340 Architektur

Auf der Suche nach ­zukunftsfähigen Gebäuden

© Lukas Schaller
Staatspreisträger Architektur, Bereich Verwaltung: Post am Rochus von Schenker Salvi Weber und feld72 Architekten.
© Lukas Schaller

Die Tendenz zu urbaner Nachverdichtung mit stark ökologischen Aspekten verstärkt sich. Begrünte Fassaden, nachhaltige Baumaterialien und Niedrigenergie- bzw. energieneutrale Gebäude werden mit Architekturpreisen ausgezeichnet.

von: Susanne Karr

Unter den weltweit verorteten Architekturtrends finden sich kompostierbare Türme, Holz-Wolkenkratzer, 3D-gedruckte Interiors sowie Indoor- und Outdoor-Parks. Die Integration vertikaler Gärten in den Stadtraum stellt nicht nur unter ästhetischen Gesichtspunkten einen wichtigen Input in zukunftsfähige Planung dar. Pflanzen helfen, Zonen abzukühlen, filtern Staub aus der die Luft und dämpfen Lärm. Klimatische Verbesserungen fließen also in die Planungen ein, und auch die steigenden Bemühungen, vorhandenes Gebäudematerial aufzubessern und wieder/anders zu verwenden, bezeichnen ein Bewusstsein für Ressourcenschonung. Die Auswahl der Gewinner verschiedener Wettbewerbe lässt sich teilweise diesen Trends zuordnen – zum anderen scheinen Bauten, die dem Dino­saurier-Paradigma „höher, glänzender, mehr Stahl, mehr Glas“ folgen, immer noch einige Faszination auszuüben.

Staatspreis Architektur
Vor kurzem sind die diesjährigen österreichischen Staatspreise für Architektur in den Sparten Handel und Verwaltung verliehen worden. Das Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort zeichnet mit diesem Preis alle zwei Jahre „herausragende Architekturprojekte“ aus. Dabei kann es sich um neu errichtete, umgebaute oder erweiterte Gebäude aus den abwechselnden Bereichen Tourismus und Freizeit, Industrie und Gewerbe, Verwaltung und Handel handeln. Ein optimales Zusammenspiel verschiedener Faktoren ist ausschlaggebend für die Beurteilung durch eine Jury, die aus Architekten, Ministeriumsangehörigen und Publizis­ten besteht. Als Kriterien sind hierfür genannt: Qualität der architektonischen Gestaltung; Einfügung in die Umgebung; Funktionalität/Nutzerwert; Erhaltungs- und innovationsstiftende Impulse; ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit; nachhaltiger Res­sourceneinsatz bei Errichtung; Betrieb/Rückbau/Bau­material/Energie; soziale Nachhaltigkeit; verant­wortungsbewusster Umgang mit Menschen/Barrierefreiheit; Wirtschaftlichkeit/Flexibilität/Anpassungsfähigkeit an Marktveränderungen; Integration digitaler Lösungen; Regionale Wirkungen/Berücksich­tigung des sozialen Umfeldes bei der Standortwahl.

Bundesministerin Margarete Schramböck bemerkte bei der Verleihung des Staatspreises im Technischen
Museum Wien zu den Ansprüchen an Architektur: „Ex­zellente Baukultur und innovativer Einsatz von Zukunftstechnologien sind heute eine Selbstverständlichkeit für Unter­nehmen mit internationaler Positionierung. Architektur als Showcase ist die multidimensionale Visitenkarte von Unternehmen und schafft ein attraktives Arbeits­umfeld für hochqualifiziertes Personal am digitalen Arbeits­platz von heute und morgen.“

Anforderungen der Arbeitswelt
Zwei Projekte von sieben Nominierten erhielten die Auszeichnung, ein weiteres einen Sonderpreis. In der Kategorie Verwaltung wurde die „Post am Rochus“ in Wien als Gewinner gewählt. Das Projekt wurde vom Wiener Architekturbüro Schenker Salvi Weber gemeinsam mit feld72 Architekten entwickelt, Bauherr war die Österreichische Post AG. Die Auszeichnung in der Kategorie Handel erhielt das M1 Einkaufszentrum Mittersill in Salzburg vom Innsbrucker Architekten Rainer Köberl gemeinsam mit Paul Pointecker. Hier war die MPREIS Warenvertriebs GmbH als Bauherr verantwortlich. Der Sonderpreis ging an das Sammlungs- und Forschungszentrum der Tiroler Landesmuseen – Hall in Tirol, geplant vom Wiener Architekturbüro Franz&Sue und dem Bauherrn Land Tirol.

Der Preis soll zeigen, dass es bei derartigen Bauauf­gaben um einen Brückenschlag zwischen Architektur und Arbeitswelt geht. Die Projekte sollen zur steigenden Attraktivität des Standorts und des Betriebs beitragen. Geht man davon aus, dass sich Unternehmen in Zukunft noch mehr als heute einem Wettbewerb um die besten Mit­arbeiter stellen müssen, ist ein Standort, der ästhetisch punkten kann, ein wesentlicher Vorteil. Richtungsweisend ist ein Auftritt mit klarem Fokus auf einer optimierten Umgebung, in der sich Mitarbeiter inspiriert ihren Tätigkeiten widmen können. Die prämierten Projekte sollen entsprechend diesen Forderungen zukunftsweisende Impulse setzen. Im Hinblick auf die fortschreitende Digitalisierung ist es wichtig, in der Planung zu bedenken, dass vielfältige Tätigkeiten von den arbeitenden Menschen verlangt werden und Routinearbeiten zunehmend wegfallen. Entsprechend müssen Umgebungen flexibel für verschiedene Prozesse adaptierbar sein. Architektur setzt hierfür die Rahmenbedingungen und kann Orte so gestalten, dass eine insgesamt positive Grundstimmung entsteht. Licht, Raumhöhen, Materialien, Möglichkeiten für Teamarbeitsplätze ebenso wie für zurückgezogene Phasen sind etwa wichtige Elemente. Zudem brauchen Mitarbeiter eine Atmosphäre, die Kommunikation und Kreativität fördert, um motiviert und professionell arbeiten zu können.

Preisträger Staatspreis
Das Siegerprojekt „Post am Rochus“, das sich als Um- bzw. Zubau zu einem denkmalgeschützten Bestands­gebäude aus den zwanziger Jahren in eine definierte Stadtumgebung einpasst, wurde vom Wiener Architekturbüro Schenker Salvi Weber realisiert (Projektberichte gab es in den Ausgaben 331 und 335). Die Aufgabe wird mit einem leichten Würfel mit „dezent plastisch ausformulierter Fassade“ umgesetzt, entsprechend der von der Post gestellten Aufgabe, „Stadtbaustein“ zu sein und mit der Umgebung zu kommunizieren. Durch die Öffnung in der Erdgeschoßzone wird Bezug zum Rochusmarkt hergestellt, die Rückseite des Gebäudes setzt sich in einen ruhigeren Bezug und schließt an den Grete Jost Park an. Der denkmalgeschützte Altbau ist in das neue Gebäude integriert. Eine Art Atrium verbindet den alten mit dem neuen Teil. Außer Postbüros für 1.000 Mitarbeiter in den oberen Geschoßen gibt es eine 5.000 Quadratmeter große Mall mit Auslagen.

Siegerprojekt im Bereich Handel ist das Einkaufszentrum Mittersill. Es präsentiert sich als Betonbaukörper mit individuellem Charakter: Durch den Einsatz von vier Meter langen, leicht konisch verlaufenden Brettern, die in rhythmischem Abstand horizontal auf die Standardschalung genagelt sind und vom Architekten als „Schwartln“ bezeichnet werden, entsteht durch die Stofflichkeit des Holzes eine zeitlose Anmutung. So korrespondiert das Gebäude zwanglos mit dem mittelalterlichen Steinmauerwerkturm in der Nähe. Die Verpflichtung zu einer solchen Einhausung wäre für die üblichen Geschäftsanhäufungen an Ortsrändern ein deutlicher ästhetischer Gewinn, ebenso die Einbeziehung von Grünraum in die Gebäudefläche. So lobte auch die Jury die „kompakte Lösung für diese Bauaufgabe, die in der Regel mit einer linearen Aneinanderreihung von Geschäften und einem meist über­dimensionierten Parkplatz davor gestaltet wird.“

Highrise international
Nachhaltigkeit, äußere Form und innere Raumqualitäten fordert auch der internationale Hochhauspreis als wichtige Kategorien bei der Preisvergabe. Allein mit Repräsentation ist das Rennen nicht mehr zu machen, ökologische und soziale Aspekte werden auch im Bereich Highrise immer wichtiger. So zumindest die Theorie. Der Preis des Deutschen Architekturmuseum Frankfurt DAM, der von der Deka Bank gesponsert und alle zwei Jahre vergeben wird, legt keine Verwendung für die Bauten fest. Sie müssen zwar mindestens hundert Meter hoch sein, können aber als Wohnhaus, Bibliothek, Bürokomplex, Hotel oder gemischt genutztes Gebäude errichtet sein. Außerdem müssen sie in den vergangenen zwei Jahren fertiggestellt worden sein.

Das Siegerprojekt wird Anfang November bekannt­gegeben. Nominiert waren 36 Projekte aus 15 Ländern, aus denen die international besetzte Jury fünf Finalisten wählte. Vorsitzender der Jury war Kai-Uwe Bergmann von BIG (Kopenhagen) – BIG hatte den Preis 2016 mit dem Wohnhochhaus VIA 57 West in New York für sich erringen können (siehe Ausgabe 329). Von den diesjährigen Finalis­ten befindet sich kein Projekt in USA oder Europa, sondern alle in Asien und eines in Mexico City.
Die Finalisten: Maha Nakon Tower, Bangkok, von Büro Ole Scheeren, Bangkok und OMA Office for Metropolitan Architecture, Peking, der mit seinen verschobenen Stockwerken wie ein verpixeltes Bild wirkt. Chaoyang Park Plaza in Peking von MAD Architects, Peking, sieht sich inspiriert von der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei, entsprechend sollen die Bürotürme an Berge erinnern. Einen wesentlich stärkeren Naturbezug sieht man allerdings beim OASIA Singapur von WOHA Architects, einem Projekt, das mit seiner grünen Fassade und den tropischen Gärten tatsächlich eine senkrechte Oase in der Stadt bildet. Beirut Terraces in Beirut von Herzog & de Meuron, Basel, stellt sich mit gegeneinander verschobenen Geschoßplatten luftig den heißen Temperaturen im Libanon. Der Torre Reforma von L. Benjamín Romano in Mexiko City überzeugt durch ein ausgeklügeltes Tragwerkskonzept – vor allem in der Millionen-Metropolen mit ihren häufigen Erdbeben ein wichtiges Asset.
Die ausgewählten Projekte spiegeln exemplarisch die Bandbreite und den Interpretationsspielraum des Themas wider, und auch wie ernst und wichtig tatsächlich ökologische und soziale Konzepte genommen werden. Die Entscheidung wird mit Sicherheit ein Statement diesbezüglich sein.

In kleinerem Maßstab
In kleinerem Rahmen bildet auch der Wettbewerb um „Das beste Haus“ in Österreich diese Diskussionen ab. Der Preis wurde im März zum siebten Mal vergeben. Ausgeschrieben wird er von der s Bausparkasse in Zusammenarbeit mit dem Bundeskanzleramt Österreich und dem Architekturzentrum Wien mit Unter­stützung regionaler österreichischer Architekturinstitutionen.

Jedes Bundesland war mit mindestens einem Projekt vertreten, um den vielfältigen geografischen und kulturellen Gegebenheiten Rechnung zu tragen. Ziel des Wett­bewerbs ist es, eine Brücke zwischen den einander widersprechenden Anforderungen zu schlagen: dem Traum vom Eigen­heim und der Zersiedelung. Entsprechend werden mit diesem Preis sowohl die Auftraggeber als auch die Architekten ausgezeichnet. Ein erklärtes Ziel ist daher die „sensible Reaktivierung von historischer Substanz, eine bewusste Rückkehr in traditionelle Ortskerne und generell kompakte, durchdachte Häuser, die mit
wenig Fläche große Qualität erzeugen. Weiters hebt der Preis programmatische Konzepte hervor, die Wohnen und Arbeiten verbinden und das Zusammenleben der Generationen fördern“, wie es Gernot Blüml, Bundes­minister für EU, Kunst, Kultur und Medien, formulierte.

Von den ausgezeichneten Projekten lassen sich hier einige als beispielhaft für die Bemühung bewerten, nachhaltiger, energieeffizienter und auch innovativer zu denken und zu planen. Etwa das Haus T in der Steiermark, realisiert von Ulrike Tinnacher. Es signalisiert eine Einheit mit den umgebenden Weingärten. Der Neubau auf dem 350 Jahre alten Gewölbekeller soll wie die umliegenden Rebstöcke aus dem Boden wachsen, sich als zweitrangig in die Natur einordnen.

Ein Beispiel dafür, wie wenig Kubatur notwendig ist, zeigt das Haus am Teich der Architekten Hammerschmid, Pachl, Seebacher in Oberösterreich: Es ist zwar ein Neubau, steht aber auf einem bereits erschlossenen, elter­lichen Grundstück. Es kann als Nachverdichtung neben dem bestehenden Schwimmteich gelten.  Besonders schön ist die Tatsache, dass das Haus nach Bedarf mobil sein kann, denn Statik und Dimensionen ermöglichen den Abtransport und Aufbau an anderer Stelle. Dieses Haus wäre am Zyklusende einfach und spurlos „wegräumbar“.Ein besonders überzeugendes Beispiel an der Schnitt­stelle zwischen Urbanität, Natur und Privatheit bietet das Objekt des Innsbrucker Architekten Geri Blasisker. Das Konzept der japanischen „Minimal Houses“ funktioniert auch in seiner Übertragung in ländliche Ge­füge und ist extrem verdichtet. Auf einem nur elf Meter schmalen Grundstück in Absam wird jeder Quadratmeter optimal genutzt. Das Gebäude ist über eine Holzbrücke erreichbar, die über einen Bach führt. Dieser betreibt die Turbine mit Stromerzeugung für den Eigenbedarf. Zudem hat sich der Entwurf einer Aufrecht­erhaltung der Pflanzen auf dem Grundstück verpflichtet. Eine solche Herangehensweise kann als absolut beispielhaft bezeichnet werden.


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Datum: 24. Juni 2021 bis 16. Juli 2021
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