Thema

Das „Grazer Modell“ und der Fachbeirat für Baukultur

© Atelier für Architektur ZT GmbH
Gestaltungswettbewerbe wie das Quartier 12 im Stadtteil Reininghaus werden nach dem Grazer Modell durchgeführt.
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Gastkommentar des Grazer Stadtbaudirektors Bertram Werle über die Instrumente der Baukultur in der steirischen Landeshauptstadt.

Der Architekturwettbewerb ist das sicherste Qualitätsinstrument für Bauherren, um standortbezogen und bedarfsorientiert das am besten geeignete Projekt aus mehreren Lösungsvorschlägen zu ermitteln. Die Stadt Graz verfolgt dabei das Ziel, mit dem größtmöglichen kreativen Potenzial ein hohes Maß an Gestaltungs- und Nutzungsqualität sowie Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit umzusetzen. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Wettbewerbsvorbereitung, denn die Startphase mit der Projektentwicklung und Projektplanung ist für den Erfolg einer der entscheidendsten Faktoren.

Bekenntnis der Stadt Graz zum Architekturwettbewerb
Noch vor Inkrafttreten des Bundesvergabegesetzes 2002 vereinbarte die Stadt Graz im Jahr 1999 mit der Kammer der Ziviltechniker, für die Planung und Errichtung öffentlicher Hochbauten Realisierungswettbewerbe auszuloben und abzuwickeln. Die Beweggründe dazu lagen einerseits darin, dass man den Wettbewerb als hervorragendes Instrument zur qualitätsvollen Weiterentwicklung eines zeitgemäßen Stadtbildes erkannte, andererseits wurde auch der Ruf nach mehr Transparenz und erhöhter Planungsqualität laut.

Architekturwettbewerbe nach dem „Grazer Modell“
Projekte privater Investoren unterliegen nicht dem Bundes­vergabegesetz. Sie werden aber wie öffentliche Bauten auch an ortsbildprägenden Standorten realisiert und liefern einen wichtigen Beitrag zur architektonischen Vielfalt der Stadt. Insofern sind auch hier optimierte Verfahren zur Umsetzung nachhaltiger Bauprojekte für ein unverwechselbares und qualitätsvolles Stadtbild erforderlich. 2006 wurde nach jahrelangen Vorarbeiten und Verhandlungen zwischen Vertretern der Stadt Graz, der Wirtschaftskammer und der Kammer der Ziviltechniker die Durchführung von „Wettbewerben nach dem Grazer Modell“ im Gemeinderat beschlossen. Eine aktuelle Anpassung dieses Formats wurde im Herbst 2018 einstimmig im Gemeinderat angenommen. Das Modell sieht als wesentliches Ziel vor, durch die Aktivierung des Wettbewerbswesens die Baukultur zu fördern und zu stärken. Durch die aus freien Stücken vereinbarte Kooperation zwischen den Interessengruppen entsteht eine Verbindlichkeit. Stadtverwaltung und Investoren wirken bereits bei der Erstellung der Wettbewerbsgrundlagen zusammen. Die im Rahmen eines solchen Wettbewerbs ausgewählten Projekte gelten – wenn ihre wesentlichen Parameter beibehalten werden – für die nachfolgenden Verfahren der Stadt Graz als grundsätzlich umsetzungsfähig und erhalten ein positives städtebauliches Gutachten des Stadtplanungsamts. Neben der Planungssicherheit ist eine weitere effektive und rasche Abwicklung der Projekte die Folge. Aktuell liegt der Schwellenwert zur Durchführung eines Architekturwettbewerbs nach Grazer Modell bei einer Projektgröße von 3000 Quadratmetern BGF (Bruttogeschoßfläche). Bei städtebaulich prägnanten Projekten – sogenannten Hot Spots – kann seitens der Stadt Graz auch bei kleineren Bauaufgaben ein Wettbewerb vorgeschlagen werden. Bis 5000 Quadratmeter BGF (Kategorie 1) sind sechs Wettbewerbsteilnehmer vorgesehen und das Verfahren wird einstufig abgewickelt. Je drei Teilnehmer werden vom Investor und der Stadt nominiert, wobei die Stadt Graz auf ein Nominierungssystem der Architektenkammer zurückgreift. Eine darin verankerte Zuladungsliste stellt einen qualifizierten Teilnehmerpool dar, der auf einem Punktesystem basiert. Eine Förderung junger Ziviltechniker ist durch den Startbonus innerhalb dieser Zuladungsliste gegeben. Ab einer BGF von 5000 bis 10.000 Quadratmetern (Kategorie 2) werden acht Teilnehmer geladen, auch hier ist das Verfahren einstufig. Bei Verfahren bis 15.000 Quadratmeter BGF (Kategorie 3) wird die Teilnehmerzahl auf mindestens neun und die Anzahl der Preisrichter auf mindestens acht Personen erhöht. Für Verfahren über 15.000 Quadratmeter werden offene, zweistufige Wettbewerbe vorgeschlagen. Das Preisgericht setzt sich jedenfalls aus Vertretern des Investors, der Kammer der Ziviltechniker, der Stadt Graz und des Fachbeirates für Baukultur – auf den im Folgenden eingegangen wird – zusammen. Als städtebauliche Vorstufe zu Architekturwettbewerben sind auch kooperative Verfahren denkbar. Das Wettbewerbsergebnis wird von allen Beteiligten als Grundlage für eine Auftragserteilung zumindest über die Vorentwurfs-, Entwurfs- und Einreichplanung anerkannt. Die Gewinner des Wettbewerbs werden zur Umsetzung des Projektes und somit zu Verhandlungen eingeladen. Diese Vorgangsweise wird erfreulicherweise auch von der Wirtschaftskammer empfohlen. Als ergänzende Maßnahme ist der Einsatz zivilrechtlicher Vereinbarungen zur Absicherung der Umsetzungsqualität möglich.

Fachbeirat für Baukultur
Der Fachbeirat für Baukultur ist ein Sachverständigengremium mit externen Expertinnen und Experten, welches für die Bewertung hinsichtlich Ortsbild, Gestaltungsqualität, städtebaulicher Dimension, öffentlichem Raum, Nachhaltigkeitskriterien und Energieeffizienz grundsätzlich vor dem Bauverfahren in der Planungsphase tätig wird. Seine Installierung wurde 2010 im Gemeinderat im Zusammenhang mit einer Evaluierung der qualitätssichernden Instrumente der Stadt Graz und intensiven Abstimmungen einstimmig beschlossen. Seit Jänner 2012 finden die beratenden Sitzungen des Fachbeirats für Baukultur alle zwei Monate statt. Der Zuständigkeitsbereich umfasst Neu- und Zubauten innerhalb des Stadtgebietes von Graz – mit Ausnahme der Schutzzonen nach dem Grazer Altstadterhaltungsgesetz (GAEG) und Bauplätzen, die zur Gänze im Industrie- und Gewerbegebiet liegen – ab einer Größenordnung von 2000 Quadratmeter BGF.

Vernetzung von Wettbewerb und Fachbeirat
Die beiden Instrumente „Wettbewerbswesen nach dem Grazer Modell“ und „Fachbeirat für Baukultur“ sind miteinander verknüpft und stützen und ergänzen sich gegenseitig. Da in jedem Architekturwettbewerb ein Mitglied des Beirats als Hauptpreisrichter vertreten ist (Ausnahme Schutzzonen nach dem GAEG) und das Wettbewerbsergebnis den übrigen Fachbeiratsmitgliedern zur Kenntnis gebracht wird, kann für ein Siegerprojekt die Fachbeiratsvorlage entfallen – vorausgesetzt das Projekt wird ohne gravierende Änderungen in ein Baubewilligungsverfahren eingereicht. Bei Abweichungen des Einreichprojekts vom Wettbewerbssiegerprojekt ist die Planung jedoch dem Gremium vorzulegen. Dies gilt sinngemäß ebenso für Planänderungen aller vorgelegten und ursprünglich positiv beurteilten Projekte. Die Baubehörde informiert in solchen Fällen die geschäftsführende Stelle des Fachbeirates, leitet die Planunterlagen an diese weiter, und es kommt zu einer neuerlichen Beurteilung durch den Fachbeirat für Baukultur.

Fazit
Durch die Einbindung von zugeladenen externen Expertinnen und Experten werden die Planungskontinuität und Transparenz objektiviert. Zudem hilft die fach­liche inhaltliche Abstimmung zu Beginn der Projekt­phase, die nachfolgenden Verfahren effektiv und zügig abzuwickeln. Dabei werden architektonische Qualitäten klarer definiert und eine bessere Verankerung der Baukultur im städtischen Gefüge erreicht. Insbesondere in einer seit Jahren schnell wachsenden Stadt sind qualitätssichernde Instrumente wesentlich. Sie führen zu positiven Projektergebnissen, welche auch durch mehrere Architekturpreise ausgezeichnet wurden.

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