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Angedockt

Alle Fotos: © Gustav Willeit
Der Konferenzraum im Hochparterre öffnet sich zum Saal des Haupthauses.
Alle Fotos: © Gustav Willeit

Die Architekturgeschichte eines Bildungsbaus, die vor mehr als 200 Jahren begann, weiterzuerzählen ist wohl eine der größten Herausforderungen – für die Architekten und für den Standort selbst.

von: Barbara Jahn

„Dieses Gebäude war unser Meister, eine Fundgrube weiser, architektonischer Lösungen, raffinierter Details und geometrischer Muster; eine Muse der geschickten Inszenierung des natürlichen Lichts und der Verwendung weniger Materialien; Prägnanz, Einfachheit und Angemessenheit: ein Beispiel für wahre Schönheit, oder besser gesagt ‚concinnitas‘ auf Lateinisch.“ Für die Renovierung und Erweiterung der Cusanus-Akademie, ein Bildungszentrum im Südtiroler Brixen, das sich dem Austausch von Ideen an der Schnittstelle zwischen religiöser und weltlicher Welt widmet, wählte das Architekturbüro MoDusArchitects eine subtile Design­strategie: Um die Akademie besser in die Stadt einzubinden, greift das Projekt in das heterogene Ensemble von Seminar­räumen und Gästeunterkünften mit einem Spektrum von Interventionen ein – von mime­tisch bis offenkundig neu –, um einen organischeren Komplex zu bilden, der die Gemeinschaft einlädt.

Philosophie trifft Baukunst
Die Cusanus-Akademie – benannt nach Nikolaus Cusanus, einem einflussreichen, aufgeklärten Kardinal und Philosophen aus dem 15. Jahrhundert – befindet sich im östlichen Teil der Stadt am Ufer der Eisack und umfasst drei Gebäude: das Paul-Norz-Haus, das Mühlhaus und das Haupthaus, das vom Architekten Othmar Barth erbaut und als erstes modernes Gebäude von der Denkmalschutzkommission der Provinz Bozen unter Denkmalschutz gestellt wurde. Das war nicht selbstverständlich, denn bei seiner Einweihung 1962 löste das Gebäude viele Diskussionen aus. Doch von Zwist ist gegenwärtig keine Rede mehr: Heute gilt das Gebäude als eines der Wahrzeichen von Brixen und als Othmar Barths Meisterwerk. Der dem Humanismus der Renais­sance zugewandte Cusanus lernte, sich im Zuge verschiedener religiöser und politischer Ämter in Rom aufhaltend, Leon Battista Alberti kennen. Die Affinität zwischen Cusanus‘ und Albertis Ideen der „concinnitas“, der Kongruenz der verschiedenen Teile eines Gebäudes, bildet den Hintergrund für Barths architektonische Ausarbeitung der Beziehungen zwischen Teilen und Ganzem in Hinblick auf Einheit und Harmonie. Die beauftragten MoDus­Architects sollten nun sorgfältig und ausgewogen renovieren, damit die Vielzahl von technischen und gesetzlichen Anforderungen erfüllt werden kann, ohne die bisherige Unversehrtheit der Akademie zu verletzen. Insbesondere die Notwendigkeit einer besseren Zugänglichkeit veranlasste die Architekten, die vertikale und horizontale Zirkulation in einer neuen Form als Netzwerk von sozialen, öffentlichen Räumen zu überdenken.

Sichtbar unsichtbar
Das Projekt selbst bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen dem, was zu den ursprünglichen Gebäuden gehörend scheinbar unangetastet bleibt, und dem, was als neuer, deutlich sichtbarer Eingriff in Erscheinung tritt. Die beiden wichtigsten und sichtbarsten gestalterischen Eingriffe finden sich im Erdgeschoß des Haupthauses: Eine neu gebildete Achse öffnet das Gebäude, und, auf der unteren Ebene, wird ein großer Konferenzsaal zum neuen Dreh- und Angelpunkt. In Verbindung mit einem 2,90 Meter hohen Übergang, der über Struktur und Oberfläche, Öffnung und Schließung bis hin zur Strukturierung der Bodenmaterialien bestimmt, die wiederum die Positionierung der Sitzgelegenheiten markieren, ist das Gebäude eine packende Lektion in „multa paucis“: mit wenigen Worten viel sagen. In der Tat konvergiert die sorgfältige grammatikalische Konstruktion des Projekts in einer abstrakten Ordnung mit den realen Dimensionen des Beton­rahmens, den Ziegelwänden und Pflastersteinen sowie den Travertinplatten zu einem einheitlichen Ganzen. Der doppelt so hohe, gewölbte Raum des Haupthauses aus Beton im ersten Stock ist das architektonische Herzstück des gesamten Komplexes und damit – nicht überraschend – der Prüfstein für die Tönung sowie den Gesamtansatz der Renovierung. Obwohl die lakonische und nüchterne Konstruktion des Haupthauses einen klaren Design-Ethos diktierte, erhielten MoDusArchitects durch Archivrecherchen wertvolle Einblicke in die Formbarkeit des ursprünglichen Projekts, die Barths umfangreiche Dokumentation mit seinen vielen Variationen und beabsichtigten Ergänzungen erschließt.

Fließende Übergänge
Im Erdgeschoß eliminiert die neue Nord-Süd-Achse den Sackgassen-Korridor: Sie verbindet den Haupteingang mit dem Speisesaal in einer Art gegliedertem Durchgang, der vom neu eingeführten Coffee Shop und dem hofseitigen Eingangsbereich, informellen Sitzgelegenheiten und Ausblicken auf den einzigen Seminarraum, der sich auf dieser Ebene befindet, unterbrochen wird. Der großzügige Flur verkörpert das Ziel des Projekts, eine einladende Umgebung zu schaffen, ohne die konstruktive Logik des Gebäudes zu verlassen. Unter der Erde, im Souterrain, wird das ehemalige Clubhaus zu einer Reihe von Seminar­räumen umgestaltet, die wiederum an den freigelegten Anbau des großen, neuen Konferenzsaals angrenzen. Von
einem U-förmigen Oberlicht erhellt, umschreibt dieser den Grundriss des darüber liegenden Innenhofs und verwandelt den einst undefinierten Restraum in einen öffentlichen Ort des sozialen Austauschs. Eingebettet in die strukturelle Logik, stellt ein neuer vertikaler Erschließungskern die funktionale Verbindung zwischen Barths Projekt, den historischen Nebengebäuden und der von MoDusArchitects eingebrachten, unterirdischen Ebene dar.

Blick für das Wesentliche
In den Obergeschoßen des Paul-Norz-Hauses, des Mühlhauses und der flankierenden Längsseiten des Haupthauses befinden sich die Schlafräume für bis zu 96 Gäste. Die 55 Zimmer unterschiedlicher Größe und Kapazität sind durch Farbtöne im Paul-Norz-Haus blau und im Mühlhaus pistaziengrün gekennzeichnet, während die Räume des Haupthauses von den Originalmöbeln Othmar Barths oder Variationen davon bespielt werden. Im Hauptgebäude lassen die Laubengänge, die zu den Gästezimmern führen, auf die zentrale Haupthalle blicken und laufen im Norden auf die Kapelle und im Süden auf einen weiteren großen Konferenzsaal zu, der durch seine Anlage als Splitlevel mittels mobiler Trennwand zum zentralen Gewölberaum geöffnet werden kann. Die originalen Finn-Juhl-Sessel, die Barth für die verschiedenen Gemeinschaftsräume im Gebäude ausgewählt hatte, wurden restauriert und in den Ecken und Winkeln des Gebäudes wieder aufgestellt. Die spirituelle Qualität des Lichts, die von den gewölbten Oberlichtern ausgeht, findet sich auch in der Kapelle wieder. Der feierliche, sakrale Raum wurde nur durch den massiven Steinambo des Künstlers Lois Anvidalfarei verändert, der nun vor dem bestehenden Altar steht.
Mit einer sorgfältigen und gemäßigten Orchestrierung einer materiellen, tektonischen und technischen Palette von Lösungen oszillieren die unzähligen Interven­tionen von MoDusArchitects zwischen mimetischen, wechselseitigen und sorgfältig kontrastierenden Vokabularen. Das Ergebnis ist eine sich verlagernde Erzählung zwischen Alt und Neu, die die Grenze zwischen beidem verwischt und der Cusanus-­Akademie ein zeitgemäßes und zeitloses Erscheinungsbild verleiht.

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