getränken für vorbeikommende Fuhrwerksleute gegründete Steinbräu den Hotelbetrieb wieder auf und startete neu durch. Eine besondere Geschichte, wo die fünfziger Jahre, auch wenn kein Skelettbau, immer wieder ge­stalterisch durchblinzeln.

Doch zurück zu den wiederentdeckten Stahlbetonkonstruktionen. Auch in den 1970er Jahren entstanden gefeierte Gebäude im Skelett-Design. Zum Beispiel das Studentenheim in der Lerchenfelderstraße in Wien, das Architekt Kurt Schlauss 1971 als klassischen Stahlbetonskelettbau mit sechs Geschoßen und regelmäßiger Fensterteilung plante. Prominent benachbart mit Palais Auersperg und Palais Trautson, wurde daraus 2011 ein Hotel unter dem Namen 25hours, entworfen von BWM Architek­ten und Partner. Das eigentlich unscheinbare, aber zweckmäßige Gebäude wurde unter Erhalt der originalen Fassade aufgefrischt und mit einem dreigeschoßigen Glaskubus gekrönt. Unter dem generellen Thema Circus trug das mit dem Interior beauftragte Designteam dreimeta viele Fundstücke zusammen, die einen gelungenen Vintage-Style ins gesamte Hotel zaubern.

Wink mit dem Zaunpfahl
Geschichte geschrieben hat auch die Grazer Weitzer Gruppe, die sich mit ihren Hotel-Projekten in diesen Immobilien wieder­findet. Die Erfolgsgeschichte von Florian Weitzer begann 2010 mit dem Umbau des altehrwürdigen Grand Hotel Wiesler in Graz, das heute als Hotel Wiesler junges, urbanes Publikum anzieht. Zur Gruppe gehört auch das Hotel Daniel am Grazer Bahnhof – das ursprüngliche, 1886 von ­Alois Daniel errichtete Hotel direkt an der Bahnstrecke von Wien zur öster­reichischen Riviera wurde Opfer des Krieges.

Rund 60 Jahre später ist es Georg Lippert, der das Daniel entscheidend prägt. Der renommierte Architekt war es, der das Haus nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg völlig neu aufbaute und zu einem charakteristischen Beispiel für die Architektur der 50er Jahre machte. Mit dieser Hintergrundgeschichte ist es natürlich spannend zu verfolgen, dass Florian Weitzer auch für das Hotel Daniel in Wien einen Lippert-Bau im Auge hatte. Das 1962 als Bürohaus erbaute und denkmalgeschützte Gebäude am Landstraßer Gürtel überzeugte nicht nur ob seiner historischen Substanz und günstigen Lage in der Stadt. Sondern auch wegen seiner einzigartigen Architektur als erstes Haus in Österreich, dessen Fassade im revolutionären Curtain Wall-Stil gebaut wurde. Lippert brachte damit ein Stück amerikaorientierten Zeitgeist nach Wien – es war der erste Wiener Bau mit klimatisierten Großraumbüros und einer vom konstruktiven Gerüst unabhängigen, wie ein Glasvorhang vor die Fassade gehängten „Curtain Wall“, in der Nachfolge des emigrierten Bauhaus-Direktors Ludwig Mies van der Rohe.

Leben lassen statt platt machen
Das Faible für Wien und die fünfziger Jahre spornte die Weitzer Gruppe zu einem weite­ren Projekt in Wien an. Hans Lauda, der erste Präsident der Industriellenvereinigung und Generaldirektor der Veitscher Magnesitwerke, hatte 1950 einen Geheimdienstbau am Stubenring errichtet, der symbolisch für den Wiederaufbau des vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Wien stand. In den zog nun das Grand Hotel Ferdinand ein. Wichtig dabei war auch hier der Erhalt des Gebäudes, wenngleich keine ursprüngliche Ringstraßenperle mehr.

Innere Stadt, anderer Schauplatz: Auf der geschichtsträchtigen Adresse Rotenturmstraße 15, wo heute das Hotel Lamée liegt, wird der Standort der römischen Porta Dextra Principalis vermutet. 1745 verstarb dort Architekt Johann Lukas von Hildebrandt in einem der Vorgängerbauten. Das heutige Haus entstand 1934 nach Entwürfen von Hermann Aichinger und Heinrich Schmid Junior im Auftrag der Allgemeinen Baugesellschaft Porr. Das äuße­re Erscheinungsbild wurde im originalen Zustand belassen, drinnen findet sich eine harmonische Mischung aus Alt und Neu, die auf den Glamour Hollywoods der 1930er Jahre und den typischen Wiener Charme verweist.

Natürlich gäbe es noch eine Fülle an weiteren Beispielen, die es sich zu erzählen lohnte. Wichtig bleibt jedoch die Botschaft, dass jeder Baudekade ihre eigene Schönheit innewohnt und man mit wichtigen und unwiederbringlichen Zeugnissen der Architekturgeschichte behutsam umgehen sollte. Der Abrissbirne sind leider schon viel zu viele Bauten zum Opfer gefallen. Beim Park Hyatt am Hof, beim Sans Souci, beim Palais Hansen, aber auch bei Otto Wagners Postsparkasse, der Alten Post oder beim alten Handelsgericht in der Riemergasse werden und wurden Lösungen gesucht. Architekten, die ihr Handwerk verstehen, schätzen Baukultur jeden Alters und sehen immer das Potenzial eines bestehenden Gebäudes.


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